Cult Leader – A Patient Man

von am 17. Dezember 2018 in Album

Cult Leader – A Patient Man

Cult Leader verschieben drei Jahre nach ihrem famosen 2015er Einstand Lightless Walk die Gewichtung der Heavyness in ihrem Sound. Eine Entscheidung, die A Patient Man auf eine breitere Basis stellt, aber dessen Durchschlagskraft auch  ausfransen lässt.

Auf Lightless Walk kamen sie unerwartet und wuchsen wie aus dem Nichts aus dem pechschwarzen Morast der Platte: Die Momente, in denen Stimmbandbrutalo Anthony Lucero sein bestialisches Gebrüll gegen einen traurig-sonoren Klargesang mit latentem Goth-Faktor tauschte und den sludge-affinen Mathcore von Cult Leader ein wenig mehr Raum zu atmen gab, um die psychotisch intensive Aggression zu melancholisch einnehmenden Abgründen zu führen.
Was auf Lightless Walk noch sparsam nuanciertes Kippen der Facetten war, entwickelt sich auf A Patient Man nun beinahe zu einem vollwertig ausformulierten Gegenpol zur ursprünglichen Grundkompetenz der Gaza-Nachfahren. Mit To: Achlys, A World of Joy und dem epischer angelegten Titelsong singt Lucero nun auf knapp 20 der insgesamt 48 Minuten des Albums – was atmosphärisch weiterhin ansatzlos zum Charakter der Band passt und sich auch weitestgehend ohne Bruch in den restlichen Abrissbirnen-Mahlstrom einfügt, der von einem runden Fluss lebt.
Einzig: restlos überzeugen will die Akzentuierung dieser Ausrichtung auf A Patient Man dennoch nicht mehr.

Lucero klingt hier mit tief sinnierendem Bariton mittlerweile wie der Bastard von Type 0 Negative-Boss Pete Steele und Crash Test Dummies-Summer Brad Roberts, elegisch und bedrückt, hat jedoch ein wenig zu bemüht und steif intonierend nicht die Bandbreite aus dem Grab heraus, um auf emotionaler Ebene tatsächlich abzuholen und die Songs abseits der Ästhetik zu tragen – denn die Stimme an sich ist nicht das primäre Problem der ambivalenten Nummern.
Vielmehr verkommt A Patient Man in diesen kontemplativen Phasen beinahe zu reinen Stimmungsmusik, da Cult Leader dem Songwriting dahinter nicht die nötigen Impulse zutrauen. Wo To: Achlys zur ersten Hälfte ein beruhigend eindringlicher Lagerfeuerbeschau in der Finsternis ist, gibt sich die zweite nur einem 0815-Spannungsaufbau hin, bevor A World of Joy (bis zu seinem Converge-artig auf die Hinterbeine steigenden Finale) und der Titelsong unkonkret als am Post-Metal entlantlangfließende Trancezustände dahinplätschern, rein kompositorisch generisch aus dem Postrock-Baukasten gezogen, ohne inspirierten Funken.

Beinahe paradox ist insofern, dass die knüppelnden Trademark-Rasereien drumherum trotz härterer Kontraste der Extreme sich nicht heftiger positionieren als bisher, obwohl sie gewohnt unmittelbar als reklamiertes Hoheitsgebiet ihr zwingendes Berserkerwesen ausspielen, kompromisslos und konsequent: Zwar hat etwa Isolation in the Land of Milk and Honey eine starke Bandbreite zwischen Blackend-Ballerei und versöhnlicher Doom-Nähe, und harsche Agressoren wie Craft of Mourning, massive Riffkaskaden ala Share My Pain oder Thrash-Affinitäten wie Aurum Reclusa beherrscht die Band im Signature Sound praktisch fehlerfrei.
Allerdings wirken diese Klopper weniger dringlich-manisch zündend, sogar ein bisschen nur als Mittel zum Zweck zwischen den beiden konzentrierten Gravitationskräften zur Mitte und Ende der Platte. Dadurch bekommt A Patient Man im direkten Vergleich zum Vorgänger doch minimale Längen, wirkt nicht derart prägnant und pointiert.
Freilich alles im Rahmen: Der Opener I Am Healed kotzt gegen Ende eine gutturale Hook hoch, die einem die Luft abwürgt, während der Closer The Broken Right Hand of God die ideale Symbiose aus nachdenklichem Tiefgang in einer zurückgenommenen instrumentalen Intensitätsgrad und Lucero als massiven Vocal-Derwisch ausbreitet, um nachhaltiger zu treffen als vielleicht je zuvor. Dass sich das Spektrum zwischen diesen beiden Enden auf einer möglichen Übergangsplatte gewandelt hat, zeigt insofern Vor- und Nachteile, ist aber letztendlich mehr als alles eine Frage der Relation: Wer wie Cult Leader aus dem Stand heraus die Konkurrenz abgehängt hat, fällt auch mit einer kleinen Enttäuschung nicht von der Speerspitze.

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