Die Alben des Jahres: 30 bis 21

von am 9. Januar 2016 in Jahrescharts 2015

Nicht verpassen! | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 bis 01 |

Sumac - The Deal30. Sumac – The Deal

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Die zwei Stützpfeiler von Sumac lassen alleine aufgrund ihrer Reputation mit der Zunge schnalzen: Baptists-Drummer Nick Yacyshyn und Aaraon Turner, der abseits von Old Man Gloom erstmals seit dem Ende von Isis wieder Lust auf eine reguläre Band hat, bürgen von vornherein für großes Kino, dass Brian Cook (Russian Circles, Ex-These Arms Are Snakes, Ex-Botch) am Bass aushilft macht die Sache nicht weniger namhaft. ‚The Deal‚ liefert dennoch über den araus resultierenden, immensen immensen Erwartungshaltungen ab.
Sicherlich, weil Turner die etablierten Isis-Trademarks über einen unberechenbaren Grundriss atmosphärisch in die Apokalypse brüllend hinaustreibt, Cooks’s Spiel so unheimlich präzise für drückende Dynamik sorgt und Yacyshyn’s Performance schlichtweg atemberaubend (ATEMBERAUBEND!) gerät – vor allem aber, weil ‚The Deal‚ mehr ist, als „nur“ die Summe seiner Bestandteile: Ein unbarmherzig dunkler Koloss von einem Album, das durch den Morast aus Doom, Post Metal und Sludge wandert, während darüber ein Drone-Gewitter brodelt. Ein böses Pendant zum optimistischen ‚Palms‚, das trifft auch knapp elf Monate nach der Veröffentlichung immer noch zu. Mittlerweile traut man sich aber auch zu orakeln: Verschweißen Sumac ihre ausfransenden Anfang- und Endpunkte erst einmal kompakter und fokussierter, ist Turner einem weiteren Meisterwerk wohl näher als seine ehemaligen Isis-Kumpanen.

Keeper - The Space Between Your Teeth29. Keeper – The Space Between Your Teeth

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Nach ihrer Split mit Sea Bastard war dieses, mit zwei opulenten Tracks versehene, erst offiziell EP genanntes, Outing der Emporkömmlinge des galligen Sludge-Dooms – im Geiste von Cough und den hässlicheren Momenten von Thou – relativ schnell auf der Bildfläche, und hat nicht enttäuscht: jegliche flotteren Momente beinahe gänzlich aufgegeben, präsentieren sich auf dem paranoid machend betitelten ‚The Space Between Your Teeth‚ die qualvoll dahinwälzenden ‚The King‚ und ‚The Fool‚ umhüllt von einer Atmosphäre fahlen Schmerzes, die dank der aufgeräumteren Produktion als auf der (dann tatsächlich doch) Demo ‚MMXIV‚ überraschend klar ausfällt. Als eine Referenz was die Vocals von Jason Lee und Penny Keats betrifft darf wieder einmal Khanate herhalten, wenn Alan Dubin auch facettenreicheres – oder einfach auch nur: weniger angepisstes – zu bieten hatte. Keeper kennen nur eine Gangart: böse.

Wildlights - Wildlights28. Wildlights – Wildlights

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Jason Shi und Johnny Collins müssen als Mitglieder von ASG und Thunderlip! niemandem mehr etwas beweisen, haben aber dennoch Bock darauf, sich abseits etablierter Projekte und der Fischerei Luft zu machen. Und siehe da: Während alle Welt auf das Quasi-Comeback von Baroness gewartet hat, haben sich Wildlights in dieser Schiene praktisch aus dem Nichts kommend am gefühlten Platzhirsch vorbeigearbeitet. Warum das so ist, scheint schnell erklärt: Wo der einstigen Macht aus Savannah ebenso wie den Kollegen von Kylesa ohne die Wut von einst die Luft ausgeht oder Torche mit ihren längst ausformulierten Standortbestimmungen nur noch bedingt begeistern, trumpfen Wildlights mit Tugenden auf, die einen langjährigen Erfahrungsschatz in ein  erfrischendes Debütalbum ummünzen; dazu gesellen sich eben noch die unverwechselbare Perry Farell-Gedächtnisstimme von Shi und eine Schwemme an superben Melodien.
Wildlights‚ schießt seine monströs zwischen Alternative Rock, Prog- und Sludge Metal kreisenden Ohwürmer also mit ordentlich Biss hinaus, agiert gleichermaßen kompakt und ausufernd, lässt seine übermannenden Killer-Refrains dazu wie selbstverständlich inmitten seiner niemals essfertigen Strukturen explodieren. Hymnen gehen hier mit Handhante, nicht mit elaborierter Geste. Ohne die Vorteile von ‚Wildlights‚ gegenüber nahverwandten Alben damit überstrapazieren zu wollen – denn ihre Stärke ziehen die 12 Songs letztendlich eben alleine aus dem eigenen Können – ist nach im stetigen Wachstum befindlichen 42 Minuten klar, dass Baroness auch mit einem stärkeren Album in der Hinterhand den Staub dieser senkrecht startenden Platte fressen hätten müssen. Wildlights musste man nämlich nicht auf der Rechnung gehabt haben, um sie als neue Heilsbringer des Genres zu feiern.

Julia Holter - Have You in My Wilderness27. Julia Holter – Have You in My Wilderness

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Have You in My Wilderness‚ bringt im Grunde eine sich abzeichnende, seit den Ambientbeginnen von ‚Tragedy‚ betriebene Entwicklung stimmig zu einem vorläufigen Abschluss, ist in seiner Konsequenz aber doch mehr als alles andere ein unerwartet exquisiter Höhepunkt im Schaffen der Julia Holter. Denn auch wenn man sich vielleicht mit dem Grundprinzip der Platte – mehr Zugänglichkeit und persönlichere Texte – erst anfreunden muss, weil sie mit den liebgewonnenen Stärken der Kalifornierin gewisser Weise brechen (oder diese zumindest eklatant umdeuten), folgt zwangsläufig die Epiphanie: Julia Holter hat hier einen meisterhaften Traum von einer Avantgarde-Popplatte aufgenommen.
Mit futuristischen Kammermusik-Melodien zum Niederknien, die sich in all ihrer Eleganz Zeit nehmen und den Spagat zwischen unmittelbar zündend und sich zierend schaffen. Indem Holter sich einerseits nicht vollends von ihrer traumwandelnden Atmosphäre-Formvollendung abgewandt hat und das betörende Feuerwerk darüber andererseits im akribisch ausgearbeiteten Detail so verdammt gefinkelt inszeniert hat, um auch auf unzählige Begegnungen hin noch neue Facetten entdecken zu lassen. Was dann auch direkt zum eigentlichen Sahnestück der Platte führt: Die Arrangements im Allgemeinen und Streicherpassagen im Speziellen sind ein einziger atemberaubender Triumphzug, der Holter und ihren kongenialer Produzent Cole Marsden Greif-Neill in eine Liga mit Sufjan Stevens, Bryce Dessner und Jonny Greenwood katapultiert.

Panopticon - Autumn Eternal26. Panopticon – Autumn Eternal

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Da sitzt der aus Memphis, Tennessee emigrierte Austin Lunn also nach wie vor weitestgehend isoliert von der restlichen Umwelt in seiner Hütte in Minnesotta und schmettert im vollständigen Alleingang unter dem Panopticon-Banner auch dieses Jahr eine Platte aus dem Ärmel, die ein Gros der Konkurrenz selbst im bärenstarken Black Metal-Jahr 2015 düpiert und das eigene Schaffen dazu stilistisch neu vermisst. Die markanten, wärmenden Bluegrass- und Folk-Ausflüge des Vorgängers ‚Roads to the North‚ sind aufgetaut und schweben nun subtiler durch den Untergrund, während etwa die erhabene Raserei von ‚Pale Ghosts‚ bis in die obersten Sphären des Postrock schießt.
Lunn vertraut seine atmosphärischen, wunderschön-agressiven Songs melodieverliebt einer klassischer bolzenden Ausrichtung an, lenkte jedoch vor allem die Produktion zu modernen Standards hin und sorgt so mit ordentlich Druck für eine dynamische Bandbreite, die im bisher geschlossensten Panopticon-Werk mündet: So glasklar, mystisch, unergründlich, naturalistisch und mit einer unmittelbaren Verbundenheit auftrumpfend wie das Artwork sich präsentiert, entfaltet sich dann auch ‚Autumn Eternal‚. Dass der scheue Lunn hiermit jedoch bereits sein Meisterstück abgeliefert hat darf ganz ehrlich bezweifelt werden – viel wahrscheinlicher ist ja doch, dass er sich in wenigen Monaten bereits wieder selbst übertreffen wird.

Cloud Rat - Qliphoth25. Cloud Rat – Qliphoth

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Über die letzten Jahre hinweg waren Cloud Rat eine der unterschätztesten Bands im tiefen Grindcore-Sumpf. Ihre progressiv alles niederreißenden Mini-Metal-Blitzkriege, durchzogen von Crust, Powerviolence (wer braucht eigentlich noch Punch?), Neil Young und anderen furchtlosen experimentellen Ausflügen, verlangen und belohnen sie die Aufmerksamkeit des geneigten Hörers wie kaum ein anderer Genrevertreter. Es ist eine Freude mitanzuhören, wie sich eine derart ehrliche Band von Album zu Album steigern kann, und wo man ihnen schon zugetraut hat mit dem unglaublichen ‚Moksha‘ am Zenit angekommen zu sein, verfeinert und steigert ‚Qliphoth‚ all ihre Markenzeichen noch weiter: Wahrhaftige Wut und Aggression wird hier nicht nur fachmännisch abgelassen, sondern kanalisiert, und so ist ‚Qliphoth‘ in den Momenten noch beeindruckender als seine Vorgänger, in denen nicht die Handbremse gezogen wird (und dafür zeugt – wer Parallelen zu Pig Destroyer ziehen will, ist dazu durchaus eingeladen – Neuzugang an der Elektronik Brandon Hill zur Genüge), sondern all die Raserei über lange Strecken ausgedehnt nicht etwa ermüdend, aber umso befreiender wirkt. Einen Bärenanteil dazu trägt auch die rasende Madison Marshall als Frontfrau, deren Präsenz und hinterlassener Eindruck dann im Genre auch nur noch von Melanie Mongeon erreicht wird.

Wilco - Star Wars24. Wilco – Star Wars

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Knapp nach ihrem 20. Geburtstag und der gefühlten Zäsur mit Best of und Raritätensammlung entdeckt die amerikanische Institution Wilco eine bisher unbekannte Jugendlichkeit für sich. Weil die unterhaltungssüchtige Internet-Masse gerne nach Kätzchen googelt prangert da eines am Cover, der meistererwartete Film des Jahres spendet den Titel und die Band selbst verschenkt ihr neuntes Studioalbum nach vier Jahren Warte- aber ohne jegliche Vorlaufzeit zumindest digital urplötzlich, weil das in Zeiten des Web 2.0 nun mal so üblich ist. Und die Platte an sich? Wilco fröhnen absolut ausgelassen ihrer Leidenschaft für ewige Idole wie Lou Reed, David Bowie, T. Rex oder Sonic Youth.
Dass ‚Star Wars‚ auf den ersten Blick wie ein unbefriedigender Schnellschuss wirken kann gehört dabei vielleicht zum Konzept des Sich-gegen-den-Strich-bürstens, der ungemütlich Ruppigkeit, des Verweigern aller handzahmen oder offenkundig überlebensgroßen Momente. Tatsächlich fährt die Band hier zahlreiche ihrer stärksten Kompositionen seit Jahren auf, ein verschnörkeltes aber entschlacktes Potpourri an erstklassigen Rocksongs und kantigen Schönheiten, die ihre Essenz zwar schnell Preis geben, ihre eigentliche Substanz aber mit nachwirkender Ergiebigkeit ausstreuen. Am Ende steht ein herrlich kurzweiliger, revitalisierend süchtig machender Jungbrunnen von einem Album – dem vielleicht besten von Wilco seit ‚Sky Blue Sky‚.

Sufjan Stevens - Carrie & Lowell23. Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

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Carrie & Lowell‚ ist eine ungewöhnliche Platte. Sie folgt nicht Sufjan Stevens üblicher Herangehensweise, sich musikalisch vom zuvor dagewesenem zu verabschieden, sondern kehrt zum klagenden, stillen Folk seiner Anfänge zurück. Es ist ein spärlich ausgestattetes Album, fühlt sich aber nicht kahl an; die beschauliche Üppigkeit, die immer häufiger an die Oberfläche von Stevens Songs gestiegen ist, tritt in sanft schimmernden Synths, dem aufflackern der Gitarre, kurz: den Requisiten die diese Songs als Minimum benötigen zu Tage. Ein Album, das zu einem größeren Ganzen wird, indem Stevens seine Effekthascherei – die er ja durchaus gut beherrscht – auf ein gegen nichts tendierendes Minimum reduziert.
Carrie war Stevens getriebene Mutter, die 2012 gestorben ist, und ihren Sohn kaum gekannt hat; Lowell ist Stevens Stiefvater, zu dem er eine enge Beziehung hat, beispielsweise als Mitbetreiber seines Labels. Wenn Schicksalschläge tatsächlich den Blick auf das Wesentlich so schärfen, wie ‚Carrie & Lowell‚ es in den Arrangements und hoch intimen Lyrics verdeutlicht, dann hat man es hier mit einer sehr einfachen, und umso näher gehenden Dualität zu tun: hier der Verlust der unerreicht gebliebenen Frau die Stevens geboren hat, da die Dankbarkeit und Bewunderung für einen Mann, mit dem er sein Blut nicht teilt. Im gesamten: kein Projekt, sondern das Leben.

Protomartyr - The Agent Intellect22. Protomartyr – The Agent Intellect

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Im (natürlich allerhöchstens gefühltermaßen) stattfindenden Duell mit der anderen großen an The Fall und Mark E. Smith gemahnenden Postpunk-Band dieser Tage, den kanadischen Ought, sind Protomartyr spätestens jetzt vorbeigezogen – wahlweise überholen die Detroiter im direkten Vergleich von ‚The Agent Intellect‚ mit ‚Sub-Lingual Tablet‚ sogar ihre markanten Vorbilder. Dass Chefpoet Joe Casey und seine so unheimlich dringlich agierende Band ihren Sound aufgeräumt haben, fokussierter und zugänglicher in den leeren Fabrikshallen ihrer Heimatstadt gearbeitet haben, hat sich also in jeder Hinsicht ausgezahlt.
Eingangs erschlagen Protomartyr förmlich mit einem Spießrutenlauf der zackigen Schmissigkeiten, spannen ihre scharfkantigen Songs über die energetische Performance der Instrumentalsektion und die beherrschte Präsenz von Baritonmann Casey danach bis in die Kakofonie und landen schließlich bei ‚Ellen‚ – dem emotional ausgebreiteten Höhepunkt der Platte. Der damit verbundene Durchbruch bis hinein in eine breite öffentliche Wahrnehmung ist damit nur zu schmerzlich verdient. ‚The Agent Intellect‚ ist ein ebenso mitreißender wie schlauer Fall von: Alles richtig gemacht!

All Things Under Heaven21. The Icarus Line – All Things Under Heaven

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Dass es das grandiose ‚Speedball City‚ nicht auf ‚All Things Under Heaven‚ geschafft hat ist grundsätzlich ein Jammer. Alleine schon deswegen muss das achtminütige Husarenstück hier jedoch Erwähnung finden, weil das dazugehörige Video die aktuelle Stimmung rund um die von Joe Cardamone dirigierte Band aus LA perfekt einfängt. Eine aus der verstörenden Psychedelik kommende Endlos-Straße führt ungerührt durch ein regelrecht apokalyptisch loderndes Flammenmeer, die fiebrige Hitze kriecht förmlich ins Unterbewusstsein und macht keinen Hehl aus der menschenfeindlichen Atmosphäre, die eben auch aus jeder Pore des gesamten achten Studioalbums von The Icarus Line schwitzt.
Diesem stoischen, unberechenbaren Jam-Amalgam aus Swans, Stooges und Grinderman, das sich selbst bis in die Transzendenz hypnotisiert und in seiner unangenehmen Widerborstigkeit die Gefährlichkeit des Rock’n’Roll destilliert als gäbe es kein Morgen. Und eben, wie das derzeit sonst kaum eine andere Band dieser Generation schafft. Was ‚All Things Under Heaven‚ jedoch abseits einiger der manisch-intensivsten Songs des Jahres in seiner so verdammt in sich geschlossenen Gesamtheit zelebriert: Kein anderes Album von The Icarus Line hat seine monolithische Extase-Ausstrahlung dermaßen deutlich alleine aufgrund seiner musikalischen Präsenz entfaltet – ganz ohne auf die legendären Randnotizen rund um gestohlene Gitarren, umgeworfene Bandbusse oder Morddrohungen aus dem Publikum zurückgreifen zu müssen. Als wäre Joe Cardamone nach Jahren der Suche bei sich selbst angekommen – würde es sich dort aber nicht unbedingt gemütlich machen wollen.

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