Guy Garvey – Counting the Squall

von am 1. November 2015 in Album

Guy Garvey – Counting the Squall

Beurteilte man das erste Soloalbum Guy Garveys nach dem, was es sein soll – eine stilistisch befreiende Rundumschau in all die Möglichkeiten, die im Kontext seiner zum Megaseller aufgestiegenen Band Elbow nicht (mehr) möglich gewesenen wären – müsste  man ‚Counting the Squall‚ zumindest auf den Erstkontakt hin über weite Strecken gewissermaßen als gescheitertes Experiment ansehen.

Beurteilt man es jedoch danach, was die versammelten 46 Minuten tatsächlich geworden sind, darf man durchaus von einem Glücksfall für alle Freunde des melancholischen, eleganten, majestätischen Breitwand-Pop von Garveys Stammband sprechen – vor allem für all jene, die die Frühphase der Band über die hymnische Wucht seit dem kommerziellen Durchbruch stellen.
Sicherlich mag ‚Counting the Squall‚ nun zwar vereinzelt durchaus immer wieder aus dem weniger verrückbar gewordenen Erwartungshaltungs-Korsett von Garveys Hauptband ausbrechen. Aber für jede Exkursion wie das vorauseilende (in seiner eklatanten Andersartigkeit durchaus als falsche Fährte fungierende) ‚Angela’s Eyes‚, das sich auf dem anvisierten perkussiven Tom Waits-Whiskeycharme bettet, ausgelassener und übermütiger agiert, als es die Gruppendynamik von Elbow wohl erlauben würde, gibt es reichlich viel Vertrautheit, wie den schüchtern stampfenden Seelenstreichler ‚Unwind‚ mit seinem morgentauverliebten Piano flirtende, das minimalistische ‚Three Bells‚ oder die soulige Bläserumarmung ‚Broken Bottles And Chandeliers‚, die so ohne Reibungspunkte durchaus auf ‚The Take Off and Landing of Everything‚ oder ‚Built a Rocket Boys!‚ ihre lauschigen Plätzchen finden hätten können.
Um sich auf Distanz wirklich von den Assoziationen zu seinem Brotjob lösen zu können, dafür ist Garveys Stimme einerseits natürlich zu markant, die DNA seines Songwritings andererseits auch zu klar definiert und unmittelbar erkennbar – und allzu gravierende Experimentierlust vermengt sich auf ‚Counting the Squall‚  augenscheinlich kaum mit ihr.

Überraschungen finden so zumeist eher nebenbei statt: Die verträumt perlende Harfe im Titeltrack streicht über abgründige Tiefen, in ‚Harder Edges‚ bedient sich das losgelöst agierende, beinahe funkige Schlagzeug eines festeren Sounds als bei Elbow, bis die Bläser sich doch erstaunlich verspielt aus der Textur lösen dürfen. ‚Belly Of The Whale‚ groovt mit Sessionfeeling und auch ‚Yesterday‚ führt vor, dass man vor allem klangtechnisch den veränderten Bandkontext wahrnimmt, das Arbeiten mit einer anderen Grundstimmung, einer weniger wattierten Färbung. Nicht was Garvey’s Kumpels Pete Jobson (I Am Kloot), Nathan Sudders (The Whip), Ben Christophers und Alex Reeves hier spielen macht also den dezent schimmernden Unterschied, sondern wie sie es tun.
Juggernaut‚ wiederum klingt von der ersten Sekunde an vertraut, nimmt sich andererseits die Freiheit hinten raus immer gedankenverlorener auszufransen, ohne auch nur einen Gedanken an einen griffigen Stadioncatcher verschwenden zu müssen. Über allem steht dann ‚Electricity‚, ein zutiefst romantisches, aus der Zeit streichendes Juwel mit Gastsängerin Jolie Holland, dass den jazzigen Vibe der nicht immer nahtlos verwobenen Platte destilliert und in eine verrauchte Kellerbar zerrt. Und dennoch: Selbst diese 4 Minuten wären im Elbow-Universum nach ‚Asleep in the Back‚ schwer vorstellbar, aber keinesfalls undenkbar gewesen.
Allerdings triumphiert der Erstling des 41 Jährigen Engländers – irgendwo paradoxerweise – gleichwohl ohnedies auch gerade aus dieser unverrückbar scheinenden Verortung heraus: Dass sich die Platte stilistisch eben sehr wohl immer in greifbarer Nähe zum derzeit ruhenden Mutterschiff befindet und diesem qualitativ zumindest weitestgehend auf Augenhöhe begegnet (weil hier in direkter Relation dann doch das Quäntchen zum genialen Moment fehlt), dabei jedoch endlich wieder diese unschuldige Unangestrengtheit und zarte Leichtigkeit transportiert, die Elbow selbst seit ‚The Seldom Seen Kid‚ ein wenig abhanden gekommen ist, ist die vielleicht schönste Errungenschaft von ‚Counting the Squall‚ zwischen den Zeilen.

Ganz so, wie es die Rückschlüsse aus die Interims-‚Lost Worker Bee‚-EP unlängst prophezeiten, ist ‚Counting the Squall‚ dadurch eine Platte geworden, die es genießt, ohne den Druck heranzuwachsen, unter dem ein Elbow-Album mittlerweile entstehen muss. Dass ohne den zur Marke gewordenen Namen seiner Band keine unsterblichen Ausnahmesongs, Hymnen oder Hits von der Tragweite eines ‚One Day Like This‚ entstehen mussten, ist insofern langfristig ein Vorteil für Garvey: es schärft feingliedrig die Konturen für unaufdringlich heranreifende, geradezu unscheinbar schwebende, wundervolle Kompositionen – allesamt mehr oder minder stille, genügsame Grower, die sich am Tresen gemütlicher machen, als in der Arena.
Auch ohne spektakuläre Risiken abseits seiner angestammten Wohlfühlzone verrücken sich die Perspektiven so nach und nach durchaus doch noch – minimal zwar, aber merklich. Anstelle eines klar provozierten, erkennbaren Abnabelungsprozesses erschafft die unterschwellige Nuancierung in der Herangehensweise eine durchaus charakteristische Stimmung für ‚Counting the Squall‚, dessen wohlige Intimität einen Gutteil seiner klugen, zurückhaltenden Erhabenheit natürlich auch aus den wie immer so fantastischen, rauh-romantischen Texten Garveys ziehen. Dass der trinkfeste Ausnahmesänger hier mit einigen Freunden völlig zwanglos der Muße frönt hört und spürt man, es verleiht den phasenweise nach Gewohnheit schmecken müssenden, niemals selbstverliebten Songs einen erfrischend lockeren Grundgeschmack, der ‚Counting the Squall‚ letztendlich wie ein wirkungsvolles, den Geist freimachendes Durchlüften des Elbow-Haushaltes wirken lässt, ohne dessen Fenster wirklich weit aufreißen, geschweige denn Garvey allzu weit hinaus lehnen lassen zu müssen.

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