Big Thief – Two Hands

von am 29. Oktober 2019 in Album

Big Thief – Two Hands

Vom sphärischen Wald in die trockene Wüste: Nur sechs Monate nach dem außerweltlichen U.F.O.F. schicken Big Thief ihrem dritten Studioalbum mit Two Hands noch im selben Jahr einen schrofferen „Earth Twin“ hinterher.

Sogar schon wenige Tage, nachdem die Vorgängerplatte in der im Dauerregen stehenden Waldhütte der Bear Creak Studios von Woodinville, Washington im Kasten war, zog es das Quartett aus Brooklyn mit ihrem angestammten Produzenten und Stimmungsmacher Andrew Sarlow (sowie einigen seit Jahren von der Band umgarnten Songskizzen) Richtung Mexiko in die Wüste rund um die Sonic Ranch in Tornillo, Texas. Ein Ortswechsel, der sich dann auch – trotz aller Gemeinsamkeiten, die im grundlegenden Wesen der Band und den Schwesterwerken U.F.O.F. und Two Hands unverkennbar erhalten bleiben – tatsächlich zu einem gänzlich anderen Sound führen; durch fein gesetzte Kontraste zu einem subtilen, aber dennoch klar erkennbaren Unterschied bei den „zweieiigen Zwillingen“ leitet, deren Sozialisierung bisher in der mystischeren, naturalistisch veranlagten Esoterik anderer Sphären verlief.
Two Hands ist nun allerdings deutlich kantiger und und wie proklamiert erdiger, staubiger. Direkter und simpler, gar archaisch packend, skelettierter und ausgedörrter. Eine Überlebenskampf, wo bisher schwelgende Versöhnlichkeit möglich war. Alleine die Stimme von Adrianne Lenker agiert hier immer wieder zudringlicher, physischer, dynamischer.

Am deutlichsten wird diese gröbere Schattierung zur Mitte der Platte, im immer aufbrausender werdenden, elektrisierenden Shoulders, das die wärmende Rohheit des Sounds zur rockigen Beinahe-Detonation lenkt, die Impulsivität und Direktheit impulsiv in die Enge treibt – seinen Höhepunkt erst im ruppigeren Not stattfinden lässt. Einen überlangen Jam samt hinausgeschriener Katharsis als vor Leidenschaft überlaufendes, immer fokussierter zugespitztes Herzstück.
Dieser ineinander übergreifende Fluß der Intensität als Gesamtes, der entlang einer wunderbar komponierten Individualität am Stück stets einem zwingenden roten Spannungsbogen folgt, verdichtet die Strahlkraft des Mosaiks zusätzlich, ohne sich dabei auf die Tragfähigkeit der übergeordneten Atmosphäre verlassen zu müssen. Auch wenn die Singles und Highlights von U.F.O.F. für sich genommen vielleicht noch unterschwellig-imposanter erfüllend waren, ist Two Hands im direkten Duell um Quäntchen überzeugender, weil griffiger, akzentuierter. Es ist nachvollziehbar, warum Lenker zu Protokoll gibt: „Two Hands has the songs that I’m the most proud of; I can imagine myself singing them when I’m old. Musically and lyrically, you can’t break it down much further than this. It’s already bare-bones.

Das vierte Studioalbum der Band hat tatsächlich eine so sehr in seiner Mitte ruhende Reife und Weisheit, dass, wären da nicht ohnedies dieses divergierende Gefühl in den Stimmungen, den Auftreten und den Charakteren der beiden Platte, diese ausnahmslos zauberhaften Songs immer noch für essentiellsten Mehrwert sorgen würden, der der zweiten Platte in diesem Kalenderjahr zu keinem Zeitpunkt den Eindruck einer Resteverwertung aufbürdet.
Der Opener Rock and Sing folgt der Tradition aufwärmender Einleitungen, ist ein so sanft wiegender Traum, der die perlenden Gitarren dem unaufgeregten Rhythmus als Ouvertüre ohne jeden Spektakel-Zwang folgen lassen. Dort übernimmt Forgotten Eyes kraftvoller, als würden Tegan and Sarah rund um If it Was You eine Zuneigung für das plingende Spiel von Sun Kil Moon auf April in den zurückgelehnten, aber bestimmten Folkrock artikulieren. The Toy klingt wie eine komplett entschleunigte Verneigung vor Without You als betörend ruhiger Walzer und der Titelsong will in seiner so filigranen Reduktion wie die Erinnerung an eine vergessene Hymne niemals den Ausbruch erzwingen, sondern tändelt darum in aller liebenswürdiger Eleganz herum, lässt seine Melodien wie verführerische Ahnung in zurückgenommener Lauerstellung aufblühen, bevor Those Girls wie ein schüchterner Blues mit dem Gruppendruck hadert.

Dass Two Hands danach seinen Höhepunkt erzwingt führt auch dazu, dass Big Thief im letzten Drittel der Platte dezidiert in sich gehen können, bewusst unspektakulär plätschern. Das einsame Wolf heult schließlich demonstrativ als minimalistisches Durchatmen in die Stille, wo der wärmend- beschwingte Americana von Replaced sehr viel Sorgsamkeit über seinen latenten Groove legt. Die Schönheit will sich spätestens hier kaum noch aufdrängen, ist in ihrer fragilen Zerbrechlichkeit aber immanent. Dass das abschließende Cut My Hair in all seiner Schüchternheit sogar ein bisschen den Schulterschluss zu U.F.O.F. sucht, passt insofern: Big Thief haben nahe am Optimum von Quantität und Qualität 2019 ein Yin/Yang-Doppel aufgenommen.

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