Bell Witch – Four Phantoms

von am 9. Mai 2015 in Album

Bell Witch – Four Phantoms

Bell Witch werden auf ‚Four Phantoms‚ zu Alchimisten des Funeral Doom: Mit vier ambitioniert-erschlagenden Songmonolithen von bis zu 23 Minuten Länge huldigen sie den Grundelementen Erde, Feuer, Wasser, Luft und hieven ihr Songwriting dabei freigeistig auf eine neue Ebene.

Veranschlagte Konzeptwerke können ja mitunter nur zu schnell als einengendes Korsett für eine Band enden. Vor allem, wenn Spontanität und Intuition auf dem Altar unverrückbarer Dogmen geopfert werden. Das Schlagzeug/Sechssaiter-Bass-Duo Bell Witch aus Seattle umgeht diese Sackgasse auf seinem Zweitwerk abermals mühelos. Die den Pfad vorgebende Grundidee destilliert sich in jedem der vier elaborierten Einzelnummern Epen (!) charakterstark, der Weg in diese erstickende Finsternis ist bis auf den letzten Meter sorgsam geplant – als Ganzes ist ‚Four Phantoms‚ aber ein organisch gewachsenes Gesamtwerk geworden, das seinem Gefühl folgt und die Maxime der Band von Beginn an in die Vollen und über jedweden Komfortbereich hinausgehen lässt: Man ist schnell mitten drinnen in einer kräftezehrenden Prozession der drückenden Heavyness, einem schleichenden Bewusstseinsmorast, dessen eigentlich auf einem minimalistischen Instrumentarium ruhendes Fundament mit sofortiger Wucht in seinen Bann zieht.

Das monoton heulende Riff in ‚Suffocation, A Burial: I – Awoken (Breathing Teeth)‚, über das sich vor allem klassische Doomer wie Pallbearer oder Monolord freuen dürften, wird von heftigen Growls, noisig schimmernden Basssaiten im Shoegaze-Modus und dem stoisch schleppenden Schlagzeug malträtiert. Sakral anmutende Pausen aus diesem unerbittlich vagen Würgegriff verschaffen keine Erholung. Wenn Bell Witch das Monstrum von einem Song nach knappe 10 Minuten in einen ambienten Traumzutand versetzen, wecken sie ihn danach im nach vorne ziehenderen Einklang mit sich selbst, garstiger, massiver und auch nach mehr Schönheit lechzend, bevor Adrian Guerra und Dylan Desmond das gebuddelte Loch schließen und einem langsam die Luft nehmen, mit einem unangenehm gewaltfreien Finale.
Tatsächlich entwickelt ‚Suffocation, A Burial: I – Awoken (Breathing Teeth)‚ unmittelbar eine Atmosphäre, die (bedingt freiwillige) Bestattungszeremonien im Kopfkino evoziert. Genau dies ist auch die eigentliche Stärke von ‚Four Phantoms‚: melancholische, bedrückende Stimmungen zu kreieren, starke Bilder im Gedanken zu zeichnen, jedem Song hier eine passende, individuelle Färbung zu geben, die im Gesamten jedoch einen nahtlosen Fluss ergibt, der die technischen Limitierungen des Duos ebenso geschickt umgeht wie die großartigen Vorgänger ‚Longing‚ und die selbstbetitelte 2011er Demo – mit ambitionierterer Geste und einem Gespür für Ambiente und Ausstrahlungen die Grenzen der Band auch neu vermisst. Neurosis-Spezialist und ‚Foundations of Burden‚-Geburtshelfer Billy Anderson hat der Band ein komplexes, unheimlich dynamisches und berauschendes Klanggewand verpasst, weitläufig aber kompakt, das in einem Wechselbad aus drückender Härte und facettenreicher Tiefenanalyse kaum Längen zulässt und die Anziehungskraft von Bell Witch noch einmal intensiviert.

Judgement, In Fire: I – Garden (Of Blooming Ash)‚ lodert mit teuflischem Blick in einer Hasslawine aus infernal bearbeiteten Basssaiten und unerbittlichen Drumschlägen, beruhigt sich jedoch alsbald: Bell Witch kippen das Geschehen in eine sphärische Nachdenklichkeit aus beruhigten Melodielinien und dichten Beckenschlägen. Gerade diese zurückgenommene Innenansicht steht der Band hervorragend, weckt in seiner meditativen Eindringlichkeit gar Erinnerungen an Tool’sche Hypnosen wie ‚Wings for Marie, Pt. 1‚. Ein Gefühl, dass sich mit dem zarten Klargesang (wie perfekt der neuerliche Gastauftritt von Aerial Ruin-Mastermind Erik Moggridge sich in das Gefüge einbettet: atemberaubend!) des wohligen beginnenden ‚Suffocation, A Drowning: II – Somniloquy (The Distance Of Forever)‚ nahtlos fortsetzt; und gleichzeitig auch Bindungen zu ‚Suffocation, A Burial: I – Awoken (Breathing Teeth)‚ knüpft: Natürlich sind Bell Witch durch ihr entschlacktes Auftreten gewissen Limitierungen unterworfen, was sich vor allem bei den sehnsüchtig heulenden Gitarrenfiguren bemerkbar macht –  die Konnektivität der Platte funktioniert trotz ihres relativen Facettenreichtums allerdings reibungslos.

Bald nimmt ‚Suffocation, A Drowning: II – Somniloquy (The Distance Of Forever)‚ wieder an dunklerer Fahrt auf,  transportiert aber eine Versöhnlichkeit, die sich irgendwo zwischen vollends entschleunigtem Slo-Mo-Alternative und weihevollem Metal platziert, leicht in das Epische starrend, ohne Genre-Plattitüden zu bemühen. Zwischen sakral aufmachenden Gesängen, Gekeife und melodiös zum Wohlklang einladenden Stimmen zelebrieren Bell Witch eine immer weiter absinkende Leichtigkeit und das Highlight der Platte.
Dabei muss sich ‚Four Phantoms‚ durchaus den Vorwurf gefallen lassen, dass die besten Augenblicke die weniger überragenden in ein schlechteres Licht rücken. So zum Beispiel die Eingangsphase von ‚Judgement, In Air: II – Felled (In Howling Wind)‚. Immer, wenn Bell Witch sich zu stark auf reinen Death/Funeral Doom beschränken, zeigt sich, dass sie sich hierbei nicht vollends von der Genrekonkurrenz absetzen können. Sobald sie aber doch wieder ausladende Melodiebögen und greinendes Geschrei addieren, die Schattierungen einfach ausweiten und ihren Zuständigkeitsbereich mit einer organischen Unberechenbarkeit ausmessen, gewinnen sie wieder unmittelbar an der mediativen Sogwirkung, die auch ‚Four Phantoms‚ zu einer weiteren Profound Lore-Glanztat erhebt. Ein in seiner massiven Wandelbarkeit also nicht makelloses, weil phasenweise noch etwas unausgegoren verortetes Mammutwerk. Nichtsdestotrotz ein bestechend faszinierendes und in seiner Gangart 2015 nur schwer zu überbietendes Dokument einer Band, die sich trotz bereits so dünner Luft nach oben kontinuierlich weiterentwickelt.

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