Bell Witch, Pressor, Ypres, Aerial Ruin [11.04.2018: Viper Room, Wien]

von am 12. April 2018 in Featured, Reviews

Bell Witch, Pressor, Ypres, Aerial Ruin [11.04.2018: Viper Room, Wien]

Wenn der Hauptact unter der Woche erst gegen 23.00 Uhr auf der Bühne steht um genau genommen nur einen halben Song zu spielen – und trotzdem wohl kaum jemand enttäuscht nach Hause geht, hat ein Konzertabend trotz zumindest eines markanten Schönheitsfehlers verdammt viel richtig gemacht.

Bell Witch gehören spätestens nach ihrem 2015er Konzeptbrocken Four Phantoms zur ersten Reihe des Funeral Doom und haben mit ihrem dem nachfolgenden epochalen Trauerwerk Mirror Reaper gleich auch unser Album des Jahres 2017 abgeliefert. Selbstverständlich also, dass das Österreich-Gastspiel des Duos aus Seattle eine Pflichtveranstaltung darstellt.
Noch feiner die Begleitumstände: Für gerade einmal knapp €15 haben Bell Witch nicht nur die beiden russischen Geheimtipps Ypres und Pressor als Support mit an Bord, sondern auch Ehrenmitglied und Stammgast Erik Moggridge alias Aerial Ruin.
Ein Update, das dann zwar weniger die relativ großzügig bemessene Spielzeit der nominellen Vorbands erklärt, als vielmehr die späte Beginnzeit des Sets von Bell Witch. Egal: In Sachen Preis/Leistung ist diese reichhaltige Kombination nur schwer zu toppen und begeistert gerade auch aufgrund des stilistisch breitgestreuten Radius, in dem sich die vier auftretenden Bands so unterschiedlich veranlagt bewegen.

Aerial Ruin

Einen einnehmenderen Opener als den passgenau auf Bell Witch angestimmten Moggridge kann man sich dabei kaum wünschen. Unheimlich atmosphärisch baut sich das Material des Mannes aus Portland auf aus zum Chor gestapelten Gesängen und geloopten, halbakustischen Gitarrenfiguren auf. Die Vocals bleiben bis auf ein guttural zugeprostetes „Cheers“ (des generell gut betankten Moggridge) am Ende des ersten Songs clean, hell. Über vier Songs badet sich der apokalyptisch-einsame Dark-Folk in seiner Trauer, breitet sich ätherisch irgendwo zwischen Mike Scheidts Stay Awake oder der Soloausflüge von Scott Kelly und Steve von Till.
Aufgrund der instrumentalen Limitierung ist der Auftritt dabei natürlich auch bis zu einem gewissen Grat ziemlich gleichförmig und die Kompositionen sind zumeist strukturell meist ähnlich gestrickt, auch der beschwörende Gesansstil droht sich phasenweise abzunutzen – daran ändern auch gelegentlich sehnsüchtig in die Ferne sinnierende Soloeinlagen oder Reminiszenzen an Street Spirit wenig. Letztendlich mindert dies aber eben auch nicht die eigentlichen Qualitäten von Aerial Ruin: In der Tiefe der erzeugten Atmosphäre fällt es leicht imaginativ zu versinken. Langeweile will deswegen keine aufkommen, die Performance fesselt in ihrer so dichten Melancholie, die das Kopfkino assoziativ auf Reisen schickt.

Ypres

Ypres aus Sankt Petersburg schieben das Tempo danach unerbittlich an und ziehen die Schrauben enger – ein katzengeschmückter Zusatzverstärker wird das einzige herzige Element ihres angepissten Husarenrittes bleiben.
Das Quartett klingt dabei ungefähr so, als hätte man den Post Metal von Isis durch einen kompakt-räudigen Filter getrieben, der vom Hardcore und Blackened Crust bestialisch in die Mangel genommen wurde. Das bedeutet, dass es für den wie aufgezogen arbeitenden Schlagzeuger Kirill Tsarkov an seinen rollenden Toms keine Pausen gibt, während Gitarrist Denis Dmitrievich sich die Stimmbänder wund brüllt, aber dennoch genug Raum für melodische Gitarrenparts und atmosphärisch atmende Passagen existieren, die sich in ein hypnotisch groovendes Element legen.
Auch wenn ein wenig Distanz zu Publikum herrscht: Das ist ein ziemlich starkes Gebräu, sportlich und energiegeladen, das man alleine schon ob der großzügigen Verfügbarkeit via Bandcamp auf jeden Fall antesten sollte.

Pressor

Kleinere technische Unstimmigkeiten verzögern dann zuerst den Beginn des Auftritts von Pressor dezent. Doch ist das über einen herrlich röhrenden Sound verschweißte Amalgam des Quartetts aus Kostroma erst einmal in Rage gekommen, reißt es (auch ohne Eskalation seines des Publikums) mit.
Dabei ist es nicht einfach, den Charakter der Band überhaupt zu verorten. Mit (live leidlich notwendigen) elektronischen Samples unterspült randalieren Pressor mal als sludgiger Doom mit Electric Wizard-Prägung, schielen dann wieder über schleppend-zähflüssiger Riff mit psychedelische Töne in den Gitarren gen Stoner und platzieren sich letztendlich im Feedbackrausch zwischen allen Stühlen: Ordentlicher Motörhead-Rock‘n‘Roll-Verve nimmt das Gespür von Torche für Hooks, die zwingende Rasanz von Baptists oder God Mother malträtiert meditative Tendenzen ala YOB und ein spaciges Wah-Wah-Solo mündet in einem Black Metal-tauglichen Blastbeat-Inferno von Drummer Danya Kornev.
Pressor spielen ein enorm dynamisches Amalgam und wo der Vierer in einem anderen Kontext wohl für ein kleines Gemetzel im Pit sorgen hätte können, scheitert wie Ypres zuvor auch die zweite russische Kombo im Hinblick auf den um sich greifenden Enthusiasmus höchstens an der herrschenden Erwartungshaltung seitens eines Publikums, das durch den Hauptact einen statischer ausgelegten Abend eingeplant hat.
So oder so: Daher annähernd 50 Minuten Spielzeit hier im absolut kurzweiligen Rausch vergehen unbedingt auf der Rechnung behalten – und Kudos an Basser Denis Zarutsky, der sowohl bei Ypres als auch Pressor seine imposante Matte schwingt.

Bell Witch

Nachdem Pressor durchaus überrascht über das offenbar abrupte Ende ihres (tatsächlich aber mit einer perfekten Schlussabfahrt detonierten) Sets scheinen, ist es ungefähr eine Stunde vor Mitternacht: Höchste Zeit also für Bell Witch.
Was noch vor dem ersten Ton ins ins Auge sticht, ist Dylan Desmonds imposantes Effektpedalbrett sowie eine Schönheit von einem sechssaitigem Bass: Equipment im gefühlten Gegenwert eines Einfamilienhauses. Auch fällt auf, dass Bell Witch im Gegensatz zu der drei vorangegangenen Bands beinahe auf jedwedes inszenatorische Brimborium (wie die ordentlich explodierende Lichtshow oder die obligatorische Nebelmaschine) verzichten: Die zwei Musiker spielen von Beginn an in wenig effekthaschendes blauen Licht getaucht, nach und nach glimmern im Verlauf helle Töne im Hintergrund auf. Aufgrund technischer Probleme entfallen leider auch die angedachten Visuals am Backdrop.
Glücklicherweise kann sich die Band (wenn auch nicht ganz freiwillig) jedoch ohnedies alleine auf die Strahlkraft und Wirkung der Musik verlassen, die vom durchwegs starken Sound der Location zusätzlich gespeißt wird. Dass in den ruhigeren Passagen der Performance, wenn Desmond so virtuos über sein Griffbrett gleitet und Schlagzeuger Jesse Shreibman wie zusammengefallen über seinem Schlagzeug kauert, vereinzelte Gespräche über dem Klangteppich zu liegen drohen, ist freilich eine Schande – aber ohnedies nur eine Momentaufnahme in einem Wechselspiel aus getappten Kaskaden und abebbenden Szenen der Einkehr.

Das Spiel von Desmond ist dabei stets absolut erhebend, ein melodisches Netz aus Harmonien und dissonantsbereiten Attacken, doch bleibt gerade die Intensität von Shreibmans Einsatz unheimlich eindringlich. Der wirft sich mit vollem Körperkontakt in sein wuchtiges Spiel, lässt jeden Schlag zu einer erruptiven Machtdemonstration einer brodelnden Urgewalt werden, unterfüttert den Sound simultan mit warmen Synthieklängen und liefert vor allem eine unter die Haut gehende Darbietung am Mikrofon: Seine growlenden Passagen sind tektonisch, seine schreienden Ausbrüche noch eine ganze Kante brutaler, als auf Platte. Hier kanalisiert sich soviel Leidenschaft vor der majestätisch wachsenden Komposition, die in ihrer Präsenz nahe physische Erfahrungen wie Sunn O)))-Gewalttaten heranreicht. (Auch wenn sich Desmond abseits der Bühne einmal mehr als sehr freundlich und entgegenkommend erweist, verzichtet das Duo während der Show doch auf jedwede Interaktion mit dem Publikum – ohne dadurch aber eine Distanz zu schaffen).
Ganz generell gestaltet sich Mirror Reaper live merklich angrifflustiger und in gewisser Weise auch direkter als auf Platte, vielleicht sogar brachialer, montröser und packernder, schiebt das Konzept der Aufarbeitung von Adrian Guerreras Tod zur Seite und lässt eine universelle Katharsis walten, die unerbittlich im Griff hält. Das Publikum goutiert es mit einer andächtig verharrenden Ehrfurcht, folgt der perfekt aufeinander eingestimmten Band wie in Trance.

Schade nur, dass nach annähernd 50 Minuten Schluß ist – so triumphal und majestätisch Bell Witch den Kraftakt As Above auch zelebrieren, so unbedingt und wortkarg verlässt die Band unmittelbar danach die Bühne und baut ihr Instrumentarium ab, spart die reinigende Grandezza von So Below also vollends aus.
Zwar funktioniert es in sich schlüssig, dass As Above an diesem Abend für sich steht; es macht auch durchaus Sinn, dass sich als Zugabe kein älterer – kürzerer – Song an die erste Mirror Reaper-Hälfte fügen soll, doch wirkt diese Unvollständigkeit gerade durch die Anwesenheit von Moggridge (durch die eine Darbietung von So Below ja grundsätzlich möglich wäre) wie ein Sparprogramm: Die Krönung bekommt nach dieser Tour erst das Roadburn ab, welches sich zudem eine exklusive Live-Platte der Band in absurder Limitierung in die Auslage stellen darf.
Frustrierend entlässt diese künstliche Verknappung dennoch keineswegs, eher nichtsdestotrotz rundum befriedigend – ohne aber eben die erfüllenden letzten Meter zur Makellosigkeit einzulösen. Man kann gut damit leben. Rund um das mitunter beste Funeral Doom-Album der jüngeren vergangenheit wird hier zumindest einen halben Song lang formvollendete Perfektion mit einem kaum Wünsche offen lassenden Rahmenprogramm geboten.

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