Die Ärzte [13.06.2012 Stadthalle, Graz]

von am 15. Juni 2012 in Featured, Reviews

Die Ärzte [13.06.2012 Stadthalle, Graz]

 Ärzte Konzerte sind immer einen Besuch wert – selbst, wenn das jeweilig aktuelle Album der Berliner nicht ihr bestes sein sollte. So nachzuhören im direkten Vergleich auf dem zwölten Studioalbums ‚Auch‚ und der in Graz halt machenden, hier nicht dem Muster der Männlein/Weiblein Aufteilung der mehrmals bespielten Auftrittsorte folgenden – vorerst letzten gemeinsamen (?) – Tour: „DAS ENDE ist noch nicht vorbei„.

Da war ja die Rede davon, dass das aktuelle Album samt der dazugehörigen Tour die letzte vor einer längeren Bandpause sei. Selbst ohne diesem vor dem Konzert nicht wahrzunehmenden Schatten wäre die Grazer Stadthalle wohl schon Monate vor diesem  stürmischen Juniabend ausverkauft gewesen, die Menschenschlangen vor dem Einlass bereits eine gute Stunde vor Einlass dicht gedrängt. Dass es zwischen 18.00 Uhr und dem verspäteten Beginn um 20.15 Uhr eine gesamte WM Partie zu versäumen gilt, stört da nur die wenigsten, und wie Bela später ohnedies so treffsicher argumentieren wird: „Rock gegen Fußball, 100:0„. Kann man so stehen lassen, wenn die eigene Mannschaft 2.1 gewinnt und  sich vor der Bühne stets ein munterer Pit tummelt, die Jünger der „besten Band der Welt“ sich phasenweise zu dritt übereinander stapeln und selbst Songs der aktuellen Veröffentlichung ‚Auch‚ frenetisch abgefeiert werden. Tatsächlich gewinnen dessen Songs im Live-Gewand an Qualität oder zumindest immens an Unterhaltungswert, allein das eröffnende Trio ‚Ist das noch Punkrock?‚, ‚Bettmagnet‚ und ‚Tamagotchi‚ sorgt nicht nur dafür, jedem Arzt gleich zu Beginn seinen Part am Mikro einzuräumen, sondern macht schlicht Lust auf mehr .

Dennoch sind es die alten Klassiker, die die Vormachtstellung der Ärzte als Live-Macht stützen und zementieren. ‚Hurra‚, ‚1/2 Lovesong‚, der ‚Schunder-Song‚, ‚Rebell‚, ‚Westerland‚, ‚Zu Spät‚,….früher oder später kommt beinahe alles in der  rappevollen Setlist vor, da geht niemand unbefriedigt nach Hause. Dazwischen liegen genug Gründe ‚Jazz ist Anders‚ im Rückspiegel doch furchtbar toll zu finden (‚Junge‚, ‚Himmelblau‚), ‚Geräusch‚ zu einem guten Doppelalbum zu verklären (‚Unrockbar‚), sich generell mehr Material von ‚Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!‚ zu wünschen (‚Wie es geht‚) und überhaupt mit der jüngeren Discographie-Geschichte der Band seinen Frieden zu machen: Ansatzweise 11.000 sitzende Zuseher bei ‚Unrockbar‚ können nicht irren. Dass das freilich kredibile Massenunterhaltung par excellence ist, daraus wird zu keinem Zeitpunkt ein Hehl gemacht: Publikumsanimationen heizen die Masse zusätzlich an, sympathisch launig-ironische Zwischenkommentare dauern länger als so mancher Song; der als insgeheimer Virtuose der drei im Hintergrund agierende Rob sammelt als heimlicher Held wieder unzählbar viele Punkte während der Boxenturm hinter ihm wächst, Farin geht BH´s sammeln  und ein stolzierender Bela unbenutzte Trommelstöcke noch und nöcher ins Publikum wirft. Einer jungen Dame im Publikum macht man damit besondere Freude und widmet ihr gleich noch das „jugendfreie“ und textlich eigens geänderte ‚Zu Spät‚, samt Improvisationsmittelteil und der augenzwinkernden Ankündigung, dem Vater des Mädchen alle Knochen zu brechen. Weil eben ein geknickter Bela von dannen schleicht: „Dein Vater könnte mein Sohn sein!

So führen Bela, Farin und Rod gutgelaunt und -aufeinander eingespielt  durch nahezu drei kurzweilige, unheimlich unterhaltsame Stunden jenseits reiner Punkrock-Dringlichkeit in allen Genres wildernd, ehe man das Endorphin-dampfende Publikum euphorisch in die abgekühlte Nacht entlässt. Die gewonnenen Erkenntnisse sind dabei freilich keine ausschließlich neuen: Nach so einer Show unterschreibt man das mit der „besten Band der Welt“ nahezu anstandslos, Live macht den Berlinern kaum einer etwas vor. Da verzeiht man sogar die schelmischen Sticheleien an der geschundenen österreichischen Fußballseele, und den Seitenhieben auf Graz, selbst ‚Auch‚ macht unter den gewonnenen Eindrücken plötzlich mehr Spaß. Und für abgestandene Getränke zu frech-überteuerten Preisen kann die Band ja nichts, denen klopft man für den nach dem Konzert erhältlichen Livemitschnitt auf Memory Stick in Kasettenform lieber auf die Schultern. So ein Ärzte-Konzert ist eben immer (wieder) einen Besuch wert, auch auf Konserve. Nicht nur deswegen wäre es natürlich schade, wenn das mit der Pause auf unbestimmte Zeit tatsächlich eintreten und sich gar in die Länge ziehen würde.

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