Honorable Mentions 2016

von am 2. Januar 2017 in Featured, Jahrescharts 2016

Honorable Mentions 2016

2016 war das Jahr großer (nicht nur) musikalischer Verluste und einiger wirklich starker Alben – da fällt zwangsläufig etwas unter den Tisch. Auch heuer gibt es deswegen eine ungereihte Rangliste voller Geheimfavoriten, faszinierende Ausnahmeerscheinungen und eben schlichtweg in ihrer Weise herausragende Alben des Jahres 2015, die man keinesfalls verpasst haben sollte, die aber dann nicht in der regulären Konsensliste reüssieren konnten.

Honorable Mentions | MV(E)P  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 |

65daysofstatic - No Man's Sky Music For An Infinite Universe65 Daysofstatic – No Man’s Sky: Music for an Infinite Universe

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Während Sean Murray für viele Zocker mit seinem polarisierenden, nur wenige (oder dank Megapatch eben extrem verspätet) Versprechen einlösenden No Man’s Sky zum Buhmann des Jahres mutierte, machten die Soundtracklieferanten der digitalen Weltraumerkundung praktisch alles richtig: 65daysofstatic zelebrieren auf No Man’s Sky: Music for an Infinite Universe ihren synthiegestemnten Postrock erst über zehn Stücke vielleicht sogar schlüssiger und ausgefeilter als auf all ihren bisherigen regulären Studioalben, bevor sich das Quartett aus Sheffield in ambiente Klangräume mit freiliegenden Strukturen begibt, die auch ohne die Logarithmen und visuellen Eindrücke von No Man’s Sky selbst in ihren Bann ziehen. Dass man den Input von Hello Games-Audio Lead Paul Weir dabei nicht unterschätzen darf, sei an dieser Stelle noch einmal explizit unterstrichen. Wie auch die Tatsache, dass 65daysofstatic in einem schwachen Postrockrockjahr, aber 12 sehr guten Monaten für Videospiele und deren Soundtracks (von The Last Guardian über Dark Souls III bis hin zu Furi, um nur einige wenige hervorzuheben!) ein klares Highlight-Ausrufezeichen gesetzt haben.

boris-with-merzbow-genshoBoris With Merzbow – Gensho

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Ihrem steten Willen zur Innovation sind Boris mit ihrem Merzbro hier zwar in mehrerlei Hinsicht zuvorgekommen, wahrscheinlich stellt Gensho aber gerade deshalb ein willkommenes Highlight im Output der letzten Jahre dar: die auf Tonträger gebannten (Live-)Eskapaden mit Masami Akita haben immer schon den Spaßpegel in der Diskographie der Japaner auf Anschlag getrieben, und auch hier stehen hinter dem oberflächlichen Gimmick der gleichzeitig zu hörenden Platten an sich nur die nicht totzuhörenden Gassenhauer – nicht nur eigener – vergangener Großtaten, denen es die Japaner wieder einmal schaffen, neue Facetten abzugewinnen. Voll und sauber produziert, und gewohnt gekonnt zum Gesamtkunstwerk hochstilisiert, machen die getrennten Parts von Gensho an sich schon mächtig Laune, und lassen übereinander gelagert mehr als nur Silhouetten des mittlerweile auch schon in die Jahre gekommenen Bravourstückes Rock Dream erahnen.

danny-brown-atrocity-exhibitionDanny Brown – Atrocity Exhibition

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Bei den Prophets of Rage übernimmt B-Real das fünfte Rad am Wagen, während das angekündigte Comeback von Cypress Hill nicht und nicht erscheinen will und die Soloveröffentlichungen des 46 Jährigen gefühltermaßen niemandem unter dem Ofen hervorlocken können. Da passt es nur zu gut ins Bild, dass Louis Freese als Feature-Gast längst nur noch für die obligatorischen Kifferzeilen gebucht wird. Nachzuhören etwa im regelrecht plakativen Get Hi – einem wie unter Narkose dösenden Delirium, erschreckend süßlich über dem Abgrund. B-Real liefert damit übrigens den einzigen, einem Ausfall ansatzweise nahe kommenden Moment des furios abliefernden Atrocity Exhibition. Einer Platte, die man in ihrer Verschrobenheit und Experimentirfreudigkeit so von Danny Brown selbst nach dem bereits abenteuerlustigen Old nicht erwartet hätte. Da werden Verweise auf Joy Division, Nine Inch Nails oder Bob Dylan nicht zu Lippenbekenntnissen, wenn Brown sich mit seiner so polarisierend quäkenden Stimme über krummen Beats von Produzent und Features wie Petite Noir, über The Alchemist bis hin zu – dem allgegenwärtigen – Kendrick streckt, dabei aber über die Hintertür so viele geschmeidige Hooks abwirft, wie nur wenige Genre-Platten im Jahr 2016. Klar ist: Atrocity Exhibition ist das mutige, überdrehte, dunkle, fordernde Album geworden, zu dem Dizzee Rascal nicht mehr fähig ist. Ein Spagat, an dem Danny Brown auch grandios hätte scheitern können – stattdessen gelingt ihm ein phänomenaler Triumphzug. Daran kann übrigens auch B-Real nichts ändern.

Chance the Rapper - Coloring BookChance The Rapper – Coloring Book

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Einen seiner stärksten Songs knallt Kanye West auf dem zerschossenen The Life of Pablo gleich als Eröffnung hinaus: Ultralight Beam löst das Versprechen eines Gospel-Albums („a gospel album, with a whole lot of cursing on it. (…) The gospel according to Ye. It’s not exactly what happened in the Bible.„) mit überwältigender Strahlkraft – und quasi im Alleingang ein…bevor sich das achte Studioalbum in eine Baustelle der Megalomanie zu verwandeln beginnt. Effektiver, sympathischer und unangestrengter umgesetzt wird die Idee des vor Gospel und Soul nur so strotzenden Hip Hop-Albums deswegen nur drei Monate später von West’s proklamierten Protege Chancelor Johnathan Bennett (der mit seinem Kumpel Donnie Trumpet übrigens bereits bei Ultralight Beam seine Hände im Spiel hatte) alias Chance the Rapper auf Coloring Book. Einem Werk so farbenfroh und bunt, dass man nicht notwendigerweise auf all die gottespreisenden Lyrics anspringen muss, um von der erfrischend optimistischen Atmosphäre unmittelbar abgeholt zu werden. Gerade in diesem Jahr ist die strahlende Zuversicht, der Lebensmut, die Unbekümmertheit, die von Coloring Book über jeder Religiösität ausgeht, dann eben doch etwas durchaus willkommenes und angenehm leichtgängiges. Zumal der weiterhin unbeugsame Charakter von Chance natürlich auch seinen Teil zum Charme dieser Platte beiträgt. Nein, das ist streng genommen schon wieder kein Studioalbum, sondern ein Mixtape. Nein, vor Coloring Book hat noch kein anderes Streaming-only Album jemals eine Grammy-Nominierung erhalten. Nein, Plattenvertrag unterschreibt Bennett nämlich weiterhin keinen, obwohl ihm die Industrie das Geld in den Rachen schieben möchte. Und ja, wenn man es unbedingt so sehen will, hat der als Schüler gehandelte Chance seinen Meister spätestens jetzt (zumindest für den Moment) überholt.

nels-cline-loversNels Cline – Lovers

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Sage und schreibe 25 Jahre hat Nels Cline an Lovers gearbeitet – und in einer gerechten Welt eine ähnliche konsenstaugliche Breitenwirkung entfachen müssen wie das letztjährige The Epic von Kamasi Washington. Schließlich funktionieren die 18 hier aufgefahrenen Stücke – „an update of the ‚mood music‘ idea and ideal“ – als „chilled-out instrumental soundtracks for breakfast in bed with mai-tais“ bis hin zu den „late-night booty calls“ (wie Will Hermes das so ideal skizziert) ideal. Letztendlich ist das erste Solowerk des Ausnahmegitarristen jedoch gefühltermaßen einem relativ kleinen Kreis an Bewunderern vorbehalten geblieben – Stammkunden der Qualitätsschmiede Blue Note etwa, oder natürlich vordergründig Anhängern, die Cline seit seinen Avantgarde-Anfängen bis zu den Heldentaten mit Wilco folgten.
Dass die Brotjob-Band justament in diesem Jahr mit einem betont reduzierten Studioalbum um die Ecke gebogen kam, lässt sich allerdings wohl nur zum Teil auf das erscheinen von Lovers zurückführen – schließlich spielt Cline hier noch zurückhaltender, so unendlich still und songdienlich, legt seine Virtuosität in die Grandezza der Arrangements und assimiliert Kompositionen, lässt Klassiker der Jazz-Geschichte mit der  gleichen unaufgeregten Selbstverständlichkeit neben Songs von Sonic Youth wie eigenen Stücke unter dem konzeptuellen Überbau gedeihen. Das Ergebnis ist eine zeitlose Reise, die bisweilen so klingt, als hätte Wes Anderson eine Mash-Up-Episode aus Arrested Development und Parks & Recreation nach einem Märchen-Drehbuch von Charlie Kaufmann gedreht. Eine bittersüße, tragische, melancholische, herzerwärmende Romanze also – und auf seine Art das Jazzalbum des Jahres, das vom Hintergrund-Gelegenheitshörer über den schwelgenden Liebhaber bis zum Indie-Experten eigentlich jeden abholt.

deathspell-omega-the-synarchy-of-molten-bonesDeathspell Omega – The Synarchy of Molten Bones

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Aus dem Nichts kommende – oder schlimmer: Nicht aus dem Nichts kommende, weil zuvor unzählige Male angekündigt, dann verschoben und letztendlich mit genug Publicity-Vorlauf über Nacht pseudo-überraschend hinausgehauene – Alben lagen auch 2016 absolut im Trend. Bei keiner anderen Band machte ein derartiger Guerilla-Überfall jedoch derart viel Sinn, wie bei Deathspell Omega. Irgendwo logisch, wenn man immer noch keinerlei Web-Präsenz unterhält oder über die tatsächlichen Bandverhältnisse aufklärt.
The Synarchy of Molten Bones war jedenfalls plötzlich da, nach mehr oder minder 4 langen Jahren Funkstille. Und überrascht dann im Grunde doch nur mit seiner (zu!) kompakten Spielzeit von gerade einmal 30 Minuten – gerade genug, um die Verhältnisse zu klären, aber nicht um diese restlos auslaugende Katharsis zu erzeugen, mit der die Band bisher malträtierte. Gefühltermaßen also eher eine EP, als ein vollwertiges Album. Weswegen das nichtsdestotrotz furiose The Synarchy of Molten Bones dann auch nur an dieser Stelle gelandet ist, obwohl Deatspell Omega eben weiterhin machen, was sie besser können als nahezu alle anderen: Technisch atemberaubend detaillierten Black Metal mit einer inferioren Geschwindigkeit um blanken Noise-Terror zirkeln, dass die Masstäbe in dieser Nische sich einmal mehr nach den Genre-Gesetzen der Franzosen beugen müssen.

The Dillinger Escape Plan - DissociationThe Dillinger Escape Plan – Dissociation

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Auf ihrem Abschied auf Raten konzentrieren sich The Dillinger Escape Plan genau genommen wie bereits auf Option Paralysis und One of Us is the Killer auf eine gewisse Ergebnisverwaltung, addieren dazu aber den bis zu den Anfängen mit Calculating Infinity gespannten Bogen. Dass das unter dem Strich keine wehmütig auf dem Trennungsschmerz ausruhende Werkschau, sondern ein gefühltes Best of mit elf neuen Hirnfick-Attacken ergibt, hat dann ausnahmslos mit der Qualität des Songwritings zu tun: Während mit Gone is Gone oder Giraffe Tongue Orchestra bereits etwaige Nachfolgeprojekte parat stehen, ringen sich Ben Weinman, Greg Puciato, Billy Rymer und Co. auf dem finalen Dillinger Escape Plan-Album eine selbstreferentielle Frischzellenkur ab, die wieder so viel hungriger, fordernder, frischer und explosiver alle Vorzüge der Mathcore-Erfinder destilliert als die unmittelbaren Vorgängerwerke, bevor man sich am Ende sogar noch ein wenig in streicherschwangerer Melodramatik suhlt. Es sei diesem runden Abschluss einer beispiellosen Karriere gegönnt. Denn wie weit Dillinger Escape Plan all den Herrscharen an Epigonen voraus waren – und bis auf absehbare Zeit wohl auch bleiben werden – lässt sich wohl nirgendwo besser nachhören, als auf Dissociation. Farewell, TDEP.

kyle-dixon-michael-stein-stranger-things-vol-1Kyle Dixon & Michael Stein – Stranger Things: Original Soundtrack

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Ob Kyle Dixon und Michael Stein Anfang des Jahres bereits damit gerechnet haben, dass ihre Auftragsarbeit für die nostalgische und Durch-und-Durch-Hommage Stranger Things deutlich höhere Wellen schlagen würde, als ihr (ausgerechnet!) auf Relapse demonstrativ irritierend platziertes Debütalbum RR7349 unter dem SURVIVE-Banner?
Ohne dessen guten Synthierock unter Wert verkaufen zu wollen: Diese Rangordnung in der Wahrnehmung passt durchaus. Denn wo Stein und Dixon mit ihrem zutiefst in den 80ern, bei  Jean-Michel Jarre, Goblin, John Carpenter und vor allem Giorgio Moroder verankerten Synthie-Ambient-Landschaften einen Gutteil dazu beitrugen, dass die Serie der Duffer Brothers zu jener atmosphärisch dichten Genre-Verbeugung wurde, gelingt dem Scores ganz auf sich gestellt durchaus ein Kunststück: Melancholische Glanztaten wie Kids können unmittelbar nach Upside Down transportieren – schicken das Kopfkino jedoch gleichermaßen auch auf ganz eigene Erkundungstouren in neonfunkelnde Zwischenwelten und funktionieren damit nicht ausschließlich in Wechselwirkung mit der dazugehörigen Serie optimal, sondern auch ganz für sich alleine stehend. Stimmungsvoller und intensiver als diese stilvolle Referenzleistung wurde das Erbe von Moroder und Co. 2016 jedenfalls kaum aufgewärmt. Auch nicht von SURVIVE.

Future of the Left – The Peace and Truce of Future of the LeftFuture of the Left – The Peace & Truce of Future of the Left

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2016 war ein umtriebiges Jahr für Future of the Left an allen Fronten. Unter tatkräftiger Mithilfe von Schlagzeugerkumpel Jack Egglestone hat Andy Falkous seine One Man band Christian Fitness auf This Taco is not Correct endlich aus dem Abseits der Stammband gezerrt, während Julia Ruzicka (mit Art Brut [ja, die gibt es noch!]-Gitarrist Ian Wilson sowie ebenfalls Egglestone [vielleicht DER heimliche Qualitätsgarant für alle Projekte?] an den Drums) als This Become Us auf ihrem Debütalbum den hochrangigen Gastsängern die Klinke in die Hand gab. Eben jene Ruzicka drückte dann auch The Peace & Truce of Future of the Left mit ihrem monströs präsenten Bassspiel den Stempel auf, während sich die wieder zum Trio geschrumpfte Band aus Wales auf ihrem fünften Studioalbum drumherum merklich entschlackter, fokussierter präsentierte. Wichtiger aber noch: Auch wieder bissiger und schmissiger, indem man all die Gift-und-Galle-Attacken wieder auf tolle Hooks und zündende Melodien krachen ließ – und nicht kratzbürstig alleine um der Kratzbürstigkeit in smart klingenden T Shirt-Sprüchen der Marke Falco wegen klang. Die relative Auszeit von knapp zweieinhalb Jahren hat Future of the Left merklich gut getan, die Batterien aufgeladen und mit einer knackig erfrischenden Power ausgestattet, die den Autopilot zumindest vergessen lässt – für tatsächlich neue Impulse sorgen dann demnächst ja eventuell die assimilierten Eindrücke der Nebenschauplätze.

Okkervil River - AwayOkkervil River – Away

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Away ist das bisher vielleicht schwierigste Album für und von Okkervil River geworden: Eine Platte, die Will Sheff im Grunde nur für sich selbst aufgenommen hat, die aber rausmusste, um die Kosten für all das zusätzliche Instrumentarium (von eleganten Streichern bis hin zu anschmiegsame Flöten wird Away von der subtilen Orchesterarbeit des yMusic-Ensembles und den Brian Wilson’esken Vorlieben von Mixer Jonathan Wilson gestützt) zu decken; ein Abschied von alten Gewohnheiten (Sheff zieht sich für die neun überlangen Kompositionen in die Isolation zurück) und liebgewonnenen Menschen (Bandmitglieder stiegen aus dem Gefüge aus und Sheff’s Großvater verstarb) und trotzdem mehr als alles andere ein Aufbruch zu neuen Ufern: „Eventually, I realized I was kind of writing a death story for a part of my life that had, buried inside of it, a path I could follow that might let me go somewhere new.“  erklärt Sheff und serviert dazu stille Schönheiten wie Comes Indiana Through the Smoke oder Judey on a Street, die vielleicht ergreifender sind als alles, was bisher unter dem Okkervil River-Banner erschien. Sich sicher aber um so vieles unaufdringlicher, sanfter, elegischer, getragener enfaltet – und manche werden eben auch sagen: langweiliger. Was natürlich spätestens dann Unsinn ist, wenn Okkervil River den einleitenden Meta-Begräbnisgesang zu lüften beginnen und Marissa Nadler im so tiefgehenden Call Yourself Renee den wohligen Raum bieten, um die traurige Seele zu streicheln.

Anderson .Paak - VeniceAnderson .Paak – Malibu

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Ein Kuriosum zum Jahresabschluss: Brandon Paak Anderson hat es auf die BBC Longlist 2017 geschafft. Womit das altehrwürdige Trendbarometer bei aller (zuletzt ohnedies etwas ins Stolpern gekommener) Weitsicht dann doch mindestens ein Jahr hinterherhinkt. Immerhin stahl Paak 2015 allen anderen die Show auf dem Dr. Dre-Comeback Compton, nachdem er er bereits auf Venice eine beachtliche Talentprobe abgeliefert hatte. Malibu kam da dieses Jahr schon einer frühen Meisterprüfung des Spätsparters gleich. Über 63 kurzweilige Minuten hinweg sprüht dieser kreative Rundumschlag Funken, bringt Rap, Pop, Soul und Funk mit unendlich viel Gefühl als natürlichste Sache der Welt unter einen Hut und schüttelt dabei so viele zutiefst geschmeidige Ohrwürmer aus der Hinterhand, dass man die weniger optimistischen Untertöne der Platte schon einmal übersehen kann. Dass es Lobpreisungen aus allen Ecken hagelte war eigentlich nur die logische Konsequenz.
Mag Paak der Durchbruch spätestens mit Malibu also eigentlich längst gelungen sein, kann die BBC-Nominierung vielleicht dahingehend verstanden werden, dass tatsächlich keinerlei Anzeichen dafür bestehen, dass der 30 Jährige Spätstarter in den nächsten Jahren nicht noch weitaus imposanter auftrumpfen wird. Nachzuhören etwa auch auf dem unlängst erschienen NxWorries-Debüt Yes Lawd!, auf dem Anderson . Paak gemeinsam mit Knxwledge dann auch ein superbes Debütalbum vorlegt, dass nach Beachtung der BBC Sound of-Liste geschrien hätte.

kaitlyn-aurelia-smith-earsKaitlyn Aurelia Smith – EARS

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Im Bereich der Indie-tauglichen Electronic gab es 2016 ja einige Schmankerl: Das viel zu ausführliche Drittwerk von James Blake etwa. Mehr noch Roger Sellers so schmissig pulsierend daherkommendes Primitives als Bayonne. Oder natürlich Nicolas Jaars Suche nach neuen Wegen, die im tollen Sirens mündete. Subjektiv jedoch am feinsten: Kaithlyn Aurelia Smith’s EARS, das den Spagat zwischen dem Organischen und dem Synthetischen fulminant vollzieht, indem es unheimlich dicht komponiert in die Weite zieht, gleichermaßen experimentell und catchy funktioniert und damit den Raum bietet, um sich vollends in fesselnden Soundwelten zu verlieren. Hier brodelt eine Schönheit, deren Kern sich niemals völlig erfassen lässt, jedoch alleine schon all jene abholt, die sich nur ansatzweise von den Vorzügen von The Knife/Fever Ray, Laurel Halo, Animal Collective oder Julianna Barwick locken lassen – und letztendlich mit einem Hörerlebnis von beinahe transzententaler, hypnotischer Synthie-Eleganz entlohnt.

ryan-tanner-promised-landRyan Tanner – Promised Land

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Warum Ryan Tanner mit seinem über Nacht aus dem Nichts kommenden, via Bandcamp weiterhin nach Name Your Price-Prinzip verfügbaren Überraschungswerk Promised Land an dieser steht, wo der Singer/Songwriter und Folkbarde hier doch über 40 Minuten hinweg genau genommen wenig anders macht, als zahlreiche ähnlich geartete Vertreter seiner Zunft?
Weil sich die zehn Songs hier schlichtweg mehr Rampenlicht verdient haben. Weil Promised Land wie wärmendes Kaminfeuer durch den Winter führt und wohlig in den Arm nimmt. Weil man den Boss erst einmal derart streichelweich hinbekommen muss, wie Tanner dies im tröstenden Price You Pay schafft. Weil Songs wie der Titeltrack als wunderbare Duette das Herz aufgehen lassen, während man anderswo an John Grant denken darf, wenn sich Tanner alleine am Piano in genügsame Elegien schmiegt, sich dann wieder nur auf seine Stimme und eine leise Gitarre, sein Gespür für Melodien verlässt, und dann Kleinode produziert, die aus dem Nähkästchen von Rufus Wainwright stammen könnten. Assoziationen die verdeutlichen, dass der Bartträger aus Utah durchaus das Zeug zum Durchbruch in erste Klasse hätte – er seine anmutugen Unscheinbarkeiten vielleicht in der zweiten Reihe aber nur umso befreiter von jedem Druck wachsen lassen kann. Gerade so lange die Nächte noch kalt sind: Nicht entgehen lassen!

ulver-atgclvlsscapUlver – ATGCLVLSSCAP

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Natürlich nehmen die einstigen Black-Metal-Grenzgänger von Ulver auch noch ein Krautrock-Album auf, wo kämen wir denn da hin? Nach breitwandigen Ausflügen in die Klassik, in Kirchenchöre und unter die Kutten der nur halb so schwer auszurechnenden Kollegen von Sunn o))), sind die Norweger um Mastermind Krystoffer Rygg, wie es Artwork und Name schon richtig vermuten lassen, in verkopfteren, LSD-schwangereren Gefilden als je zuvor angelangt. Erst einmal hinter die gewöhnungsbedürftige Produktion von ATGCLVLSSCAP gestiegen, werden – vielleicht abschreckender als zuvor – spirituelle Energien von Can bis Amon Düül gebündelt, und Ryggs abgründige Stimme noch einmal stärker hofiert, als es auf War on the Roses noch der Fall war. Wie eigentlich immer seit dem Meisterwerk Shadows of the Sun, kämpfen Ulver gelegentlich mit der Beliebigkeit, was vielleicht der Preis für das Tanzen auf so vielen Hochzeiten ist. Interessant und wichtig bleiben sie allemal.

furi-original-soundtrackVarious Artists – Furi: Original Soundtrack

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Furi von The Game Bakers war einer der Indie-Überraschungshits des Jahres: Hotline Miami trifft Contra trifft Shadow of the Colossus, ein erbarmungsloses Boss-Rush-Game mit kühler Anime-Äshetik, aufgedrückt von Takashi Okazaki, dem Vater von Afro Samurai. Und trotz dieser bemerkenswerten Alleinstellungsmerkmale, war einer der herausragendsten Aspekte des Spieles wahrscheinlich der Soundtrack, der – im Vorhinein vielleicht etwas zu selbstreferentiell wirkend – ein Neo-Retro-Synth-Wave-Wasauchimmer-Feuerwerk der Oberklasse abfeuert, und ganz nebenbei natürlich auch noch neues Material des amtierenden Meister dieser Klasse, Carpenter Brut, im EP-Ausmaß auffährt. Und dem Medium gemäß spielt sich Franck Hueso auch mit der Idee von sich stetig steigernden, actiongeladenen Kämpfen, gibt seinen ansonsten relativ schnell explodierenden, düsteren Wave-Epen mehr Zeit sich aufzubauen, und eine der Bildsprache der Vorlage angepasste, postapokalyptischere Klangfarbe. Auch sämtliches andere Exklusivmaterial der Kollegen Danger, The Toxic Avenger, Lorn, Scattle, Waveshaper und Kn1ght sind mehr als nur hörens- und erlebenswert.

Honorable Mentions | MV(E)P  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 |

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