Boris With Merzbow – Gensho

von am 28. März 2016 in Album

Boris With Merzbow – Gensho

Das Prinzip der gleichzeitig abzuspielende Tonträgerveröffentlichung kennt man nicht erst seit Neurosis (als Tribes of Neurot begleiteten sie mit ‚Grace‚ das hauseigene Meisterwerk ‚Times of Grace‚) oder den Flaming Lips (‚Zaireeka‘) – auch die Alleskönner von Boris selbst haben derartiges mit ‚Dronevil‚ bereits 2005 abgehakt. Elf Jahre später denkt das japanische Trio diesen Ansatz deswegen auch gleich als Gemeinschaftsprojekt mit ihrem Merzbro, dem geistesverwandten Elektro-Terroristen Merzbow weiter.

Während Boris sich dafür Auszüge ihrer kompletten Discographie neu (und weitestgehend, aber nicht restlos schlagzeugfrei) reinterpretieren, liefert Masami Akita alias Merzbow vier neue, überlange Attacken auf Schaltkreise und Nerven. Eine Ausgangslage, die im Idealfall simultan gehört werden soll, um jene synergetischen Kräfte noch optimaler zu entfalten, die bei der Zusammenarbeit der beiden japanischen Acts seit jeher frei werden: siehe etwa unter anderem ‚Klatter‚ oder ‚Rock Dream‚.
Die generelle Frage bei derartigen Veröffentlichungen lautet dabei schon vorab natürlich immer: Welcher Fan besitzt überhaupt das nötige Equipment, um ein Album wie ‚Gensho‚ adäquat abspielen zu können? Sicher, wer die physischen Tonträger da nicht über zwei CD- oder Schallplattenspieler samt angeschlossener Anlagen laufen lässt, der kann sich im digitalen Zeitalter längstens via simultan arbeitender Musikprogramme oder erweiternder Tools wie GoldWave Abhilfe schaffen.

Macht man sich als Hörer nun also die Mühe das Album gemäß seiner zugrunde liegenden Intention zu konsumieren, wird sich ‚Gensho‚ nahezu automatisch insofern dosieren, dass der Boris’sche, relativ gesehen „konventionellere“ Part über weite Strecken den primären Grundstein von ‚Gensho‚ bildet, während die Merzbow’schen Monolithen die ausschmückenden Facetten übernehmen, den Hintergrund bereichern, wie stichelnde Hinterhalt-Attacken an jeder dunklen Ecke lauern, während das klassischere Songwriting dominieren darf.  Denn nur selten, wie im minimalistischen Ambient-Percussion-Klangkonstrukt ‚Resonance‚, nehmen sich Atsuo, Wata und Takeshi ganz bewusst und eklatant zurück, überlassen Merzbow und seinen Radikalkuren das Rampenlicht und fordern damit wahlweise die Belastungsgrenze der Hörer heraus, vor allem bei dominant in den roten Bereich ausschlagender Lautstärke, oder gewichten die Erfahrungen in weniger zugänglicher Konstellation. Die Symbiose der beiden Arbeiten verwächst so im besten Fall zu einer geradezu außerweltlichen Intensität, der aufgrund einer niemals restlosen Synchronität gar die Magie einer einmaligen Erfahrung innewohnt: Eine beispiellose Balance der (Dis)Harmonie und darüber hinaus auch eine herrliche Spielerei, die sich an der individuellen Vorliebe des Hörers ausrichten.

Separat betrachtet sind ‚Planet of Cows‚, ‚Goloka Pt.1‚, ‚Goloka Pt.2‚ und ‚Prelude to a Broken Arm‚ bei aller Faszination für die herausfordernden Installationen des Extremkünstlers aus Tokyo Merzbow vor allem hart an der Synapsenexplosion entlang experimentierende Gebilde aus spacigen Laserfeuerwerken, erbarmungslosen Feedback, weißem Rauschen, explodierenden Schaltkreisen und bohrenden Rückkoppelungen, die stark stimmungsabhängig auch wie ein Minenfeld für die Gemütslage wirken können und so eben letztendlich vor allem als die texturelle Tiefe und Unberechenbarkeit weiter verdichtende Sound-Ergänzung zu den „richtigen“ Songs von Boris anmuten.
Ein wichtiger Punkt: Zweckentfremdet man das angedachte Amalgam ‚Gensho‚ zu einem gewissen Teil, und hört die beiden Teile ohnedies für sich stehend, zündet der Part von Boris auch ohne Zutun der Konterparts Merzbow absolut bestechend und stellt selbst ohne erweiterte elektronische Störgeräusche eine atemberaubende, im nahtlos ineinander verarbeiteten, soundästhetisch kohärenten Fluss aufgehende Reise durch alle Schaffensphasen des Trios dar. ‚Gensho‚ begeistert selbst ausschließlich aus dieser theoretisch limitierten Perspektive heraus, beleuchtet als potentielle Werkschau auch für Langeitfans ungekannte Aspekte der Kompositionen, lässt sich einen neu in die neun aufgefahrenen Songs verlieben, funktioniert aber (was vielleicht am großartigsten ist) als für sich stehendes, homogen verwachsenen Album – keine unbedingte Selbstverständlichkeit bei der unbändigen Spielfreude und dem immanenten Forscherdrang von Boris.
Am erstaunlichsten ist insofern wahrscheinlich, welche Dynamik ‚Gensho‚ entwickelt, obwohl die Songs aufgrund ihrer zurückgenommenen Beschaffenheit eigentlich prädestiniert dafür wären in eine gewisse Gleichförmigkeit zu verfallen – jedoch variieren Boris den Abwechslungsreichtum alleine durch die Songreihung und Auswahl, die Herangehensweise an diese.

In der einseitigen, weil Merzbow ein wenig unter den Tisch kehrenden Detailbetrachtung restaurieren Boris also ein ‚Huge‚ bis an die Grenzen zum Funeral Doom entschleunigt: Die Gitarren walzen in Riff/Zeitlupe, das Feedback glänzt im Untergrund, das Schlagzeug ist von der Finsternis verschlungen. Takeshi heult und greint  dagegen gespenstisch und erbarmungslos konsequent Richtung Black Metal, einem giftigen Stimmungsmeer gleich. Auch ‚Rainbow‚ entfaltet sich auf ‚Gensho‚ noch ätherischer als das grandiose, auch weil so völlig anders inszenierte Original, ist bezaubernder Pop unter Narkose mit Schellenkranz und reproduziertem Michio Kurihara-Solo.
Der anfängliche Electronicansatz vom ‚Yellow Loveless‚-My Bloody Valentine-Cover ‚Sometimes‚ wird von sanftmütigen, alles durchdringenden Gitarrendrones umgarnt, wärmt so mächtig wie melancholisch, bevor das elegische Finale in seiner träumenden Schönheit schier atemberaubend in den Himmel steigt. Überhaupt: wie entspannt kann absolute Heavyness sein?!

Heavy Rain‚ fiept und knarzt über sein drückendes Gitarrenunwetter hinaus, wo Melodien in sinistren Zwielicht strahlen (ja, selbst Boris können ihre Songs noch einmal verbessern!), bevor ‚Akuma No Uta‚ sich alle zeit der Welt  nimmt, um seine fiesen Riffkaskaden aufzuschlichten. Wie auch im Rahmen aus ‚Farewell‚ und ‚Vomitself‚ genügen Boris im auf knapp 12 Minuten ausgewalzten Titeltrack ihres 2003er-Geniestreichs immer wieder ausnahmslos ihre monumentalen Gitarrenwände (die später auftauchenden Beckenschläge erscheinen nur wie eine böse Ahnung), um eine eindringliche Atmosphäre zu kreieren, unter die Haut zu gehen und sich doch auch hartnäckig im Gehörgang festzukrallen, nicht nur auf spiritueller Ebene zu theoretisieren.
Boris führen ihre Klasse in Sachen Drone und Doom vor, indem sie vielen ihrer an sich rockigen Songs die Griffigkeit entziehen und dennoch eine aus Raum und Zeit entkoppelte Unmittelbarkeit kreieren, ihr Songwriting als Meister der Wandelbarkeit wieder einmal in eine entrückte Parallelwelt beamen.  Denn wo andere Bands in dieser trotz aller majestätischen Wucht reduzierten Gangart schnell langweilen könnten, ziehen hier auch Songlängen an der 10-Minuten-Marke atemlos und mit einer fesselnden Kurzweiligkeit in den Bann. Oder anders gesagt: Selbst wenn Boris nur ihren eigenen Backkatalog neu aufbereiten agieren sie dabei spannender, fordernder und vor allem auch anziehender als andere Bands auf deren Zenit – und das, ohne dass Merzbow seinen nur zu leicht unter Wert zu verkaufenden, spezifischen und letztendlich sehr wohl auch eigenständigen Part überhaupt erst beigesteuert hätte. ‚Gensho‚ mutiert so zu mehr als nur einem grandiosen Rückspiegel-Tribut an die eigene Brillanz – es ist ein weiteres Gipfeltreffen der beiden Tokyo’er Ausnahmeformationen; notfalls auch eines, das ohne den jeweiligen ergänzenden Gegenpart stattfinden kann.

08

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