Converge – Hum of Hurt
Converge schonen in diesem Kalenderjahr niemanden: Das erst vor vier Monaten von der Kette gelassene Love is Not Enough ging hinunter wie Öl, nun folgt mit dem im Käfig wütenden Hum of Hurt die bittere Medizin.
Wenn man dem elften Studioalbum von Converge etwas vorwerfen konnte, dann, dass das Love is Not Enough als Quasi-Stafette aus Instant-Fanpleaser und Szene-Hits niemanden vor eine wirkliche Herausforderung gestellt hat, all die straighten Ripper gerade am Stück zu einfach zugänglich waren, und es dem Gesamtwerk an dem letzten Meter zur Begeisterung (vielleicht alleine in Form eines Monolithen oder gar Übersong) gefehlt hat, die aus einem fabelhaften ein wirklich herausragendes Werk gemacht hätten.
Mittlerweile – also einen weiteren Langspieler im Jahr 2026 später – weiß man: Die Band hätte zwar durchaus das richtige (zusätzliche) Material gehabt, um ihr Comeback zu einem erschlagend(er)en Ereignis aufzublasen, doch hat sie gut daran getan, es in zwei Kurzattacken aufzusplitten.
Denn einerseits wäre ein Komplettpacket wohl, wie von Ben Koller angemerkt, wirklich kontraproduktiv für die Aufmerksamkeitsspanne gewesen. Und andererseits macht die Trennung alleine in stilistischer Hinsicht absolut Sinn, hat man es doch tatsächlich mit zwei komplett eigenständigen Werken zu tun, wie auch Jake Bannon im Zuge der Veröffentlichung von Hum of Hurt richtigerklärt: „It’s not a sequel. The unifying musical idea early on was, ‚Let’s make a noise rock album.‘ But we never really did. The first one wasn’t. This one touches on that spirit, but it’s much more dynamic than that descriptor. To me, it leans more into being an emotional hardcore album, while Love Is Not Enough feels more metal leaning album. In the end , we simply gave creative birth to another Converge record with its own unique identity and character.„
Hum of Hurt zapft die sludgigere Essenz von Converge an, ist brütender und kreist eher, anstatt nach vorne zu ziehen. Der Noise Rock und Post Hardcore sind auf eine beinahe doomige Weise prägend, die Attitüde wird irgendwo zwischen All We Love We Leave Behind und You Fail Me eingekocht – insgeheim hat Gilded Cage also den Weg des Nachfolgers als ausbrechender Herold vorweggenommen.
Die Songs geben sich wendiger und zeigen den Mut, nicht den einfachsten Weg zu gehen, ohne deswegen direkt zu überraschen, reklamieren mehr Wachstumspotential anstelle der Frontalität und forcieren dunkler ihre atmosphärische Ausstrahlung. Bannon ruft diesmal wieder öfter, anstatt primär zu schreien. Nate Newton darf als Macht im Hintergrund prägender auftreten und Ballou stellt die Riffs durch das generell etwas weniger rasant preschende Tempo facettenreicher auf ein Podest, während Koller die Zügel eng zieht. Exemplarisch für dieses kompakte Wesen ist, dass der eklektisch aus gefühlt zahlreichen selbstreferentiellen Ideen aufgekochte Vorbote Doom in Bloom als zäher Standard, der in schunkelnder Heaviness skandiert, durch den restlichen Kontext enorm gewinnt und deutlich besser zur Geltung kommt, als im Alleingang.
Das gilt auch für die beiden (ebenfalls vorab bekannten) Flaggschiffe der Platte. Das ins Hornissennest tackernde Cyberpunk-Brett I Won’t Let You Go hat es endlich auf ein reguläres Album geschafft und fügt sich in Form einer ausnahmsweise von der Tarantel gestochene Eskalation ideal als Kerosin-Spritze in den Verlauf ein, die Dynamik des neuen Rahmen zwingend aufwühlend. Noch besser ist jedoch das überragend in die Axe to Fall-Kerbe pressende Titelstück als veritables Karriere-Highlight mit epischen Eve-Tendenzen im Chorus, das einem spätestens dann die Spucke raubt, wenn das eilende Riffing in die polternd Urgewalt der Drums übergeht.
Dass Hum of Hurt (die Single) damit einen relativen Schatten auf Hum of Hurt (das Album) wirft und vor allem dem letzten Drittel der Platte (in dem das betrübte Interlude It Used to Matter gut platziert ist, aber einfach viel zu lange dauert und der Closer Nothing Is Over wuchtig am wogenden Deck steht, der sich für eine kurze Windstille eine Einkehr mit Cave In‘schen halluzinogenen Flimmern gönnt, verkneift sich das allzu ambitionierte Ausreißen von Bäumen und lässt lieber eine Ergebnisverwaltung nachbrennen) klar die Show stiehlt, ist angesichts des restlichen Niveaus gar nicht so tragisch.
Converge sticheln malmend (Slip the Noose) und rollen mit Stop-and-Go-Momentum (Detonator), stacksen zurückgenommen lauernd und wüten derbe breitbeinig rockend (I Won’t Let You Go). It’s Not Up to Us nimmt Schwung von I Won’t Let You Go mit und drückt aggressiv, taucht aber entlang eines superben Sequencings bereits stimmungsvoller in die Texturen ein, bevor Dream Debris das alleinige Spotlight erst bauchig und tief ritualistisch auf das perkussive Post Metal-Schlagzeug legt, dann auf den schabenden Basslauf und sich beinahe ruhig und meditativ zu einer Erzählung in Trance entwickelt – die später exakt entlang der Erwartungshaltung und vorhersehbaren Strukturen betoniert wird.
Wie schon auf dem in den selben Sessions entstandene Vorgänger geht das Quartett aus Boston keine Risiken ein, erfindet die in Marke Converge in einer gewissen Komfortzone nicht neu, doch hält es die Dinge spannend, interessant und zwingend, wie nur wenige Veteranen es derart zielsicher verstehen.
Hum of Hurt ist im direkten Vergleich damit sogar um das Quäntchen interessanter und vermeintlich nachhaltiger als Love is Not Enough. Doch eigentlich liegt die wahrhaftige Stärke des Yin/Yang-Zwillingswerks nun ganzheitlich betrachtet in seiner Wechselwirkung: Die beiden Platten funktionieren separat voneinander ansatzlos, ergänzen sich allerdings durch ihre markanten Unterschiede und werten sich damit tatsächlich gegenseitig auf.


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