Efrim Manuel Menuck – Pissing Stars

von am 17. Februar 2018 in Album

Efrim Manuel Menuck – Pissing Stars

Das im vergangenen Jahr in Luciferian Towers kulminierende aktuelle Material von Godspeed You! Black Emperor fühlte sich wie eine enttäuschende Routinearbeit an: Solide, aber doch auch vorhersehbar und uninspiriert. War Kollektivleader Efrim Manuel Menuck mit seinen Gedanken womöglich etwa schon bei Pissing Stars?

Zumindest klingt das zweite Soloalbum des Kanadiers ungeachtet eines zuweilen betont gedankenverloren schwelgenden Charakters, als wäre es aus einer größeren Leidenschaft heraus geboren worden; als wäre die Veröffentlichung dieses kreativen Ventils für Menuck selbst in gewisser Weise schlichtweg notwendiger gewesen, als die jüngste Platte seines Postrock-Mutterschiffs.
Gerade auch, wenn sich die eingangs noch beklemmende dunkle Stimmung hinten raus doch merklich ein wenig zu lichten beginnt und sogar die leise Ahnung von Hoffnung keimen lässt: „This record was made in dark corners between 2016 and 2017. A very rough pair of years, shot thru with fatigue, depression, despair, and too many cigarettes and too much booze. (…) This record was made in various states of unease, with a brittle heart and a clear intent. Like running towards a cliff with 2 swinging knives, roaring with an idiot grin. Overcome and overjoyed. This record is about the end of love and the beginning of love. This record is about the dissolution of the state, and all of us trapped beneath, and the way that certain stubborn lights endure.

Das stets spürbare Verlangen von Menuck, sich nachhaltiger Luft zu machen, als zuletzt mit Godspeed You! Black Emperor, mündet dabei auch in Texten, die dem impressionistische Freiheiten nutzenden 47 Jährigen eine noch weniger auf kollektive Ansichten Rücksicht nehmen lassen müssende Konzeptwerk-Plattform für seine politischen Ansichten bietet.
Pissing Stars is inspired by the brief romance of american television presenter Mary Hart and Mohammed Khashoggi, the son of a saudi arms dealer. I don’t know how long their union endured, but I remember reading about them when I was a desperate teenager – there was something about their pairing that got caught in my head. I was living in a flooded basement with two other lost kids and a litter of feral kittens. We were all unfed. This strange intersection – the televisual blonde and the rich saudi kid with the murderous father; it got stuck in me like a mystery, like an illumination – this vulgar pairing that was also love. These privileged scions of death and self-alienation, but also love. I’ve carried it in me for 3 decades now, this obscure memory, and I return to it often, tracing its edges like a worn talisman. This record is about the dissolution of their relationship, and the way that certain stubborn lights endure.

Als abstrakte, auch spirituelle Projektionsfläche für eine lange gehegte Obsession, die eine schwierige Lebensphase für Menuck reflektiert, entwickelt Pissing Stars sich musikalisch auch ohne tatsächliche Griffigkeiten und (mit der vage bleibenden, im Kontext aber beinahe konventionellen Ausnahme des über einen sanften Drumrhythmus laufenden Americana der David Lynch-artigen The War on Drugs-Reduktion A Lamb in the Land of Payday Loans) und ohne den dynamischen Zug von Menucks personell kräftigen Bandprojekten eine Gravitation und Sogwirkung, die die selbstzufriedene Plansoll-Ausstrahlung von Luciferian Towers mit einer eigenwilligeren Identität aufwiegt, vornehmlich mit (un)prätentiös-subversiver Unterschwelligkeit über die erzeugte Dichte der Atmosphäre fesselt.
Menuck greift dafür die Fäden des beinahe sieben Jahre alten, rückblickend äußerst flüchtig und doch zu uneigenständig gebliebenen Vorgängers Plays „High Gospel“ auf, führt diese über aufgelöste Strukturen entlang des flehenden Silver Mt. Zion-Trademark-Gesang über die rauschenden Postrock-Landschaften der jüngeren Godspeed You! Black Emperor-Geschichte sowie Hohheitsgebiete solcher Constellation-Labelkollegen wie Wrekmeister Harmonies hin zu einem für sich stehenden Amalgam aus undurchsichtigen Dark Ambient-, Drone-, Elektronik- und Experimental-Rock-Gebilden.
Das von Menuck mehr oder minder im Alleingang über allerlei verzerrte Synthies, Gitarren und sonstige knöpfchendrehende Tasteninstrumente eingespielte Pissing Stars entfaltet so zumeist entschleunigt getragen sein apokalyptisches Gewicht, bleibt dabei trotzdem fürsorglich, vielleicht sogar schöngeistig, zumindest aber immer wieder auch berührend intim; eine so ruhige und ätherische wie ungemütlich und beklemmend einwirkende Sinnsuche.

Der überragende Opener Black Flags Ov Thee Holy Sonne ist nur im Titel ein Klischee, wächst aus pastoral an- und abschwellenden Chören, Rückkoppelungen, weißem Rauschen und Menucks Leiden: „Good times aren’t the good times anymore„, später hallt die über „Dead Stars“ sinnierende Kinderstimme von Sohnemann Ezra Steamtrain Moss Menuck durch die kakophonische Trance. Hätten Crippled Black Phoenix nicht bereits den begriff der Endzeit Balladen geprägt – Pissing Stars hätte ihn sich bereits hier rückstandslos einverleibt.
The State And Its Love And Genoicide beschränkt sich beinahe ausnahmslos auf einen minimalistisch pumpenden Beat, oder vielmehr eine lange verblasste Erinnerung an einen solchen, während Menuck singt, als würde er einen bis zu seinen Ruinen entkernten Arcade FireSong mit stapfender Geduld nachstellen. Der unheilvolle Verband aus der Loop-Klanginstallation The Lion-Daggers of Calais sowie dem Sample- Interlude Kills v. Lies schwebt sinister funkelnd durch den Kosmos, ein latente 80er-Schicht liegt über den Texturen.

Hart_Kashoggi klingt dagegen, als hätten Benjamin Wallfisch und Hans Zimmer die monumental-hymnische Epik einer beschwörenden Godspeed-Patent-Melodie für Blade Runner als verrauschte Radioatoren-Traumfrequenz nahe Basinski übersetzt – das hühnenhafte und wuchtige Momentum funktioniert hier allerdings ausnahmslos körperlos. Die traurige Mediation LxOxVx / Shelter in Place schichtet ihre Lagen demfolgend noch bedächtiger, mutiert aber vom verletzlichen Score zur bedrohlich dröhnenden Machdemonstration – live sicherlich nichts weniger als eine Urgewalt! – bevor die persönliche, nackte Nahbarkeit The Beauty of Children and the War Against the Poor sich als stellare Sternstunde aufschwingt, in der Louise Michel Jackson die unwirkliche Eleganz einer nur theoretisch vorhandenen symphonischen Erhabenheit mitträgt: Pissing Stars erzeugt seine imaginative Größe stets mit äußerst überschaubaren, zurückgenommen eingesetzten Mitteln.
Schade nur, dass der surrealistisch mit LoFi-Charme umarmende, an sich wunderbar versöhnlich harmonierende, aber zu abrupt und ohne den nötigen Auslauf abgewürgte Titeltrack am Ende doch mit einem unbefriedigenden Gefühl entlässt. Suggeriert die dadurch entstehende Hast doch den Eindruck, dass Menuck über die Distanz von Pissing Stars eventuell doch einer latenten Ziellosigkeit gefolgt sein könnte. seine Zelte so stürmisch niederreißt. Dies verkauft ein an sich wunderbar in sich geschlossenes Werk  schließlich auch ein wenig unter Wert – nichts hätte Pissing Stars zum Abschied also besser getan als der nötige Raum, um die in ihrem eigenen Kontinuum versammelten 47 Minuten angemessen sacken und nachwirken lassen zu können.

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