Fontaines D.C. – Dogrel

von am 13. April 2019 in Album

Fontaines D.C. – Dogrel

Wer die Dubliner schon länger auf dem Schirm hat, wird durch Dogrel als Singlesammelsurium wohl enttäuscht werden. Alle anderen könnte der Post-Punk der Band allerdings zur richtigen Zeit erwischen.

Immerhin zünden Fontaines D.C. im Fahrwasser der Erfolge von Shame und Idles und der Trademarks von Sleaford Mods und Art Brut mit ihren simpel gehaltenen, zackigen Postpunk samt rezitierendem (bisweilen kraft- und drucklosen) Sprechgesang unmittelbar, holen zudem schrammelnder auch potentiell die Indie-Hörerschaft der Libertines und The Rakes ansatzloser ins Boot.
Allerdings tun sich dabei auch einige Probleme auf. So ist Dogrel im Grunde eher eine Compilation weitestgehend längst veröffentlichter (und leider weitestgehend neu, nun viel zu zahm und glatt eingespielter) Songs: Man kann das Debütalbum des Quartetts praktisch bereits vor dem ersten Durchgang zu mindestens drei Viertel kennen. Einerseits verständlich, immerhin haben sich mit Too Real, Chequeless Reckless, Liberty Belle oder dem grandios-melancholischen Roy‘s Tune einige sehr schmissige Szene-Hits angesammelt, die man so einfach nicht in Vergessenheit geraten lassen sollte. (Dass ausgerechnet Peddler’s Toy keinen Platz auf Dogrel gefunden hat, darf man insofern schon als ironischen Kniff werten).
Andererseits führt diese zusammensammelnde Entscheidung auch neben einem kaum gravierend von vornherein gegebenen eingedämmten Überraschungseffekt dazu, dass vielmehr der Spannungsbogen von Dogrel enttäuscht: Der Fluss der Platte ist zerfahren, ein bisschen willkürlich, eben tatsächlich eher eine durch die Attitüde und Haltung geeinte Stafette an sprunghaften, dringlichen, hungrigen Einzelsongs.

Diese kann jedoch weder den Hype, noch die Vergleiche mit den Referenzen aus dem Vorjahr wirklich restlos stemmen. Denn ja, die Songs der ausfallfreien Platte gehen allesamt gut ins Ohr, haben uneingeschränkt starke Texte, werden trotz der produktionstechnisch eingekehrten Sauberkeit auch keinen Fan verkrämen und reklamieren nicht nur live die nötige Intensität für sich, sondern machen auch auf Tonträger weiterhin Pub-kultiviert an den Unzulänglichkeiten der Welt nörgelnden Spaß. Kaum prollig die Muskeln zeigend, immer noch weniger stilvoll adrett als die Anderen – eher wie eigenwillig diktierende (und wie in der smarten, entwaffnend groovenden Paranoid-Adaption Hurricane Laughter zitierende) Straßenpoeten mit dem Hang zum gefälligen Momentum.
Doch sind die ansteckenden Nummern kompositionell eben in Summe doch merklich dünner als bei der Konkurrenz, bisweilen hinter der gar nicht so ungeschliffenen Atmosphäre alleine an der Grenze zum repetitiv-monotonen Eindimensionalität inszeniert. Gleich der Opener Big kann symptomatischerweise in seinem puren Wiederholen von Mustern ermüden, hat keine Ambition auszubrechen, wo Fontaines D.C. generell lieber eine Grundidee vorantreiben, anstatt diese zu variieren oder zu entwickeln. Boys In The Better Land würde etwa mit jeder Minute mehr nach dem auslaugenden Exzess verlangen, wählt aber die gemütliche Reflexion ohne Conclusio. Die Songs bleiben archaisch und auch relativ generisch konstruiert, was seinen authentischen Reiz hat, toll nebenbei läuft, aber hinsichtlich der Halbwertszeit doch Probleme bereitet: Man hat sich rasch an Dogrel sattgehört, es gibt hinter der klaren Agenda ohne Twists oder überwältigende Climax-Szenen wenig zu entdecken.

Obwohl die alten Gassenhauer (in ihren urpsrünglichen Versionen mittlerweile digital übrigens um den Darklands-Zusatz versehen) weiterhin gut funktionieren und sich ihren Platz auch auf etwaigen 2019er-Mixtapes redlich verdient haben, gelingen am vielversprechendsten jedoch ausgerechnet die vier neuen Songs der Platte. Weniger Sha Sha Sha, das erst den Fratellis-Stadionbeat für potentielle Mitgröhl-Hymnen probt, dann aber doch lieber die Abzweigung Richtung früher Maxïmo Park nimmt, ohne einen ekstatischen Ausbruch zu wagen, während Television Screens ein verträumtes Element forciert, das an die besten Szenen der zweiten Reihe des brennenden 2000er-England denken lässt.
Doch im überragenden The Lotts zeigen Fontaines D.C, dass sie nicht nur The Cure kennen, sondern auch Atmosphäre erzeugen können, bevor der schöne Closer Dublin City Sky in getragene Gefilde schunkelt und das Erbe der Pogues mit viel Gefühl plätschernd hochhält. Weswegen es trotzdem gar nicht so abwegig ist zu prognostizieren, dass die Sache mit Fontaines D.C. (hier noch mit Welpenschutz-Bewertung) ohne die ungeschliffene Rohheit der vorauseilenden Singles eigentlich erst nach ihrem nicht gänzlich zu Unrecht gefeierten Debüt interessant werden könnte.

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