American Football – American Football (LP4)
„If I ever set sail/ Promise you won’t wait for me/ I was born castaway/ Lost at sea„. Nein, man musste wirklich nicht mehr unbedingt damit rechnen, dass die Midwest Math Emo-Ikonen sich noch ein American Foltball (LP4) abringen können würden.
Aus einer geplanten kurzen Auszeit nach dem dritten Studioalbum im Jahr 2019 wurde aufgrund der Pandemie schließlich notgedrungen eine sehr ausführliche, die dann 2021 dann auch im frustrierten Ausstieg von Schlagzeuger Steve Lamos gipfelte. Und weil sich Mike und Nate Kinsella nach fruchtlosen Session dann ihrem neuen Projekt Lies zuwandten, schien es das letztlich gar gewesen zu sein mit American Football.
Sechs Jahre später sieht die Welt anders aus. Nicht unbedingt besser, aber zumindest Pandemie-frei. American Football sind zudem zurück. Mit Lamos hinter den Drums. Und einigem an emotionalem Gepäck. Man gib deswegent in fantastisch ausführlichen Interviews unverblümte Eindrücke in das Seelenleben der Gruppe, und verarbeitet die dabei präzisieren Themen wie Scheidungsprozesse und Betrug, Alkoholismus und anhaltende interne Streitigkeiten in weiterer Folge einhergehend auch auf einem Viertwerk, das inhaltlich zwischen kodierter Abstraktheit sowie (mancherorts als Cringe-Faktor empfundender) Selbstoffenbahrung pendelt, und das musikalisch zwischen Szenen absoluter Schönheit auch hochklassiges Füllmaterial mitträgt.
Vor diesem Hintergrund und angesichts seiner zerrütteten Entstehungsgeschichte besticht American Foltball (LP4) insofern vor allem dadurch, wie unverkrampft und ungezwungen, reif und mit sich selbst Frieden geschlossen habend das neuerliche Comeback letztlich als runde, beinahe komplette Weiterentwicklung seines direkten Vorgängers besticht.
Wobei der Einstieg Man Overboard mit seinen perlenden Saiten und kontemplativen Vortrag, der vielschichtig texturierten Melange des Band-Sounds im Postrock und Ambient, nicht nur die Ausrichtung der Platte – der Weg ist als mäandernder Therapieprozess das Ziel! – an sich vorgibt, sondern auch gleich die Perspektiven gerade rückt, indem es dem zuletzt um Wertschätzung ringenden Lamos das Spotlight zugesteht. Sein jazzig stolperndes, um die Tackte purzelndes Spiel ist einfach nur atemberaubend und ein Sinnbild dafür, wie American Football ihre exzentrische Ader mittlerweile als subversives Kaleidoskop anlegen, während die Komposition eine Resonanzkammer ist, deren Echo meditativ im Kaninchenloch abtaucht.
Auch in weiterer Folge ist (LP4) weniger an konkretem Songwriting interessiert, als daran, dieses so formoffen und strukturfrei wie möglich zu gestalten und über die Inszenierung und Arrangements Akzente zu setzen – was zumeist schlichtweg meisterhaft gelingt.
In No Feeling erzeugen Bass und Synth eine Post-Punk-Ästhetik, während Turnstile-Frontmann Brandan Yates mit seinen Harmonien eine Reverie Lagoon-Stimmung kreiert. Blood on My Blood ist ein Suchen von Melodien und Hooks als Klassentreffen mit Rainer Maria-Freundin Caithlin De Marrais, und ebensowenig wie das von Wisp unscheinbar ausgeschmückte Wake Her Up ein Scene Stealer im Verlauf.
Diese Rolle kommt eher der achtminütigen Vorabsingle Bad Moons zu, die als progressiv wandelndes Epos voller sich sofort einbrennender Bilder einen ikonischen Instant-Klassiker der American Football-Diskografie darstellt. Was hinter der traditionell an Trompete durchatmenden Zwischenspiel-Melancholie The One With The Piano so ebenfallsfür das überragende Patron Saint of Pale gilt, das mit wundervoll behutsamen Handclaps und Kinderstimmen pure Sehnsucht destilliert, derweil die Band ihren Eskapismus am einsamen Strand zu Bläsern im Ambient zupft. Zeitlos und nachdenklich, in anmutiger Grandezza. Noch besser ist es nur, dass das folgende Desdemona nicht weniger grandios ist – nur mysteriöser, andächtiger und sakraler. Sich an der Schwelle zur Reife im ständigen Hadern mit den eigenen Entscheidungen sanft aufreibend: „You’ve already moved on and I’m barely holding on/ I’m the ghost of a memory.„
Danach geht (LP4) jedoch ein klein wenig die Luft aus, nachdem das Instrumental-Interlude Lullabye in sich blickt, dem Finale aber keine spannenden Impulse mehr abringen will. No Soul to Save ist ein schöner Standard, wenngleich als Closer offenkundig unterwältigend. Und gerade deswegen ein runder Abschluss.
Weil Kinsella als egozentrischer Reibungspunkt und (positives wie negatives) Epizentrum des Quartetts keinen Hehl aus dem Anti-Spektakel macht und sich plakativ im Scheinwerferlicht windet: „Ladies and gentlemen/ You’ve watched me walk through fire/ Swallow swords and ugly desires/ I’ve nothing left to fear/ Now, for my next trick, you can watch me disappear“ singt der mittlerweile mit seiner Affäre verheiratete 49 jährige auf dem sich selbst so weich kasteienden Canossagang im Lavalampenschimmer. Und wählt einen Abgang, der Dylan Thomas viel zu versöhnlich sein dürfte:„ If we’re all born the same/ Why am I so ashamed?/ Ladies and only the gentlest of men, please, fuck you/ I already said I’m sorry for everything and I won’t say it again/ …/ I’ve made too many mistakes/ I’ve no hope for rеdemption and no soul to save/ …/ I’ll go gentle into the night/ I’m invisible in the afterlife“.


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