The Strokes – Reality Awaits

von am 27. Juli 2026 in Album

The Strokes – Reality Awaits

Wie angedroht sabotiert The Voidz-Frontmann Julian Casablancas das siebte Studioalbum seiner Zweitband The Strokes mit massivem Autotune-Einsatz. Dennoch funktioniert Reality Awaits erstaunlich schlüssig und bisweilen gar -geradezu fabelhaft?!

Letztlich ist eben nicht nur alles eine Frage der eigenen Aufgeschlossenheit, sondern auch der Erwartungshaltung: Dass die beiden Vorabsingles Going Shopping und vor allem das schier endlose Falling Out of Love den Vocoder bisweilen auf Like All Before You-Niveau im Anschlag hielten und insofern mit dem Schlimmsten rechnen ließen, erweist sich rückwirkend als smarter Move, hat er die Schmerzgrenze doch verschoben und lässt den Einsatz des Autotunings im sonstigen Gefüge sogar relativ ausgewogen oder zumindest gar nichtmal so überdosiert wirken – Reality Awaits zeigt deutlich mehr Balance als befürchtet (oder die The Voidz-Diskografie).
Auch, weil die kurzweiligen 43 Minuten des Albums ein ideales Sequencing und einen tollen, homogenen Fluss als Rückgrat besitzen, der gerade das große Ganze sehr rund funktionieren lässt. Das smooth eilende, gut gelaunt galoppierende Going Shopping ist so längst ein kleiner catchy Hit, im Verbund – aber eben nur einer von vielen nonchalanten Ohrwürmern, die den zuverlässigen Autopilot durch den Gesang auf Puristengift bürsten. Und die entspannte Melancholie von Falling Out of Love nimmt im Kontext eigentlich genau den richtigen Raum zum Schwelgen ein.

Freilich bleibt der massive Einsatz des Tonhöhenkorrektur-Tools als Stilmittel der elementare Zankapfel der Platte. Doch während man grundlegend argumentieren kann, dass es sowieso absurd ist, sich ausgerechnet bei dem immer schon auf Effekte über seiner Stimme setzenden Julian Casablancas über den Einsatz von Effekten über seiner Stimme zu echauffieren, muss man auch festhalten, dass Reality Awaits ohne diese frontal polarisierende Maßnahme weitaus weniger Staub aufgewirbelt hätte. Denn dahinter haben The Strokes mit Rick Rubin eigentlich nur den logischen Nachfolger zu The New Abnormal aufgenommen, der bewusst paradox betitelt (und dabei auch einen Kontrapunkt zum Vorgänger benennend) abseits der The Voidz-Patina ein relativ typisches The Strokes-Album geworden ist, in der Essenz tatsächlich sogar unspektakulär und zuverlässig – durch die streitbare Maßnahme aber das unverdient blasse Schicksal von Comedown Machine abwendend.

Psycho Shit baut sich bedächtig und seltsam faszinierend im Zwielicht aus Fan-Dienst und bockiger Verweigerungshaltung auf, verdichtet seine Gitarren als mystischen Schleier und wird in der abstrakten weltpolitischen Kritik immer vehementer, bis am Ende nur die Ironie stehen kann: „Lower me down for all to kick/ I close my eyes, starting now/ Forever on in joyful times/ Starting now, from now on“. Nach dem seine Rolle stark erfüllenden Opener zappelt der Rhythmus von Dine N’Dash aufgeweckter, drängelnd und flächig, und packt auf die letzten Meter eine streichelnd-wogende Variation aus. Ja, das hat man so ähnlich schon von den Strokes gehört. Aber nunmal nicht so!
Dass das Finale der Platte mit diesem Einstieg nicht mithalten kann, ist gar nicht so schlimm. Nachdem Liar’s Remorse erst mäandernd in suchender Zeitlupe beschwört, macht der Song hinten raus nicht nur eine Schleife um seine ausgefranste Tendenz, sondern lässt The Fruits of Conquest perkussiv, funky und entspannt auch umso charmanter die unaufgeregt-relaxte Stimmung der Platte bedienen, bevor Tyrants of the Mellow Moon versöhnlich zwischen Faust Arp und Paranoid Android schippert.

Dazwischen holen Songs wie das eingängige Going to Babble On als poppiger Indierock-Singalong nonchalant ab – erst nebensächlich, dann immer süchtiger machend, derweil das Autotuning mit jedem Durchgang weniger aufreibt, nein, mehr noch, sich nach und nach sogar geradezu stimmig in das Wesen der Songs einfügend einfach…passt.
Muss man sich damit arrangieren? Ja. Würde man die Songs ohne den Effekt noch mehr lieben? Gut möglich. Wahrscheinlich ja. Zumindest auf eine konventionell Weise.
Doch gerade mit dem Sommer im Rücken entwickelt sich die in Aussicht gestellte Vollkatastrophe Reality Awaits entlang wenig aufregender Gitarrenarbeiten und (Selbst-) Zitaten im futuristischen Anachronismus zu einem auf Heavy Rotation laufenden, entwaffnenden Grower, dem man seine Entscheidungen nicht absprechen will und der sich eine eigene, erstaunlich reizvolle Identität im Repertoire der Strokes erpresst hat.
Wenn das popkulturell motivierte Lonely in the Future kurz ein heavy knubbelndes Gitarrenriff antäuscht, dann aber ein herrlich locker-flockiger Trademark-Track mit ungezwungen-kontroverser Attitüde als natürlichste Sache der Welt ist, passt das ebenso zum Wesen der Platte, wie der aufmerksamkeitsheischende Diss („I heard that twenty fucking years ago, I did/ Fantano, word for word, when I was a kid/ Stick to the technical ‚cause that’s great/ But you would not recognize art in any age“), der jedweder Kritik zuvorkommen will.
Für Album Nummer 8 ist es angesichts etwaiger peinlicher Verzweiflungstaten beinahe schade, dass manche Musikmagazine trotz  über die Jahre leider all ihre einstige Relevanz verloren mehr haben.

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