Alkaline Trio – Is This Thing Cursed?

von am 11. September 2018 in Album

Alkaline Trio – Is This Thing Cursed?

Nicht nur wegen einer bis dahin makellosen Diskografie hatten alle Veröffentlichungen des Alkaline Trio nach dem großartigen Crimson einen schweren Stand. Geändert hat sich daran nichts. Doch auch ohne unterstützende Vorab-Euphorie ist Is This Thing Cursed? die vielleicht bestmögliche Gelegenheit, um die abgekühlt geglaubte Leidenschaft für den romantischen Punktrock der Band neu aufzuwärmen.

Trotz der längsten Pause zwischen zwei Studioalben blieb in den vergangenen fünf Jahren – seit dem die Qualitätskurve zumindest sanft anhebenden My Shame is True – relativ wenig Zeit, um sich mit der rückblickend ein wenig unter Wert verkauften, aber qualitativ den etablierten Bandstandard eben doch keineswegs gerecht werdenden Alkaline Trio-Phase nach 2005 auszusöhnen: Neben temporärer neue Hauptbaustellen wie Blink-182 konnten auch Soloalben von Matt Skiba, Derek Grant sowie Dan Andriano weitestgehend überzeugen – und gleichzeitig im besten Fall leider auch vorführen, wieviel Luft nach oben die Mutterschiff-Platten Agony and Irony und This Addiction ließen.
Es hat nun jedoch gar nichts mit gravierend nach unten korrigierten Erwartungshaltungen zu tun, dass die revitalisierende Frische, mit der die Chicagoer ihre gemeinsame Spielwiese nun wieder betreiben, erfreulich überraschend und ansatzlos an Bord holt: Die knappe halbe Dekade Abstand hat allen Beteiligten merklich gut getan und entlarvt vermeintlich nostalgische Promo-Statements  keineswegs als leeres Phrasengedresche: „The songwriting process is almost like what it was back in the day. We would just kind of write a song, be excited about it, then move on. We wrote in that spirit in the studio. I really feel like we made a record that the old school fans are going to dig.

Die Hits gehen dem Trio tatsächlich wieder beinahe so leicht von der Hand wie in ihren besten Tagen, schmissig und eingängig reihen sich die Ohrwürmer aneinander. Egal, ob das nun der erst melodramatisch klimpernde und dann schnell aufs Gaspedal drückende, so gelöst wie packend daherkommende Titelsong ist, oder das seine einnehme Strophe mit einem Chorus zum Niederknien toppende Blackbird, das hinten raus noch einmal ordentlich Spielwitz zeigt.
Mal klopft das Trio auf der tollen, so zweckdienlichen Schlagzeugarbeit euphorisch schunkelnd (Demon and Divisions) und schwelgt dann wieder poppunkig nach vorne (Little Help?), praktiziert nicht nur Pale Blue Ribbon einen unkomplizierten Zug in die Gehörgänge mit sentimentalen Unterton und zeigt im zu Billy Talent’schen Harmonien tendierenden Schmuckstück Worn So Thin knackige Tempowechsel.
Warum Is This Thing Cursed? aber nicht nur kompositionell mitreißender, sondern generell soviel besser als seine Vorgänger funktioniert, lässt sich dann auch gut an Heart Attacks nachvollziehen, in dem Alkaline Trio eine wiedergefundene Balance im Auftreten beweisen: Immer wieder lehnt sich das Trio zurück und gibt ausnahmsweise akustischen Gitarren und Synthies Raum, inszeniert diese aber so reduziert und subtil wie lange nicht. Die ausgiebigen Ausflüge und Freiheiten der vergangenen Jahre haben gerade auch diesbezüglich also dezidiert ihre Spuren hinterlassen, indem der Fokus geschärft wurde, die Dynamik neu angekurbelt und der Spaß an der Sache offenbar schlichtweg wiedergefunden wurde.

So steht ein zurückgenommener Andriano-Moment wie das hingebungsvolle Stay mit seinen souligen Orgeln und das abschließende, bis zur nackten Intimität reduzierte Skiba-Acoustic-Stück Krystalline absolut homogen im Gesamtgefüge, Is This Thing Cursed? gönnt sich kaum Leerlauf.
Deswegen blickt man sogar bedenkenlos darüber hinweg, dass sich im Speziellen beispielsweise das mit starken Hooks nur so erschlagende I Can’t Believe stark an Mercy Me anlehnt oder sich das gefällig aufmachende Sweet Vampires wenig subversiv bei den Undertones bedient, im Allgemeinen zudem gerade die Gesangslinien einige Déjà-vus zulassen und es sich die eine oder andere simpel gestrickte Melodie vielleicht generell eine Spur zu einfach macht, um tatsächlich derartig unverwüstliche Halbwertszeiten zu kreieren, wie bandinterne Klassiker sie reklamieren. Alles ist mittlerweile eben auch ein bisschen gefälliger, gesetzter und nicht mehr gar so emotional intensiv überwältigend, wie die Sternstunden der hauseigenen Diskografie leuchten. Was allerdings schon so passt.
Schließlich sind sogar die weniger expliziten Aushängeschilder von Is This Thing Cursed? (praktisch alleine der „nur“ gute Standard Goodbye Fire Island, während der druckvolle Singalong Throw Me To the Lions im Schattens seines superben Pre-Chorus steht) weit davon entfernt zum reinen Füllmaterial oder Ausfall zu verkommen. Jede der 40 Minuten hier ist zumindest eine charmante Fanpleaser-Fingerübung in Sachen AK3-Trademarks, mit ordentlich Energie und Enthusiasmus rausgehauen.
Vor allem aber erzeugt Is This Thing Cursed? in der typisch melancholischen, morbide angetriebenen Leidenschaft ein Gefühl, von dem man gar nicht wusste, wie sehr man es das vergangene Jahrzehnt über vermisst hat: Die Vorfreude auf neue Vertrautheiten aus dem Hause Skiba, Andriano und Grant.

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