Tortoise, Bitchin Bajas [14.04.2026: Orpheum, Graz]

von am 19. April 2026 in Featured, Reviews

Tortoise, Bitchin Bajas [14.04.2026: Orpheum, Graz]

Rund dreieinhalb Jahrzehnte nach der Bandgründung ist die Release-Frequenz von Tortoise-Alben fast auf zweistellige Jahres-Intervalle gesunken. Eine der mit diesem Umstand einhergehend rarer werdenden Chancen, die Band gerade in Europa live erleben zu dürfen, sollte man sich insofern nicht entgehen lassen.

In einer gerechten Welt würde das Orpheum also aus allen Nähten platzen. In einer Realität, in der die Grenzen zwischen Rotkreuz-Arzt und Jesus verschwimmen, muss die (aufgrund dieser Maßnahme doch gut gefüllt wirkende) Grazer Location jedoch bestuhlt bespielt werden.
Dafür ist gefühlt jeder hier Anwesende mit vollem Herzen da: Der Jubel zwischen den einzelnen Songs ist bisweilen vor Begeisterung überbordend und will am Ende dieses verregneten Dienstag-Abends kurz vor 23.00 Uhr – und nach einer mit freundlichen Grüßen an Donald Trump durch Gigantes eingeleiteten Zugabe von rund 20 Minuten hinter dem regulären, 66 minütigen Set – praktisch kein Ende finden.

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Was übrigens sehr ähnlich, wenn auch geringeren Ausmaß und ohne Standing Ovations, schon bei der Vorband Bitchin Bajas der Fall ist.
Logischerweise. Ist der irgendwo zwischen Kraut- und Spacerock so atmosphärisch dicht mitunter zu Mogwai schielende Eklektizismus des Trios doch nicht nur alleine schon für sich stehend einfach ziemlich cool. Nein, er passt außerdem kongenial als Aufwärmrunde für Tortoise. Mal mit Saxofon, mal von der Querflöte begleitet pluckert das Amalgam nonchalant konzentriert vom lockeren Score zum märchenhaft treibenden Sternenhimmel, groovt psychedelisch und entwickelt einen trancehaften Sog.
Nach 45 Minuten ist man ganz drinnen im Sog, doch das Set endet und der Applaus ebbt eben nicht ab. Während die Bühne in Dunkelheit liegen bleibt und die PA offen lässt, ob da noch was kommen könnte, wird die Hoffnung auf eine Zugabe nicht erhört: Cooper Craig, Dan Quinlivan und Rob Frye beginnen ihr Instrumentarium vor der klatschenden Menge abzubauen.

Doch angesichts der Uhrzeit geht das auch klar. Will man an diesem Abend ein Haar in der Suppe suchen, muss man sich nämlich an der – gerade für einen Wochentag – subjektiv unnötig späten Beginnzeit der Show aufhängen. Oder sich über – wohl das Streaming-Zeitalter widerspiegelnden – Merch-Preisen wundern: 40€ stehen für eine Vinyl-Scheibe zu Buche, für €50 wurde sie signiert.
Ansonsten aber bewegt sich das Gastspiel von (dem mit nach unten hängender Trademark-Mundwinkel keine Miene verziehenden) John Herndon, (einem geradezu stoisch am Bass im Hintergrund bleibenden) Doug McCombs, John McEntire, Dan Bitney (der shakend viel herzlichen Spaß an der Sache zeigt) und (den auf dieser Tour Jeff Parker ersetzenden, seine Freude an der Professionalität habenden Gitarristen) James Elkington nahe der Perfektion. Oder: Tortoise Live sind nochmal eine ganze Ecke besser als Tortoise auf Platte.

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Was auch daran liegt, dass die immer wieder an den Positionen rotierenden Multi-Instrumentalisten ihre Songs auf der Bühne vom Rhythmus dominieren lassen, der Bass massiv und mächtig drückt, während phasenweise zwei Schlagzeuge gleichzeitig treiben.
Die an diesem Abend (in Relation zu anderen Tour-Stopps) weniger auf Touch konzentrierte Songauswahl hangelt sich dabei scheinbar spontan eingefangen jedenfalls von Highlight zu Highlight und Klassiker zu Klassiker.
Gesceap eröffnet nahe an Grails und In Sarah, Mencken, Christ and Beethoven There Were Women and Men wird trotz charmanter Fehler sambaesk zur dualen Drum-Maschine. Das traumwandelnde Layered Presence wummert massiv und Tin Cans & Twine gibt sich jazzig zerfahren, während Dot/Eyes voller Vitalität zappelt und fiept. Works and Days entspannt im Feedback als Brill Building-Hypnose und A Title Comes hämmert nach vorne, wohingegen Ten-Day Interval aus drei Quellen im Delirium bimmelt. Neues und altes Material geht Hand in Hand auf einem zeitlosen Niveau, die Musiker arbeiten mit blindem Verständnis, greifen wie Zahnräder ineinander.
So kann man sich in Szenen aus allen Karrierephasen neu verlieben, wenn Tortoise 30 Jahre nach ihrem stilprägenden Meisterwerk Millions Now Living Will Never Die auf eine zwingende Weise routiniert agieren, absolut berauschend vital auftreten, und als Altmeister eine lockere Unberechenbarkeit mitbringen, von denen sich unzählige Epigonen eine Scheibe abschneiden könnten.

Setlist:
Gesceap
Glass Museum
Monica
In Sarah, Mencken, Christ and Beethoven There Were Women and Men
Layered Presence
Tin Cans & Twine
Dot/Eyes
Oganesson
Works and Days
A Title Comes
Ten-Day Interval
Crest

Encore:
Gigantes
I Set My Face to the Hillside

Tortoise 8 Tortoise 9

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