Coheed And Cambria – The Color Before the Sun

von am 8. November 2015 in Album

Coheed And Cambria – The Color Before the Sun

Coheed und Cambria entschlacken ihren Sound auf ‚The Color Before the Sun‚ mit regelrecht euphorisierender Effizienz vom Ballast des überbordenden SciFi-Konzepts rund um den Armory Wars-Epos. Und plötzlich ist der Blick frei auf die rockige Powerpop-Ader der Band, in all ihrer infektiösen Schmissigkeit.

Schon das überraschende ‚Afterman‚-Doppel aus ‚Ascension‚ und ‚Descension‚ deutete in seiner nach oben zeigenden Qualitätskurve an, dass Claudio Sanchez und Co. sehr wohl realisierten, dass ihre Alben immer deutlicher unter dem stark forcierten konzeptuellen Überbau zu ächzen begannen, musikalisch mindestens ebenso eklatant wie inhaltlich.
Für ihr achtes Studioalbum haben die New Yorker nun tatsächlich den Mut gefunden, sich von zahlreichen liebgewonnen wie auch festgefahrenen Standards zu trennen und den überfrachteten Coheed and Cambria Kosmos auf erfreulich kurzweilige und kompakte Art durchzulüften: 10 Songs über 46 Minuten bedeuten auf ‚The Color Before the Sun‚ die erstmalige Abkehr vom inhaltlichen Science Fiction-Korsett der ausufernden Armory Wars-Saga. Sowie eine Platte voller persönlicher ausgelegter Lyrics, die (mittels phasenweise natürlich supercheesy artikulierter) Liebesbekundung an den eigenen Sohn und die Ehegattin mit einer angenehm unprätentiösen Direktheit hantieren, die ‚The Color Before the Sun‘ von dem unüberschaubar gewordenen Story-Geflecht seiner Vorgänger entlastet und auf eine emotionale Art werken, die der Band über die Jahre hinweg abhanden gekommen war.

Äquivalent dazu fokussieren Coheed and Cambria auch auf musikalischer Ebene ihr ausuferndes Stilgebräu, schrauben die überbordenden Elemente aus Prog, Metal und Emopunkrock eklatant zurück, was phasenweise zu einer kaum für möglich gehaltenen Simplizität in einem eingängiger denn je zum Punkt kommenden Songwriting sorgt, das vor allem in der ersten Plattenhälfte für eine powerpoppig rockende Fließbandserie an unmittelbar zündenden Singlekandidaten und Hits führt.
Der freundlich nach vorne gehenden Opener ‚Island‚ oder das gar bis in die Konkurrsmass von My Chemical Romance reichende ‚Here to Mars‚ mögen in ihrem ständigen Zug zum hymnisch aufmachenden Killerrefrain nach relativ leicht durchschaubar gestrickten Schemen agieren, sorgen aber gerade dadurch gleich zu Beginn für den nötigen frischen Wind in der Coheed and Cambria-Discographie. Die Erkenntnis, wie verdammt gut der Band dieser wenig komplizierte Schwenk in die schmissige Kompaktheit steht, wie kurzweilig das Dosieren der Space-Ausflüge auf radiotaugliche Happen funktioniert, das zementieren danach auch das mit energischem Riff zur weltumarmenden Geste stampfende ‚Eraser‚ und das schüchtern in den tranigen Schmalz flüsternde ‚Colors‚ mit seinem wunderbar streichelnden Feuerzeug-Chorus drumherum anstandslos.

Coheed and Cambria spielen sich mit einer niemals nach Limitierung klingenden Zugänglichkeit und Leichtfüßigkeit von angestauten Altlasten frei, verlieren Ballast, den ‚The Color Before the Sun‚ in weiterer Folge auch nicht wieder aufgreifen wird, obwohl die Gangart der Platte sich nach dem balladesk in intimer Schönheit plätschernden, fingerpickenden Lagerfeuerruhepol ‚Ghost‚ doch noch öfter um die Ecke schlängeln lässt. Die Songs werden hiernach länger, die Strukturen weniger windschnittig und stromlinienförmig, zu einfach will es sich Claudio Sanchez nach dem eingangs abgefackelten Momentum-Feuerwerk dann also doch nicht machen: Ein Progger bleibt eben ein Progger, auch auf seinem handzahmsten Werk.
Die Innenansicht ‚Young Love‚ etwa konzentriert sich auf eine entschleunigten Alternative Rock, der sich freimütig von seinen atmosphärischen Gitarrenkonstruktionen hypnotisieren lässt. Ein ‚You Got Spirit, Kid‚, ‚The Audience‚ oder ‚Atlas‚ fallen dagegen als massiv in die fette Stadionproduktion gelegte, wendig bleibende Achternahmfahrten immer wieder in alte Gewohnheiten. Mit dem neu entfachten konzentrierten Elan im Rücken entgeht ‚The Color Before the Sun‚ allerdings selbst hier den sklavischen Dogmen der Vorgängerplatten und mündet in der überragenden Umarmung ‚Peace To The Mountain‚, die trotz Bläsern und Streichern nie über das Bombastziel hinausschießt, sondern die neue Erdung von Coheed and Cambria anhand einer beinahe gospeltauglichen Folklastigkeit formuliert.
Ein Finale, das sich also die Bescheidenheit unter der ausholenden Inszenierung bewahrt, und damit den griffigen Charakter von ‚The Color Before the Sun‚ geradezu humanistisch abrundet. Selbst wenn die besten Platten der Band die Balance zwischen Herausforderung und Unterhaltungswert hierbei schon imposanter (und wohl auch mit einer längeren Halbwertszeit) beschritten haben, stehen die Chancen damit nicht schlecht, dass das hochinfektiöse ‚The Color Before the Sun‚ als definitive Initialzündung des zweiten Frühlings von Coheed and Cambria in die Claudio Sanchez‘ Geschichtsbücher eingehen.

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