Soastasphrenas – Eris
„Out of the ashes/ Back into the fire„. Soastasphrenas steigen als Phoenix aus der Asche und bleiben die ziemlich sicher beste Screamo Band Deutschlands. Doch wollen sie mit ihrem Zweitwerk Eris mehr.
Nein, Eris ist nicht das Album, auf das man nach Moirae so sehnlich gewartet hat.
Denn anstatt es sich (bzw. auch allen anderen) vermeintlich einfach zu machen und ihrem Debütalbum, das bekanntlich eine der besten Genre-Platten seit der Jahrtausendwende darstellt, den erhofft direkt anknüpfenden Nachfolger zu bescheren, ist der zweite Langspieler der in Berlin ansässigen Achse Amerika-Griechenland ein knapp 25 minütiger Wachstumsprozess geworden, der zu Zielen jenseits des Ereignishorizonts des 2023er-Highlights strebt. „Past lives were pathetic, but this one’s not“ heißt es einmal, „I want to be brand new/ I want to feel grand too“ ein wenig später. Und während Soastasphrenas immer noch unverkennbar Soastasphrenas sind, setzt die Band die Hebel mittlerweile doch markant anders an.
Der neben Gittarist Alex Loukaros von Fabio Machado („meticulously chosen all distortion levels and built a universe through noise and soundscape“) Rodrigues miteingefangene, tatsächlich ziemlich einzigartige Sound zieht dafür weiter in den lärmschwangeren Morast, ist rauer und harscher, bedrohlicher und ja, gewissermaßen böser.
Post Screamo, wenn man so will, der die Göttin der Zwietracht, des Streits und des Chaos nicht umsonst als Patronin ausgewählt hat.
„This album is truly meant to make you feel insane as you listen” erklärt Sänger Nate im Interview bei Idioteque und dafür bürgen die Stimmen von 150 dasselbe Gedicht lesende Personen, deren Stimmen sich abstrahiert Textur über, unter und in das Album legen. Ein existentialistischer Bewusstseinstrom, enorm dicht drückend, kanalisiert durch eine aggressive Leidenschaft.
Die Gitarren bratzen dazu gleich in Out of the Ashes verzerrt zu wirbelnden Drums und einem tief unten grummelnden Bass rund um ein grimmiges, fast doomiges Riff, das heavy brütet, während die Vocals von angepisster Wut zur flehenden Verzweiflung wechseln, ohne weinerlich oder bemüht zu agieren.
Wo der schon auf dem Einstand Moirae nahezu ideal bediente Emoviolence immer noch die Basis und Essenz von Soastasphrenas bleibt, atmet drumherum nun eine stilistisch suchende, hungrige Bandbreite. Eine innere Unruhe lässt keine freie Fläche zu, jede Sekunde der Platte reizt.
Eris pulsiert als ansatzloser, durchgehender und unbändiger Strom, der homogen in sich geschlossen atemlos zieht. Passion., eine Art Take My Breath Away-Seance als weiches Interlude und sanftes Ambient-Schlaflied von Joshua Alex Daniel, bietet als einzige Passage eine Orientierungshilfe und Verschnaufpause, kommt jedoch symptomatisch für das Wesen der Platte erstaunlich früh im Verlauf.
Labyrinthisch hetzend legt sich kein Song vorhersehbar fest und folgt radikal und konsequent einer Impulsivität, in der wirklich griffige Szenen nicht destillieren werden wollen, obgleich es stets passieren könnte: I Guess You’re Right beginnt etwa als hinmelstürmende Hymne, zerfleischt sich und jede zugängliche Struktur dann aber selbstkasteiend, bevor am Ende das erhebende Gemeinschaftsgefühl eine vage Ahnung bleibt. Auch wenn ein This is Not in seiner unberechenbaren Wildheit etwas Episches ankündigt, dabei jedoch den Weg zum Ziel macht, verweigert dies dem Fokus ein konkretes Scharfstellen.
Die Option des geringsten Widerstandes ignorierend und gefühlt wenig Auftrittsfläche im augenscheinlichen Chaos anbietend, hält diese sicherlich auch frustrieren könnende Ausrichtung spannend und (über)fordernd.
Auch schließt sie zahlreiche herausragende Szenen nicht aus.
Wie sich Even it it Hurt beispielsweise als Chant auflöst, das Herzstück I Promise That it’s Your Last als dynamischer Mahlstrom aus stichelnden Attacken und ausbremsenden Verschleppungen bis in den garstigen Kakophonie-Drone fesselt, exemplarisch mit Tempo und Intensitäten spielt, die Zügel aber hinten raus mühelos anzieht, oder This Time You’re Right mit seiner melodischen Hook („With a chip on my shoulder/ This time you’re right/ This time you’re right„) hängen bleibt ist einfach große Klasse: Soastasphrenas spielen spätestens jetzt in einer eigenen Liga.
Und dabei dürfte die Evolution der Deutschen noch nicht einmal notwendigerweise bereits abgeschlossen sein – mutmaßlich haben wir es sogar mit einem Übergangswerk zu tun? (Womöglich auch mit einem solchen, für das sich die hier euphoriebefreit nüchtern gehaltene Bewertung letztlich als zu niedrig erweisen wird?)
„With passion, I lead with what makes me bleed/ With pleasure, I let my heart beat/ And with pain, I sit with my comfort, even if it hurts“ brüllt Nate im den Charakter der Platte so ideal zusammenfassend im Closer Pain zum Auslassen der Fäden in einer unaufgeräumten Geräuschkulisse. Aber auch: „Rebirth only works when you learn from the past lives.“
Getriebenen und ganzheitlich zeigt die Katharsis eine Band, die momentan wie ein unablässig mutierender Organismus klingt; die ihre Reichweite expandiert und eben nicht auf Nummer Sicher gehend die Erwartungshaltung kurzerhand überspringt – und sie gerade deswegen auch erfüllt.


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