Bloc Party – Anatomy of a Brief Romance

von am 23. September 2026 in Album

Bloc Party – Anatomy of a Brief Romance

Das den Herzschmerz einer traumatischen Beziehung chronologisch ausbreitende Anatomy of a Brief Romance ist nicht die absolute Vollkatastrophe, zu der das siebente Studioalbum von Bloc Party praktisch überall im Netz (und darüber hinaus) erklärt wird. Aber beinahe.

Dass Anatomy of a Brief Romance selbst für die seit Four ja ohnedies nur noch mit kaum relevanter Schwankungsbreite im Qualitätsniveau einen Schatten ihrer einstigen Klasse darstellenden Bloc Party einen neuen Diskografie-Tiefpunk markiert, liegt an zwei Tatsachen.
Zum Ersten sind da flächendeckend rundum grausam schlechte Texte, die den 45 jährigen Kele Okereke – von dem man in lyrischer Hinsicht ja eigentlich bereits einiges gewohnt ist – über knapp 50 Minuten im enervierend selbstgefällig-blasierten Opferrollen-Modus wie einen mit seinem Gefühlshaushalt überhaupt nicht umgehen könnenden Teenager bloßstellen, der entlang ständig neu gezeichneter Fremdschäm-Szenen durch eine hölzern-oberflächliche, egozentrische, und infantile Cringe-Parade stolziert, wo er eigentlich die persönliche Katharsis anvisieren möchte.
Egal: Hauptsache Pig kommt in dieser unpackbar aufreibenden Gülle so oft wie möglich vor, wenn Okereke die Geschichte erzählt, wie er sich nach der Trennung vom Vater seiner Kinder nach über einer Dekade trennte und sich daraufhin neu (und unglücklich) verliebte.

Und zum Zweiten gipfelt dieser Umstand auf Anatomy of a Brief Romance in einem durchwegs fassungslos machenden, sogar dezent schockierend schlechten Mittelteil –  an diesem wird es auch liegen, dass die abschließende Bewertungs ungeachtet allen Wohlwollens einfach nicht aufgerundet werden kann.
Wo Love Bombs – der erste von einigen Songs, die wirken, als wären sie eigentlich als Okereke-Solo-Material entstanden, das rückwirkend notdürftig ins „Band„-Korsett gepfercht wurde) mit seinen synthetisch schiebenden Gitarren-Loops und Elektro-Disco-Beats zwar ähnlich nervt wie die Zeile „I want to crawl all over you most of the time“ unangenehm sein kann, ist das penetrant repetitive Stück zumindest ein veritabler Ohrwurm.
Doch im Herzen der Platte ist die Synthpop-Eifersucht Muscleworks („Who is he? That boy’s still watching us/ I know we all have pasts, but who is he?“ singt Okereke da immer wieder und will wohl fragil und verletzlich auftreten, klingt aber auf eine weinerliche Drama Queen-Art unangenehm hysterisch, die spätestens nach der Bridge mit magenschmerzenverursachendem Tonartwechsel jeden Geduldsfaden reißen lässt) nur deswegen nicht glasklar die beschissenste Bloc Party-Nummer ever, weil das nachfolgende Trio mindestens ähnlich grottig ausfällt.

Das Drum-Machine-Gebaren Clark Kent verschwendet das Können von Schlagzeugerin Louise Bartle komplett, führt ein an sich vielversprechend rasselndes Depeche Mode‚eskes Americana-Flair so müde klackernd zu einem blutleer uninspirierten Refrain: Eine gefühlt ewig dauernde (wenngleich gar nicht unbedingt in die Kloake greifende) Geduldsprobe ohne Sieger – selbst wenn man Alibi-Gitarrist Russell Lissack zugute halten muß, daß er hier (und ganz allgemein) zumindest versucht, auch dem langweiligsten Plätschern noch interessante Facetten in den Hintergrund beizufrickeln.
Das rocken wollende Frankenstein-Mäandern Worst Birthday Ever ist ein einziger anklagender WTF-Moment („Your brother was a bully, but your father’s a pig/ No wonder you turned out the way you did/ January always leaves you blue/ It would have been funny if it wasn’t all true/ But it was, every word of this is true/ Shame on me, but shame on you too/ For you betrayed me with your silence/ But your dad got his wish, his gay son’s no longer in love„) und das Lilly Allen’esk tänzelnde Not Your Problem schlägt dem Faß als grandioser Rohrkrepierer wie eine unangenehme Selbstparodie den Boden aus.

Doch abseits dieser selbst für den loyalsten Fan wie ein grotesker Elchtest anmutenden Passage ist Anatomy of a Brief Romance eigentlich halbwegs solide ausgefallen – deutlich schwächer als Alpha Games zwar, aber doch ungefähr auf einem Level mit Hymns (wobei vom 2026er-Erguss auf lange Sicht leider im negativen Sinne viel mehr konkretes schadhaft hängen bleiben wird) .
22.01.22 macht den an sich stimmungsvoll pluckernden Opener mit dezenten Streichern als bimmelnde Indietronic und eröffnet einen sehr ambivalenten Reigen. Coming On Strong köchelt postpunkig nach Schema-F Erinnerungen an alte Zeiten auf, scheitert aber an der ärgerlich mutlosen Produktion von Trevor Horn, die dafür sorgt, dass der Augenblick, wenn die Gitarre für den Chorus von der Leine gelassen wird, einfach nur frustrierend harmlos passiert und jeden Biss vermissen lässt. Pigwig poltert ebenso ambitionslos als okayes Selbstplagiat – souverän, wenngleich ohne brauchbare Melodie und Hook und einem theatralischen Part in der Bridge, der jedem Sicherheitsgedanken in die Kniescheiben schießt.

Doch das Update Lagoon Blue ist nach seiner ätherische pluckernden Foals-Einleitung sehr atmosphärisch in einer über Jacqueline hinauswirbelnden, galoppierenden Aufbruchstimmung samt 80er Patina ein kleines Highlight (nicht ganz auf B-Seiten-Niveau von einst), das zeigt, was auch heute noch möglich wäre.
Siehe auch das letzte Album-Drittel, wo das Licht am Ende des Tunnels auf Nummer Sicher geht – musikalisch ziehen die Lehren der Liebelei reibungslos vorüber: Now We Can’t Be Friends bimmelt abermals indietronisch und lässt zumindest die vage Ahnung einer großer Melodie zu, auch wenn instrumental grundlegend wenig im Verlauf hängen bleibt. Das verträumte Rotherhithe klimpernd sich weich in Wehmut suhlend. Stories imitiert das Handwerk von Four im Autopilot. Und wie Kele in der halb klassischen, halb mit U2-Glitter versehenen Aufbruchstimmung des versöhnlichen Fanpleasers Moving On einmal „I used to be so good at this“ singt, hat beinahe etwas tragisches.
Wie er sich im banaler pumpenden Club-Closer von Eulogy mitsamt The Cure-Gitarren betont generös gibt („I’m truly sorry we didn’t make it to Live and Let Die/ I never got to see your favourite Bond/ So now and forever, I’ll be one of those boys/ Pretending not to see you on the gym floor/ And yes, for a while, the heartbreak turned me bitter/ But it was only for a little while/ …/ I guess what I learned from you/ Is love means different things to different people/ You did the best with what you had/ …/ All I ever wanted to do was build you up/ Help you become who you said you wanted to be“), ist dann allerdings ein passender Ausklang für den Charakter einer keineswegs vollends katastrophalen, selten aber auch nur ansatzweise empathisch abholenden – geschweige gar sympathischen – Platte.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen