Guided By Voices – Class Clown Spots A UFO

von am 20. Juni 2012 in Album

Guided By Voices – Class Clown Spots A UFO

Wenn zwischen Album fünfzehn und sechzehn siebeneinhalb Jahre, und zum folgenden siebzehnten gerade einmal sechs Monate liegen, kann man schon mal die Übersicht verlieren. Dabei ist ‚Class Clown Spotted A UFO‚ doch noch viel eher aus genau dem Material, aus dem Guided by Voices-Legenden geschnitzt sind.

Also eben wieder Same Same But Different, wenn man so will. Die schludrig inszenierten Melodien sind da, die nähe an der Altmetalltonne vorbeischrammelnden Gitarren, das Händchen für brilliante Momente und wie man sie so unscheinbar als möglich in Szene setzt. Alles zwischen den Beatles und The Who im Schnelldurchlauf und gekrönt durch diese typische GBV-Unbekümmertheit. Immer wieder, weil auch ‚Class Clown Spots A UFO‚ (was für ein Titel übrigens!) gewohnt rappelvoll bis oben hin mit Songs gepackt daherkommt. Da kann man ebenso lang wie die einundzwanzig (21!) Stück zählende Songliste letztendlich ist, drum herum lamentieren, dass sich nach ‚Let’s Go Eat the Factory‚ wieder zeigt, dass das wiedervereinigte klassische Line Up das beste war, nochmal geworden ist und hoffentlich wohl auch bleiben wird, weil Tobin Sprout, Fennell, Mitchell und Demos offenbar genau dort eingreifen, wo das unzähmbare Genie von Robin Pollard allzusehr dem eigentlich gar nicht herrschende vorherrschenden Zeitdruck hinterherhechelt. Weil eben: das so oft zitierte Gefühl, dass da mit mehr Zeit auch qualitativ noch mehr möglich wäre bleibt gleichermaßen, wie die Gewissheit, dass die da so unbekümmert aus dem Ärmel geschüttelten Songs gerade durch ihre teilweise schier planlos wirkende Ungezwungenheit getragen werden.

Auch an anderer Stelle zwingen Guided by Voices praktisch zum Zitieren aus Eindrücken von älteren Platten, weil das Schreiben über diese Band nach nur einer Platte schon wieder schwerer fällt, als den Amerikanern, neue Songs zu schreiben – aber: neu erfinden braucht sich nicht, der per se nach der Definition eines Genres klingen muss, weil man es miterfunden hat. Also darf sich der so lang nach neuem Material dürstende Fan an neuen Vorzeigesongs laben, dessen Ingredienzien eben bekannt sind, der Geschmack vertraut und die Genugtuung doch bei jedem Bissen frohlocken lässt: Der fröhliche Pop im Titelsong und ‚They and Them‚, das Metalriff von ‚Hang Up and Try Again‚, der leichte Synthie-Pomp in ‚Forever Until it Breaks‚, der gutgelaunte Uptemporock in ‚Billy Wire‚, ‚Lost in Spaces‘, diese Klavierballade in Schieflage oder der Bluesanriss ‚Chain to the Moon‚. Die Highlights verteilen sich großzügig über eine durchgehend die Spannung haltende Platte ohne Kontinuität. Springt der Nummerzähler am Display weiter, befinden sich Guided By Voices nicht selten auch gleich im übernächsten Eck ihres weit ausgemessenen Territoriums – Folk, Rock, Singer-Songwriteranleihen und so weiter, alles vorhanden. Da prallen kurze Eindrücke genialer Momente mit beinahe zu Ende gedachten Songs zusammen, das dabei herauskommende grundsympathische Flickwerk werden nicht wenige wohl zu Recht sogar noch einen Tacken besser finden, als das bereits wieder restlos überzeugende ‚Let’s Go Eat the Factory‚. Man darf tatsächlich von einer zweiten Hochphase wie jener in den 90ern träumen, auf dem besten Weg dorthin sind die Fünf jedenfalls.

Guided by Voices bleiben damit eine jener wenigen Ausnahmebands, die wohl auf ewig das weitermachen dürfen, was sie eben auch am besten können: Lo-Fi Jünger mit kleinen und großen Hitskizzen verzücken, ohne dass diese stante pede nach Veränderung schreien werden. Weil eben selbst ziellose Songs wie das psychedelisch taumelnde ‚Worm With 7 Broken Hearts‚ oder das nicht einmal eine Minute durchhaltende ‚Fighter Pilot‚ nicht nur mit viel Gegenliebe immer noch eine ganze Etage über den meisten vergleichbaren Bands schweben und schlichtweg eine zeitlose Slackereleganz ausstrahlen. Dass man dem nicht mehr so fanatisch entgegenfiebert wie in vergangenen Zeiten ist ebenso keine Qualitätsfrage wie die Erkenntnis eine tatsächlich Augen-öffnende ist, dass selbst ein im Vergleich zum Vorgänger ungemein ästhetisches Albumcover immer noch ein potthässliches sein kann. Eben alles beim Alten hier, und damit alles in bester Ordnung. Deswegen wird man auch Ende des Jahres, wenn ‚Bears for Lunch‚, alias Album Nummer Drei 2012, kommen soll, eventuell erst überrascht sein, dass da schon wieder, nun ja, Neues da ist – nur um sich im Endeffekt doch darüber zu freuen. Und vermutlich wieder nach Worten ringen müssen, um das hahnebüchen vom bisherigen Schaffen auseinanderzureden.

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