Angine de Poitrine – Vol.II

von am 16. Mai 2026 in Album

Angine de Poitrine – Vol.II

Die Kanadier von Angine de Poitrine sind gerade rechtzeitig vor dem Release ihres zweiten Studioalbums Vol. II durch eine Session bei KEXP zur viralen Attraktion geworden.

Weil die Karriere von Khn de Poitrine (Gitarre, Bass) und Klek de Poitrine (Drums) bis zum 5. Februar 2026 ja praktisch abseits der öffentlichen Wahrnehmung passiert ist, kann es nicht schaden, rückwirkend ein paar Infos zum Werdegang des Duos aus Saguenay und Quebec einzuholen.
Gegründet wurden Angine de Poitrine (übrigens französisch für Angina pectoris) 2019 und entstanden eher aus der Not heraus, da die beiden seit Teenagerzeiten befreunden Musiker zweimal hintereinander im selben Club für einen Gig gebucht wurden, sich in der Angst, nach dem ersten Abend kein Publikum mehr anziehen zu können, für den das Engagement abschließenden Gig jedoch kurzerhand mit überkandidelten Pappmaché-Kostümen maskierte.
Von der Pandemie vorerst ausgebremst, nahm der experimentell mit einer Avantgarde Ästhetik flirtende mikrotonale Prog-Mathrock der Band über das 2024 erschienene Debütalbum Vol. 1 aber bereits auf lokaler Ebene an fahrt auf – bis eben eine eine Radiostation aus Seattle dafür sorgte, dass plötzlich von Dave Grohl bis Sean Lennon alles und jeder begeistert von Angine de Poitrine war.

Auch wenn es (zumindest bis zu einem ja nochmal das Bezugssystem wechseln könnende dritten Langspieler?) subjektiv frustriert, dass das Gespann für sein Zweitwerk zu römischen Ziffern geswitcht hat, ist Vol. II genau das Album geworden, das dem Hype (hätte es diese im Vorfeld gegeben exakt entlang der Erwartungshaltung gestrickt) die nötige Substanz unterschiebt.
Khn und Klek haben ihrem Sound, der mehr oder minder wie eine tanzbare Chimäre aus King Gizzard und Primus mit dem Ethos von Battles klingt, ein gehöriges Maß an zusätzlicher Schmissigkeit beigebracht, sie zeigen gar einen vehementen Zug zum Pop und schreiben in Form des eilig knödelnden, im Sturm-und-Drang-Biss treibend mitreißenden Mata Zyklek so etwas wie Hits in ihrem Bezugssystem.
Sie bouncen auf hibbelige Weise schunkelnd (Fabienk), würzen ihre Formel im hinten raus doch auch ihre Limitierungen anerkennen müssenden Albumverlauf mit dem Zirkus-Polka-Tanz Utzp, der dem Schausteller-Dasein die Zügel immer enger zieht und nach einem kurzem Break fetzend praktisch für einen anderen Song aufs ausgelassene Gaspedal tritt, oder wissen nicht nur in Sarniezz, wann man groovend stampft und wann man lässig drängelt, um über kurzweilige 37 Minuten an der Stange zu halten.

Dass der sparsame Einsatz von Gesang dort demonstrativ zur simplen „Glauglauglau“-Lautmalerei „degradiert“ wird, ist durchaus symptomatisch für die manchmal nervende Funktionsweise der Vocals, die, simple Hooks irgendwo zwischen operettenhafter Theatralik oder catchy Skandierungen einsetzend, bloß wie redundant ausschmückende Gimmicks wirken, wo die gängige Auftrittsfläche des MOs ohnedies noch Tragfähigkeit hätte. Siehe etwa auch dem auf die instrumentale Ebene fokussiert alles richtig machenden Vol. II-Closer Angor (bei dem das Duo ironischerweise halt auch bereits alles gesagt zu haben scheint).
Sie wirken deswegen auch ein wenig wie rattenfangende Zugeständnisse – gar nicht unbedingt an jene, die die lustigen Kostüme der Band nicht sehen können: Zwar fehlt Angine de Poitrine auf die rein musikalische Ebene reduziert eine markante Komponente (weil es einfach sehr viel Spaß macht zu sehen, wie Bass und Gitarre nebeneinander eingespielt werden, derweil die lange Nase lustig wackelt), doch schmälert dies die Party-Stimmung der Platte praktisch kaum. Ob der Gag der durchs Dorf getriebenen Hype-Sau seine Pointe ausgereizt hat, muß also erst Album Nummer ٣ / 三 klären.

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