Calexico – Edge of the Sun

von am 8. April 2015 in Album

Calexico – Edge of the Sun

Calexico nehmen auch im achten Anlauf kein schlechtes Album auf. Dafür zeigt sich auf dem in viele Richtungen offenen Kollaborationswerk ‚Edge of the Sun‚ vor allem die illustre Gästeschar verantwortlich.

Weil es den Aufnahmen des Vorgänger ‚Algiers‚ durchaus gut getan hat, dass John Convertino und Joey Burns ihre Band kurzerhand an einen neuen Arbeitsplatz verpflanzten, haben Calexico auch für ihr achtes Studioalbum die Koffer gepackt, sind anstelle von New Orleans allerdings diesmal von Tuscon aus über die naheliegende Grenze nach Mexico-Stadt gereist.
Interessant sind dabei vor allem zwei Dinge: ‚Coyoacàn‚, ein knapp dreiminütiges Instrumental und Tribut an das gleichnamige Stadtviertel, wirkt nun erstens mit der üblichen Mariachi-Stimmung gar nicht unbedingt soviel authentischer, als es das die vorangegangenen Calexico-Alben auf Basis eines bisher ausnahmslos theoretischen Fachwissens vorgegaukelt haben. Und zweitens – auch als unmittelbare Schlussfolgerung dieser Erkenntnis -, unterstreicht es die Gewissheit, dass Burn und Convertino ihr Tex-Mex-Songwriting eben immer schon mit einer solch unverfälschten Zuverlässigkeit abgeliefert haben, die seit dem unstreitbaren Höhepunkt ‚Feast of Wire‚ allerdings eben auch immer wieder Gefahr läuft, trotz der hohen Qualitätskonstante einem altbekannten Gefühl von „Mehr vom Üblichen“ anheim zu fallen.

Edge of the Sun‚ ist nun jedoch ähnlich wie ‚Garden Ruin‚ eine jener Platten des federführendes Duos geworden, auf der Calexico eben diesem Alltagstrott besonders engagiert entgegenzutreten versuchen – indem ‚Coyoacàn‚ nicht nur der einzige Track ohne Gesang, sondern auch der einzige ohne Verzeichnis auf einer langen Gästeliste voller alter Freunde und Weggefährten bleibt.
Bereits im voller retroschick-synthielastiger Wärme strahlenden Opener ‚Falling from the Sky‚ gibt sich etwa Ben Bridgwell von Band of Horses die Ehre und verschmilzt die Tugenden beider Bands zu einem sehnsüchtigen Indiesong mit Breitwandoptik. ‚Bullets & Rocks‚ rumpelt schmeichelweich und hintergründig an der Hand von Sam Beam in die psychedelischeren gefilde von Iron & Wine, ‚When the Angels Played‚ könnte mit Pieta Brown und Greg Leisz‘ Pedal Steal als altehrwürdiger Wilco-Moment durchgehen, ebenso ‚Woodshed Waltz‚.
Ob der abgedämpft dahinlaufende Drumbeat von ‚Tapping on the Line‚ auf das Erscheinen von Neko Case zurückzuführen ist bleibt dann reine Spekulation, dass der beinahe zeitgenössische Minimalismus des Songs sich aber ausnahmslos mit behutsamen kleinen Gesten begnügt, erfüllt die aufgebauten Erwartungshaltungen nur bedingt.

Ohne falsche Bescheidenheit sorgt hingegen Mestizo-Queen Amparo Sánchez für frischen Wind im karibisch aufdrehenden ‚Cumbia de Donde‚ (das zudem einer der wenigen Songs bleibt, der wirklich anhand der stellenweise etwas zu bemühten Bläserarrangements gewinnt). Daneben zelebrieren Calexico mit wechselnder mexikanischer Damenbegleitung (Gaby Moreno darf in ‚Miles from the Sea‚ behutsam den Folk streicheln und für das vorsichtig-feurige ‚Beneath the City of Dreams‚ die Hüften schwingen, Carla Morrison sorgt in ‚Moon Never Rises‚ dagegen für eine unwirkliche, traumwandelnde Atmosphäre) Schönklang an der Grenze zur harmlos bleibenden Friedfertigkeit, freilich immer routiniert genug, um die eigene Klasse nicht zu untergraben.
Richtig spannend wird es deswegen aber auch erst auf der Zielgeraden: die Griechen Takim veredeln ‚World Undone‚ mit akribischem Finkerpiking, orientalischer Violine und Kastenzither zu einem unheilvoll Anschwellenden Klangkörper, der sich so durchaus noch breiter aufbäumen hätte können, um sich vollends entfalten zu können. Ein marginales Manko, aber irgendwo symptomatisch für die gesamte Platte, denn auch ‚Follow the River‚ (mit Nick Urata von Devochka), das als Schlusspunkt einen betörende Hoffnungsschimmer voller verletzlicher Melancholie zeichnet, stellt wie vieles auf ‚Edge of the Sun‚ große Szenarien in Aussicht, dokumentiert dann aber eine Band und deren zurückgenommen agierenden Wegbegleiter, die sich kurz vorm überbordenden Ziel stets ausbremsen und lieber hungrig zurücklassen, als zu übersättigen.

Das daraus entstehende Konglomerat der geregelten Einflüsse verzichtet dabei weitestgehend auf tatsächlich durch zwingende Melodie-Geistesblitze herausragende Einzelsongs und entfacht seine nach und nach entfaltete Stärke vielmehr daraus, eine vorsichtige, aber variantenreiche Perspektivenerweiterung auf das Calexico’sche Standardrepertoire zu sein, die entlang seiner den Hintergrund prägenden Gastschar wohl die Option ziehen wird, nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen als seine unmittelbaren Vorgängerplatten: Homogen, und abwechslungsreich. Vertraut, aber nicht bequem. ‚Edge of the Sun‚ ist eine Platte irgendwo zwischen entspannter Fingerübung und nicht restlos konsequenter Aubruchstimmung geworden.
Ein Album also, dass sich aus seiner eigenen Wohlfühlzone bewegt und dennoch ohne markante Aha-Momente auskommt, dafür aber mit der zufriedenstellenden Gewissheit, dass Convertino und Burns schlichtweg zuverlässig bleiben. Vor allem mit dem Wissen darum, mit welchen Impulsen sie ihr Songwriting in jedem Fall vor der Selbstgefälligkeit und tödlichem Stillstand bewahren können.

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