Cameron Winter – Live at Carnegie Hall
Was die Manierismen von Cameron Winter (und durch die starke Prägung im Grunde zwangsweise natürlich auch seiner Band Geese) angeht, sollte das pur destillierte Live at Carnegie Hall eigentlich ein übersättigender Jump the Shark-Moment sein – doch es funktioniert als frühe Sternstunde einer schon jetzt sehr eigenwilligen Karriere.
Im Zweifelsfall sind die 67 Minuten sicher auch beides gleichzeitig. Als Quasi-Soundtrack zum Konzertfilm (einem der besten aller Zeiten gar?!), den Paul Thomas Anderson von Winters bereits im Vorfeld zum Event (über/)gehypte Konzert in der titelstiftenden Location in New York angefertigt hat, schafft es Live at Carnegie Hall nämlich, die Schmerzgrenze der Trademarks mit seiner inszenatorischen Reduktion gleichzeitig am Kern übersteigert zu kanalisieren, wie es sie auch erstaunlich ausgewogen balanciert, und so eine (durchaus überraschend) toll dosierte Dynamik aus edlem Ambiente und nonchalant leiernder Inbrunst erzeugt.
Dass der Sound der Platte klar und kraftvoll, nahbar und intim eingefangen wurde, spielt der Atmosphäre des Tonträgers zusätzlich in die Karten, wo das Publikum zumeist nur zwischen den Songs in distinguierter Begeisterung frenetisch applaudierend zu hören ist, und den alleine auf Winters so exaltierten Gesang und ein weitaus weniger prätentiöses Klavierspiel beschränkten (nein: erhaben aufgeführt zelebrierten!) Songs andächtig lauscht.
Der Gutteil des dargebotenen Materials stammt dabei vom 2024er-Album Heavy Metal (7 der insgesamt 12 Songs, um genau zu sein), dazu gesellen sich die beiden Singles-Stücke. Und sie alle finden neue Artikulationen – reduzierter, melancholischer, simpler, direkter und gleichzeitig verschnörkelter, viele der schrulligen Sognaturen der Intonation und des Songwriting durch die Schönheit und Grandezza des Settings aufwiegend.
Try as I May klingt nun nun etwa wie ein aus der Zeit gefallener, beschwörender Oldtime Gospel und The Rolling Stones zu ähnlichen Teilen tragischer, dringlicher, nervöser, klimpernder, nostalgischer. Drinking Age agiert wie im Wahn entschleunigt und könnte mit Sakamoto Weihnachten feiern, derweil Cancer of the Skull die Tugenden der Platte alleine schon inhaltlich als Monolith bündelt. Das sich spätestens in Nina + Field of Cops aufgrund der gegebenen Gleichförmigkeit auch eine latent auslaugende Wirkung einstellen kann, fällt eigentlich kaum mehr ins Gewicht, wenn $0 umso versöhnlicher an der Hand nimmt, lange dahingleitet – schon lange nicht mehr erwähnt, wie sehr Winter doch stimmlich an Alec Ounsworth erinnern kann! – und das überragende Take it With You schlichtweg groß, zeitlos und ein bisschen Weise, wie die Erinnerung an einen Klassiker thront.
Neben dem Blick zurück flicht Winter in Live at Carnegie Hall aber auch nahtlos den nach vorne ein – in Form dreier neuer Songs, die den 24 jährigen mit zahlreichen religiösen Symbolen für seinen Existenzialismus hantierend zeigend.
Im elegant schwelgenden Emperor XIII in Shades heißt es unter anderem beispielsweise: „It’s too bad what happened to Jesus/ But Friday was alright“. und im klassischen If You Turn Back Now: „The devil is working even in the rain when it’s pouring/ The devil’s work begins early every morning/ Yeah, the devil is real, and he’s living in heaven/ The devil’s gonna love you to death if you let him“.
Im sich sofort vertraut anfühlenden Opener It All Fell in the River beschäftigt sich Winter dagegen mit der Vergänglichkeit. „It all fell in the river/ And very easily passed/ And what didn’t fall in the river/ I abandoned on the grass„. Das eigene Vermächtnis bereits jetzt im Sinn habend – aufgrund der medialen Begutachtung wohl haben müssend -, ist Live at Carnegie Hall schon da sicherlich ein vom Internet-Feuilleton allzu überhöht hochgejazzte Momemtaufnahme. Ikonisch höchstens als Zeichen der Zeit, wiewohl am Ende für das Phänomen Winter doch eine Art erfüllender, auslaugender, wunderbar universeller Erlösung steht: „It all fell in the river and the tears fell at last/ The tears fell at last„.


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