Ethereal Shroud – Trisagion

von am 25. Dezember 2021 in Album, Heavy Rotation

Ethereal Shroud – Trisagion

Charakterstark typisierter Black Metal: Ethereal Shroud serviert mit Trisagion auf die letzten Meter des Jahres noch ein absolutes Genrehighlight zwischen Paysage D‘Hiver und Wolves in the Throne Room.

Der Einstieg in das digital bereits 64 Minuten dauernde (und physisch aber sogar noch einmal um die Studioversion der seit 2020 bekannten Demo Lanterns erweiterte) Zweitwerk des Briten Joe Hawker gelingt allerdings mit Schönheitsfehlern: Der heroische Opener Chasmal Fires nutzt an den verträumten Synthies zu simple Melodiemuster, die mit geöffneten Augen schon zu eindimensional und standardisiert wirken können, während die Übergänge zu Beginn des monolithischen Stücks trotz einer letztendlichen Gesamtspielzeit von 28 Minuten beinahe zu überhastet anmuten.

Was allerdings ohnedies nur eine relative Problematik darstellt, weil Hawker (Guitar, Vocals, All Compositions and Songwriting, Lyrics, Arrangements) seine Erfüllungsgehilfen (Richard Spencer an Bass und sporadisch auftauchender Viola, Drummer John Kerr sowie die in Chasmal Fires für einen Enya‘esken, spirituell nicht zu überkandidelten Mittelteil sorgende Shannon Greaves) so versiert diktiert, dass das verflochtene Amalgam ohnedies mehr ist, als die Summe seiner Teile: Die Blastbeats agieren nicht stromlinienförmig, sondern fesseln variabel knüppelnd, der Bass darf in den richtigen Momenten leitend treiben, die zahlreichen Tremolo-Gitarrenschichten liegen über den verwaschenen, zwingend beißenden Vocals und kreieren so eine eigenwillige, entrückte Ästhetik voll leidenschaftlich brennender Dringlichkeit, die auch sinnbildlich für die generelle Inszenierung der Platte steht: Jedes Element von Trisagion ist ohne jedweden Hochglanz differenziert hörbar, die superbe Produktion nutzt die Bandbreite einer gefühlvollen Laut/Leise-Spannweite in der Dynamik versiert aus, und erlaubt es dem Songwriting auf unnatürlich erzwungene Höhepunkte verzichten zu können, stattdessen über subversive Entladungen organisch zu wachsen, mutieren und fesseln.

Schon Chasmal Fires bekommt also im homogenen Verlauf einen immer unmittelbareren Zugriff auf denen Strom aus Cascadian und Atmospheric Black Metal, der doomig und ambient in die Tiefe geht, sich ausnahmsweise auch sinfonische Elemente und eine folkige Patina gönnt.
Trisagion ist in der Summe dieser Entwicklung entlang seiner ausführlichen Spielzeit übrigens nicht zu lange geraten: über eine Stunde verfliegt hier mühelos durch die imaginative und assoziative Sogwirkung. Genau genommen ist es sogar eher weniger dienlich, wenn Ethereal Shroud die Dinge zu destillieren beginnt, was allerdings ohnedies nur in Discarnate, dort aber erstaunlich direkt, passiert. Auch wenn der Song als barrierefreie Entladung später kurz flüsternd in sich geht, ballert das Album in dieser Phase Vorhallen erhebend, extrem kraftvoll gespielt und zielgerichtet komponiert, astral ausgeschmückt. Umso mehr Grandezza hat es allerdings, wenn das Finale der Nummer sich somnambul um sich selbst zu drehen beginnt und mit einem Piano-Appendix die Übergabe an Astral Mariner vorbereitet, wo sich die gedankenvoll in der Melancholie sinnierenden Tasten in ein stellares Ambient-Schimmern betten. Dort stützt sich der überragende Closer in die stoische Monumentalität des Dooms, vollzieht den Umschwung zu sakralen Pastoralität etwas zu eng, taucht dann aber mit nordischer Attitüde ohnedies zügig an.

Justament wenn Astral Mariner sich schon erfüllend verausgabt hat, steigert Hawker die Nummer nach dem vermeintlichen Klimax noch einmal neu, zieht Spannungen abermals an und baut das Podest wieder monumental auf, um elegisch zu verglühen – und aus aus der Einkehr plötzlich noch einmal ein majestätisches Plateau zu erklimmen, auf dem er zurückblicken kann. Dass sich Trisagion in diesem würdigen Finale nie nach einem enervierenden Rückkehr des Königs-Schlussaktes anfühlt, sondern die Facetten der erschaffene Welt eher mit konzentrierter Intensität bis zur verdienten Erschöpfung treibt. Spätestens dieser Abgang hebt Ethereal Shroud zwischen Orientierungspunkten wie Agalloch, Woods of Desolation oder Woods of Ypres auf eine malerische Referenzebene.

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