Cleric – Retrocausal

von am 25. Dezember 2017 in Album, Heavy Rotation

Cleric – Retrocausal

Synapsentanz in der Aventgarde-Achterbahn: Sieben Jahre nach Regression liegt das Debütalbum der Art-Dekonstrukteure Cleric immer noch unbekömmlich im Magen, da springt mit Retrocausal schon die nächste Mindfuck-Herausforderung aus der Deckung.

This is like a circus, but if all the performers were maths“ sagen die einen, „this is like all the performers were clowns, but nobody’s laughing“ die anderen. Starker Tobak ist also wieder vorprogrammiert. Irgendwo dazwischen rangiert Retrocausal schließlich wohl tatsächlich, entzieht sich dabei aber inmitten der Pole aus frickelndem Mathcore-Wahnsinn, hibbeligen Free-Jazz-Ansätzen, diametralem Noisecore, Grind-Ansätzen und hirnwütige in alle Richtungen austretendem Experimental-Metal – Brutal Prog will als Kategorisierung akzeptiert werden – wieder jeder konkreten Schublade.
Strukturell sind die Fronten zwischen einer virtuosen Unberechenbarkeit, technisch akribisch bis ins kleinste Detail ausformulierter Makellosigkeit und einer mutmaßlich über sich selbst stolpernde Willkür sogar noch ansatzloser als bisher. Nervös angeschlagene Klavierpassagen und delirant flimmernde Synthies, hyperventiliere Riffs und spinnerte Gitarren, synkoptische Rhytmuswechsel, ein vertracktes Schlagzeugspiel sowie der in die Magengrube zielende Bass eskalieren unkonventionell brüllend im (grundsätzlich erstaunlich minimalistisch gehaltenen, und damit paradoxerweise kaum überladen anmutenden) instrumentalen Dickicht, das keinen fokussierten Blick auf sein komplexes, dissonantes, chaotisches Songwriting freigeben möchte.

Vielleicht steigern sich Cleric insofern auch einfach exakt dort noch weiter in die Extreme, wo Kollegen wie Kayo Dot noch ein Mindestmaß an Nachvollziehbarkeit walten lassen; wo die frühen Dillinger Escape Plan als prägende Soundinstanz der Kompaktheit Platz einräumten und Mr. Bungle irgendwann die Abzweigung zur griffigen Nachvollziehbarkeit nahmen, Konsorten wie Botch eine wilde Leistungs-Party mit Meshuggah feiern.
Hängen bleiben insofern nur wenige Szenen der Griffigkeit, man labt sich an dem, was man filtern kann. Etwa wenn sich das stakkatohafte The Treme für eine beinahe Score-artige Ambientlandschaft mit postapokalyptischen Violinen-Flair öffnet, Ifrit durch den futuristischen Noir-Keller in den Pit und weiter zur neongrell strahlendem Psycho-Geisterbahn steckst; Lunger zum kakophonischen Breakdown-Gemetzel tackert und bollert; Oder die perkussiv zerrüttete Harmoniesucht im gegen den Strich laufenden Resumption, die zum Behemoth mit opulentem Abgang wird. Und natürlich das bläsergestützte Gemetzel, in dem John Zorn durch die Grey Lodge springt.

Dass selbst in all diesen Augenblicken dennoch kein individuelles Element aus einem verschlingenden Mahlstrom hervorstechen will und Retrocausal sich als Ganzes am kohärentesten erschließt, ist durchaus symptomatisch für ein adäquat betiteltes Album, dass wohl auch rückwärts abgespult ähnlich stringent funktioniert hätte. Wenn Produzent Colin Marston („Regressions by Cleric took waaaaaay longer than any other record I’ve ever worked on. It’s also probably the most dense in terms of the sheer number and complexity of layers being heard at any given time.”) sich also demnächst noch einmal über die zeitintensiven Prozesse hinter Cleric-Alben auslässt, ließe sich ohnedies nur noch entgegnen, dass derartige Kontexte auf Retrocausal bezogen relativer denn je münden. Weil Umwege hier zum Konzept gehören die hier versammelten knapp 80 Minuten dennoch nicht zwangsläufig mit jedem Durchgang näher zum Kern führen.
Der Reiz einer von vornherein offensichtlich agierenden und trotzdem (gerade deswegen!) restlos überfordernd mit offenen Karten spielenden Platte entsteht deswegen nicht nur aus dem latent zur Schau gestellten Muckertum, sondern vor allem aus der (hoffnungslosen?) Sucht, hinter das vermeintliche Chaos zu steigen; Die Kompositionen zu verstehen und vom Songwriting nicht mehr restlos geplättet zu werden, sondern all den beeindruckend durchdachten Melodien, Texturen und Strukturen folgen zu können.
Anstelle einer Epiphanie hält Retrocausal jedoch eine erfahrbare Erkenntnis während des Konsums parat, indem die nahtlos ineinander übergehenden neun Gebilde nicht ausschließlich analytisch oder soundästhetisch funktionieren, sondern gerade in ihrem Wirken als purer Hirnfick effektiv unterhalten (vielleicht sogar Spaß machen?), in einen verkopft-physischen Sog ziehen. Alles hier ist in einem ständig auf und abebbendem Fluss, es existieren keine Barrieren oder Grenzen. Der Weg wird zum Ziel, das Ziel zum Weg.

Download via Bandcamp | CD via Web of Mimicry

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