Damon Albarn – Songs From Wonder.land

von am 6. Juni 2016 in Sonstiges, Soundtrack

Damon Albarn – Songs From Wonder.land

Dass Tausendsassa Damon Albarn in der Lage ist, unter der Ägide des  Manchester International Festival eigenwillige Soundtrackarbeiten abzuliefern, die auch durchaus ohne visuelle Unterstützung der dazugehörigen Musical-Aufführungen auf sich alleine gestellt funktionieren können, hat er mit Monkey: Journey to the West und Dr Dee eigentlich bereits bewiesen.

Sein bisher größtes und ambitioniertesten Projekt in dieser musikalischen Schiene abseits des Mainstream-Pop scheitert nun jedoch zumindest an der Erwartungshaltung, die man an den sonst so unfehlbaren Gorillaz– und Blur-Chef qualitätstechnisch stellt. Auch, weil die charakteristische Präsenz des 48 Jährigen auf Songs From Wonder.land trotz zahlreicher Trademarks doch stark in den Hintergrund tritt, Albarn sich als reiner Komponist ganz in den Dienst der Geschichte stellt, in den vage bleibenden Grenzbereichen seiner Komfortzone aber diesmal kaum für erinnerungswürdige Momente sorgen kann, wenn er zum 150 Jährigen Jubiläum von Alice im Wunderland erstmals Musik für fremde Texte (genauer:  Moira Buffini’s Wonder.land, welches von Regisseur Rufus Norris für die Bühne adaptiert wurde) komponiert.
Das kunterbunt von Teenage-Angst-Melancholie zu überschwänglicher Jugendlichkeit schwankende Sammelsurium an flapsigen Tracks (das „Songs“ im Titel ist im Grunde bereits eine falsche Fährte) plätschert unausgegoren als beliebig skizziert bleibende Stimmmungsimpression, die sich nur bedingt dem Soloschaffen des Londoners annähern, also schlüssige Songwriting-Exemplare weitestgehend verweigern und eher einem Strom an unverbindlichen Melodie-Ideen zwischen Dresden Dolls-artiger Varieté-Freakigkeit und einer latenten Antithese zu Everyday Robots gleichesn. Das kann man sich als farbenprächtiges Kundermusical vorstellen, das immer wieder an eingängigen Hooks entlangschrammt, dann aber doch zur nächsten Bagatelle weiterdümpelt; oder als Baustelle, die sich redlich bemüht ansteckendenSpaß zu verbreiten, aber dabei keine richtige Balance zwischen oberflächlicher Penetranz und langweilender Egalität findet.

Im schlimmsten Fall – namentlich: Fabolous – mutiert das dann zum psychedelischen Walzer mit entrückter Vorschlaghammer-Weirdo-Ausstrahlung, der mit seiner unsagbar penetranten „Pussycat„-Wiederholung irgendwann am Nervenkostüm nagt, während die Titelnummer als generischer Rock in der Tradition der Rocky Gorror Picture Show eher nach Brechstange, denn nach verspielter Leichtigkeit klingt.
In den besseren Fällen plätschert Songs From Wonder.land mit kindlich überladender Nebensächlichkeit durch gefällige Popgefilde, die auch aufgrund ihrer unaschüttelbaren Beiläufigkeit eine Ausnahmestellung im Schaffen des Engländers einnehmen: Albarns Stimme gibt es diesmal im Gegensatz zu Monkey: Journey to the West und Dr Dee eben auch nicht als abholenden Garanten (wie oft ertappt man sich bei der Frage, wieviel besser viele Passagen werden hätten können, wenn dies der Fall gewesen wäre!), das kann auch die aufgefahrene, keineswegs uncharismatisch abliefernde Darstellerriege nicht ausgleichen.
Stattdessen gibt es immer wieder flapsiges Revue-Piano mit Jahrmarkt-Flair und einer Riege an undefinierbaren Hintergrundgeräuschen (Entre Act) neben ziellos betörenden Balladen, die im Grunde nur deswegen auffallen, weil Albarn viel passieren lässt, ohne dass sich tatsächlich etwas auf längere Sicht im Hinterkopf einnisten könnte (Secrets). Wirkliche Schönheiten, wie das seine Großartigkeit mit feinfühligem Ukulele-Minimalismus und zartem Klavier einfangende Me bleiben leider die Ausnahme.
Viel falsch macht Albarn abseits solch vereinzelt angedeuteter Highlights im Grunde zwar dennoch nicht, jedoch provoziert Songs From Wonder.land über weite Strecken eher den Eindruck einer unfokussierten Fingerübung aus der Mottenkiste, als dass es Alice spannende neue Perpektiven öffnet. Nach viel (nicht klischeefreiem) Storytelling ist deswegen auch irgendwann Schluss, ohne dass ein dramaturgischer Höhepunkt, ein mitreißender Spannungsbogen oder eine befriedigend vermittelte Erfahrung auszumachen gewesen sei. Songs From Wonder.land ist in Summe also weniger schlecht, als dass es als unbedeutende Gleichgültigkeit kaum Eindrücke hinterlässt und damit als schwache Darbietung Albarns enttäuscht.
Kann freilich sein, dass Wonder.land – ungeachtet der teilweise durchwachsenen Kritiken – in seiner Gänze als Musical durchaus Sinn ergibt und schlüssig funktioniert. In Unkenntnis sonstiger Qualitäten des Stückes würden sich nur wegen des hier vorgelegten Soundtracks jedoch wohl nicht einmal Albarn-Hardcore Fans zu einem Lokalaugeschein im Theater aufraffen können.

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