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DIIV – Deceiver

DIIV - Deceiver

Dunkler Showgaze an der Schnittstelle aus verwaschenem Indierock und markigem Dreampop: DIIV rekonstruieren auf ihrem bisher besten Album den Sound ihrer Vorbilder zwar mit wenig originärem Charakter, aber mit geschicktem Songwriting – Deceiver wird seinem Titel durchaus gerecht.

Hinter dem ebenso treffend gewählten Albumcover baden Zachary Cole Smith und seine Band ihre halbabstrakten Songs in einer einnehmenden hypnotisch-wärmende Melancholie und schwelgen durch die bittersüßen Dichte des sphärischen Sounds mit all seiner fuzzy Distortion derart versiert, dass nachvollziehbar bleibt, weswegen wohl mancher Genrefan Deceiver in wenigen Wochen in seiner Jahreszusammenfassung weit vorne positionieren wird: DIIV können Shoegaze und haben das Ambiente (im Jahr nach dem Launder-Start) auch durch die Produktion von Szenekenner Sonny Diperri noch einmal stilechter adaptierend inszeniert, indem er der gehauchten Süße nun auch massivere Gitarrenwände entgegenstellt. Deceiver fühlt sich tatsächlich wie ein authentisches Fundstück aus den 90ern an, wie es seinen dynamischen Kontext über die nicht endenden Sucht-Kämpfe seines Frontmannes legt.

Es ist gerade aufgrund dieser Kohärenz allerdings auch schade, dass DIIV im Hier und Jetzt ihre Referenzen gar so dermaßen offensichtlich bedienen müßen; die Assoziationen phasenweise einfach stärker greifen, als das rundum tolle Songwriting dahinter; und sich die erzeugte Ästhetik (mit Ausnahme des rasant-dramatisch rockenden Fokus-Hits Blankenship, der die Konturen ausnahmsweise schärfer und zackiger nachzieht, während er sich gehen lässt – und damit nicht restlos stimmig in den restlichen, absolut homogenen Fluß der Platte passen will) nachhaltiger festzusetzen droht, als all die verführerischen Melodien – die dann letztendlich aber doch die Oberhand behalten, entwaffnend umspülen, und mit jedem Durchgang den fahlen Beigeschmack des puren Epigonentums zumindest dezent ausbleichen lassen.

Das wunderbar verwaschen schlingende Horsehead greift etwa unter der über allem schwebenden Schirmherrschaft von Kevin Shields die Perspektive der erste Yuck-Platte zu Sonic Youth auf, ist liebenswert rau und tritt die Verzerrer zwar immer wieder durch, bleibt aber eine verträumte Elegie. Das fabelhafte Like Before You Were Born zeigt danach, wie man die Zügel locker lassen und trotzdem straight mit geschlossenen Augen nach vorne treiben kann, ist aber mehr als alles andere eben auch eine Deklination aus dem My Bloody Valentine-Lehrbuch. In Skin Game verschwimmt der gitarrenperlende Drive letztendlich mit feinen Harmonien und Between Tides schwelgt zu Färbungen von Built to Spill und frühen Modest Mouse, bleibt aber kompositorisch in letzter Konsequenz zu unverbindlich. Man findet in der balladesken Schönheit Taker oder For the Guilty die DNA zahlreicher Genre-Klassiker ohne nennenswerte Individualisierung, ohne DIIVE dafür auch nur ansatzweise böse sein zu können.

Man nimmt Songs wie das schmissige The Spark als The Pains of Being Pure at Souvlaki durch seine stimmungsvolle Tiefe nur zu gerne an, lässt sich in die triefend-schleppende Zeitlupe des elegischen Glanzstücks Lorelai fallen oder folgt dem abgründigen Acheron mit Genugtuung in den ungemütlichen, aber optimistisch aufmachenden Kaninchenbau der Cloud Nothings.
Deceiver mag also eine dieser Platten sein, die trotz ihrer Klasse praktisch permanent die Frage aufwirft, weswegen man nicht zu den (besseren, essentielleren) Originalen greifen sollte. DIIV finden aber durchaus überzeugende Argumente, verlieren ihren zutiefst referentiellen Shoegaze auf Sicht nur selten an den gefällig abtauchen lassenden Hintergrund, wiegen den Mangel an überwältigenden Genieblitzen mit einem Händchen für Ohrwürmer und dem Momentum auf (was dann im Augenblick der Endabrechnung auch die Aufwertung zwischen den Punkten liegend rechtfertigt). Insofern ist Deceiver die vielleicht bestmögliche Überbrückung bis zum angekündigten My Bloody ValentineDoppelpack-Comeback. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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