Donaufestival [30.04. + 01.05.2014, Krems]

von am 6. Mai 2014 in Featured, Reviews

Donaufestival [30.04. + 01.05.2014, Krems]
© David Visnjic

Nur zwei Tage verbrachte ich am Donaufestival, doch diese zwei reichten aus um das Spektrum wiederzugeben, das dieses Festival so außerordentlich macht. Die Besucher, die Locations, die Sounds, die Kremser Gassen und die Performances – ein Trip wie ein Ausnahmezustand.

Der erste Tag startete gleich mit Tim Hecker im Klangraum Minoritenkirche, der Korpus der Kirche war mit Nebel gefüllt, die Person neben sich konnte man nur schwerlich erkennen. Dann begann Tim Heckers Musik, ein Ambientteppich und verschiedenste Soundgebilde, die wahrlich zeit- und raumlos sind. Es gab keinen Grund mehr sich auf den Sehsinn zu verlassen, deshalb genoss ich mit geschlossenen Augen die narkotisierende Wirkung des Konzerts.

Nach dem Up und Down Lifting der Kirchenerfahrung ging es in der Messehalle weiter mit Gardland, die nun Musik für meine Füße produzierten. Ihre manchmal verspielt kindliche Auslegung von Techno ist hervorragende Tanzmusik, die aber auch scharfe Kanten aufblitzen lässt um dann wieder ein Dancefloor Vergnügen preiszugeben.

© David Visnjic

© David Visnjic

Im Stadtsaal offenbarten Kim Gordon und Bill Nace ihre persönliche Auslegung von Minimalismus meets Syd Barrett. Das Konzert von Body/Head war eine Art Konversation mit Noise, zwei Gitarren, Effekten, verfremdeter Mundharmonika und einem Kurzfilm in Ultra-Zeitlupe. Wenn wir schon Syd Barrett erwähnen, ja, genau so könnte ein zeitgenössischer UFO Club sein: Film, Musik, Licht und fertig ist die musiküberschreitende Erfahrung. Gordon und Nace liefern mit dem Nötigsten alles was die Hörerin und der Hörer brauchen, und vor allen Dingen gibt es Gordons Stimme, die uns auch etwas zu erzählen hat.

Body Head © David Visnjic

© David Visnjic

Der Höhepunkt des Tages war Pharmakons Performance. Das Gift und die Medizin gleichzeitig sind die Sounds, die Margaret Chardiet produziert. Ihr Auftritt wird die ganze Zeit in rotes Licht getaucht bleiben, sie packt zuerst einmal die Eisenplatte aus und macht einem Hexer gleich, klar, was kommt: schöner Lärm. Ihre Musiken sind dunkel, ihre Stimme ist verfremdet, sehr stark, kreischend, ihre Bühnenpräsenz und ihr Gang durchs Publikum furchteinflössend und anziehend zugleich. Ihr Blick und ihr Ausdruck während ihrer Performance ließen keinen Zweifel übrig, was sie tun will: ein getriebenes Ausspeien von verdammt eigenartigen Songs. Pharmakon ist mit ihrer energetischen Show momentan die beste Hexe der Musik-Welt, da ist es auch verständlich, dass der Auftritt der Künstlerin nicht mehr als 30 Minuten dauern kann.

© David Visnjic

Forest Swords im Stadtsaal lieferten ein episches Ende des ersten Tages. Matthew Barnes wird auf Tour von Bassist James Binary unterstützt, was glorios zusammenklingt. Matthew Barnes tänzelt und balanciert während er seine Sound-Maschinchen bedient, er schlägt auch manchmal die Gitarre an, gibt chorische Soundcollagen und –fetzen frei, die dann abrupt in die Tiefe fallen. Es ist dies eine Aufforderung zum Starten eines Kopfkinos für das Publikum, die Dubstep, Hip Hop infizierten Sounds und Samples, die Barnes benutzt lassen etwas sehr Eigenständiges und Warmes während des Hörens und Sehens entstehen. So überrascht es nicht weiter, dass Matthew Barnes an diesem Musik Tag der einzige und erste war, der dem Publikum ein „Thank you“ und ein „Give me some of your good energy“ schenkt.

© David Visnjic

Der Donnerstag beginnt wieder in der Kirche, diesmal mit Oren Ambarchi, der Ambient-Figuren entstehen lässt und dabei seine Gitarre benutzt. Das Publikum darf auf Stühlen sitzen oder am Boden, jedenfalls ist es ein kontemplativer Freuden-Akt, den Ambarchi mit verschiedensten Synthesizer-Sounds evoziert.

© David Visnjic

© David Visnjic

Kaum hat es sich auskontempliert kommt James Ferraro auf die Bühne der Kirche mit wunderbaren Visuals und einem netten Hut auf dem Kopf. Gab es zuvor bei Ambarchi nur eine Lichtstimmung, flirrt es nur so bei Ferraro. Und genau das lässt sich auch für seine Musik konstatierten: ein Ennio Morricone der New Yorker Hölle steht da vor uns. Er liefert Samples mit Stimmen, Wortwiederholungen, Soundtrack-Schnipsel, etwas Popol Vuh der Jetzt-Zeit und Synth-Chöre, die zu Salzsäulen erstarren. Sein Set ist hymnisch und dann wieder kantig, er ist wohl der Blade Runner der Großstadt 2.0.

© David Visnjic

Den Abschluss meiner Sound-Reise in die Wachau liefert Peaches. Sie ist eine Frau der Show und des Exhibitionismus. Peaches ist mit zwei Tänzerinnen, ihren Turntables und einem Mikrophon auf der Bühne. Der Sound würde auch in eine Vorstadt-Disko und die Performance in einen Strip-Schuppen passen. Genau solche Dinge haben am Festival noch gefehlt: da brennt plötzlich die Bibel der halbnackten als Bischof verkleideten Tänzerin, da schwappten drei Titty Monster der Zuhörerin und dem Zuhörer entgegen und zum Abschluss gibt Peaches den lebensgroßen Penis mitsamt Erektion bestehend aus einem weißen Seidenschal. Wir verehren Peaches, wir verehren Krems!

© David Visnjic

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