Cloud Rat – Pollinator

von am 10. September 2019 in Album, Heavy Rotation

Cloud Rat – Pollinator

Die vier lange Jahre dauernde Albumpause haben Cloud Rat nicht nur für expandierende Splits, sondern auch eine generelle Standpunktverortung genutzt, die auf Pollinator nun ziemlich sicher – mal wieder! – zum bisher stärksten Album der Bandgeschichte führt.

Dass jeder neue Langspieler den vorhergehenden als vermeintlichen Zenit ablöst ist ja langsam so etwas wie eine Tradition im Hause Cloud Rat. Nachzuhören auf Moksha (2013) und eben mehr noch Qlipoth, das 2015 vor allem durch die Hinzunahme von Brandon Hill einen immensen Entwicklungsschub brachte. Hill sitzt nun nominell nur noch an den Drums der wieder zum Trio geschrumpften Kombo, während die Impulse zuletzt von außen kommen: Splits mit Moloch, Test, Disrotted, Crevasse oder The World is a Vampire haben Perspektiven erweitert und die Selbstsicherheit gestärkt, den eigenen Sound gleichermaßen abermals mutieren und doch auch an den Wurzeln orientiert zu entschlacken, die keine elektronischen Texturen mehr benötigt: Nur selten (wie etwa in Biome, das sich ausnahmsweise ein dezidiert auftretendes elektronisches Ambient-Outro gönnt) zeigen die Synth-Färbungen dominant aus dem Geäst der Subtilität auf.

Denn im Gegensatz zur zeitgleich veröffentlichten EP Do Not Let Me Off the Cliff drückt Pollinator seinen evolutionären Metabolismus mal stärker, mal schwächer aus, immer aber hinter einer offenkundigen Freilegung der Punk-, Screamo-, Crust- sowie Hardcore-DNA der Band – und addiert dazu einen beinahe am Doom der Kumpels von Thou geschulten, herrlich dreckig kotzenden Gitarrensound.
Das tonnenschwere Ambiente von Night Song kippt diesen etwa mit flehendem Klargesang der manischen Brüllteufelin Madison Marshall  schnell in die Häcksler des tackernden Black Metal, und The Mad zeigt, wie gut es der Band tut, dass sie mit all den Morast-Wattern aus New Orleans anhängt: Die dystopisch in den Himmel bangende Geste wird irgendwann von den jederzeit brillant artikulierten Drums in ein Inferno geprügelt, dessen eigentliche Gemeinheit nicht die pure Geschwindigkeit ist. Noch brillanter gerät diesbezüglich die bestialische Schlußphase um das herausragende Luminescent Cellar (eine kontemplativ und ruhig getragene Traurigkeit, die walzend aufplatzt) sowie das mit Blackened Sludge-Versatzstücken hantierende Marionettes, die diesen Weg triumphal gehen – und das mathlastig wehklagende Perla gar erlösend die Brücke zu besagten Do Not Let Me Off the Cliff schlagen lässt.

Freilich ist Pollinator auch in all diesen Szenen nichtsdestotrotz ständig mehr als alles andere ein Testimonial für das angestammte Genre von Cloud Rat. Der Grindcore jubiliert, wenn auch trotz aller Straffheit auf eine bedingungslos-unkonventionelle, niemals für traditionelle Sicherheiten bürgende Weise. Die Ahnungen einer bittersüßen Melancholie durchziehen die garstig geifernden, nihilistisch mit umweltpolitischen und menschenfeindlich-pessimistischen Kontext aufgeladenen Attacken, erbost aber nicht verzweifelt.
Das extrem aggressive Pollinator sorgt schon eingangs für klare Verhältnisse, wütet mit divers-frontaler Angriffslust wie ein berserkernder Derwisch und verdichtet seine angestaute Wut in den erbarmungslosen Pit-Mahlstrom prügelnd.
Schon in Losing Weight klingen die Riffs so räudig und dreckig, mit punkigem Spirit in die Blackened Crust-Ästhetik pressend, wo Delayed Grief // Farmhouse Red erst am Hardcore randalieret und sich in seinem zweiten Part roh funkelnden Gitarrenfiguren öffnet, die wie verrückt bollern. Seven Heads dreht die Nackenmuskulatur entschleunigt im Metal-Kreis walzend, und während der Fleischwolf unberechenbar eskaliert, lassen sich dann immer wieder episch bedrohende Keyboardflächen ganz unten in den eckligsten Stellen der Texturen kaum erkennbar ausmachen: Pollinator hält viele Details bereit, die hinter dem Berserker erst entdeckt werden wollen.

Wonder agiert dagegen wie ein hymnisch außer Kontrolle geratendes Ringelspiel mit Thrash-Ausblick: Alleine die Performance der zerfestzenden Vocals wäre hier schon eine kleine Sensation, noch besser ist aber, dass die Melodien sich so fein in den Wahnsinn einweben. In der allgemein vielleicht besten Phase der Platte – denn der Mittelteil von Pollinator ist nichts anderes als ein wütendes Sahnestück – trumpft Al Di La als brillanter Geniestreich voller dynamischer Wendungen auf, der hymnisch immer weiter wachsend im Äther verglüht, bevor Last Leaf als Wirbelsturm alles niedermäht, seine Harmonien aber derart knackig aus dem Punkrock auftauchen lässt, dass sich Zula ohne Rücksicht auf Verluste innerhalb von 43 Sekunden selbst überholen kann.
Wie nahe an der Formvollendung Cloud Rat mittlerweile mit ihren scheuklappenfreien Stil die Bandbreite aus Tempo, Dynamik, Griffigkeit und Scheußlichkeit so Leerlauffrei vermessen, darf dann der fast schon verschmitzt daherkommende „Ohoo“-Mitsingpart in Webspinner klären: Es gibt nur wenige Songs in der hauseigenen Diskografie, die das Vorabstück toppen.
Dass diese Szene auch vorführt, dass eventuell noch mehr möglich gewesen wäre, wenn Cloud Rat ihre experimentelle Sehnsucht zur Ruhe als Gegenpol nicht weitestgehend vollends auf Do Not Let Me Off the Cliff ausgelagert hätten, fällt kaum ins Gewicht. Pollinator ist schließlich destilliert und fokussiert, eine kanalisierte Agressionstherapie. Das entstehende Chaos ist in seiner schonungslosen Dichte überwältigend und desorientierend, kippt jedoch nie in die willkürlich überladene Frustration. Die 32 Minutend er Platte geben sich unberechenbar, nuanciert und vielschichtig, lassen trotz der frontalen Ästhetik im Rahmen gar gewissermaßen Understatement und Subversivität walten. Diese fiebrige Dissonanz voller facettenreicher Kontraste bietet deswegen auch genug Reibungsfläche, um Cloud Rat selbst ein kleines Denkmal zu errichten, wenn Do Not Let Me Off the Cliff rückblickend eventuell als Zäsur in einen neuen Lebenszyklus der Band verstanden wird werden wollen.

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