Helmet – Dead to the World

von am 1. November 2016 in Album

Helmet – Dead to the World

Sechs Jahre nach dem unausgegorenen Offenbarungseid Seeing Eye Dog gelingt Page Hamilton nicht nur deswegen ein zufriedenstellenderes Album , weil er sich diesmal verhneifen kann, einen Beatles-Song zu vergewaltigen: Dead to the World ist wie schon das Gros der vorherigen Helmet-Alben aus der zweiten Bandphase ein durchaus solide die eigene Discografie auffüllendes Stakkato-Metal-Machwerk.

Die Veröffentlichungen von Helmet seit deren Reunion 2004 verreissen zu müssen, scheint ja gemeinhin zum guten Ton zu gehören und ist auch nach über einem neuerlichen Jahrzehnt Pause ein klein wenig wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Schon richtig zwar: Von Size Matters weg hat sich Page Hamiltons ehemalige Vorreiterband nur zu gerne redundant, inspirationslos und kaum relevant im Windschatten alter Meisterwerke abarbeitend präsentiert, die eher routiniertes Füllmaterial für die immer noch anstandslos abliefernden Live-Shows der einstigen Szene-Götter produziert.
Doch der Fainiss halber muss auch einmal explizit gesagt werden: Selbst Hamilton konsequent am eigenen Denkmal sägt, geht ein überwiegender Teil der Helmet 2.0-Discografie nicht nur wegen der sinkenden Erwartungshaltung durchaus in Ordnung; ist in jedem Fall besser als sein Ruf und versorgt das spröde Œuvre der New Yorker zuverlässig mit mal etwas besser, mal deutlich schlechter zündenden Kompositionen, denen die Authentizität niemals vollends abhanden gekommen ist.
Klänge es nicht zu zynisch, dürfte man durchaus attestieren, dass Helmet immer noch jede Helmet-Coverand mühelos in die Tasche stecken. Ungeachtet dessen hebt Dead to the World die Formkurve nach Seeing Eye Dog nun sogar wieder durchaus erfrischend ein klein wenig nach oben, versucht sich an neuen Ansätzen, rundet Sackgassen ab und liefert kleine Ohrwürmer wie etwa den in einen griffigen Refrain aufplatzenden Singlekandidaten Expect the World.

Primär liegt die Leistungssteigerung auch daran, dass Hamilton nur wenige wirklich unnötige Einfälle durch die Qualitätskontrolle gerasselt sind. Der Klammern setzende Schlusspunkt Life or Death (Slow) ist etwa nur ermüdend repetitiv und schlichtweg unnötig, Look Alive will episch sein – ist aber trotz einer kompakten Spielzeit von knapp 3 Minuten schlichtweg viel zu lang. Überhaupt schaltet das unkreative Schlussdrittel der Platte geradezu ärgerlich auf Autopilot, hofiert neben generischen Ausfällen wie Drunk in the Afternoon jedoch zumindest geile Soli wie jenes von der Malen-nach-Zahlen-Handarbeit Die Alone. I ♥ My Guru beherbert ebenfalls wunderbar austickende Gitarren, dennoch nervt der Song mit seinen deplatziert poppigen „Ohohos„, weil alle Elemente der Nummer wie in Schieflage zudem kein Ganzes ergeben wolle. Hamilton fühlt sich dennoch merklich wohl im Geschehen und mit seinem Gesang – er leitet viele der monotonen Songs nunmehr mit diesem an, anstatt dem Rhythmus und den stoischen Riffs zu folgen.
Und natürlich: Dass Hamilton auch auf Dead to the World wieder wie ein gelifteter Berufsjugendlicher klingt, der sich in die theatralischsten Seiten einer verstaubten 90er-Jahre Alternative Rock-Mottenkiste leiert, tut niemandem einen Gefallen. Selbst mit den sechs Jahren Pause zwischen Album Nummer Sieben und Nummer Acht scheint dem 56 Jährigen nicht aufgefallen zu sein, dass er mit dem dünnen Versuch einen melodiöseren Gesangszugang zu seinen Songs zu finden, zumeist auf nasale Art scheitert und die Kompositionen damit nicht nur einmal ihrer potentiellen Wucht beraubt. Der punkig-flott nach vorne ziehende Opener Life or Death etwa hätte mit einer standhafteren Härte in den Vocals wohl noch besser gezündet – alleine wegen des herrlich dissonanten Gitarrenhirnwütigkeiten darf man sich aber auch so in den rasanten Plattenstart stürzen.

Dazu gelingen Szenen wie das Beatles-Harmonien stumpf weichklopfende Bad News, Red Scare destilliert alles, was man an Helmet immer schon lieben konnte – wenn auch eben auf B Seiten-Niveau. Zur Mitte hin wird Hamilton dann übrigens doch noch überraschend: Der Titeltrack entfaltet sich als atmosphärisch dichter, erst walzender, dann seltsam luftig den Noise suchender Chain Gang-Groover, der so etwas wie abgründigen Schönklang zu suchen scheint und eine eigenwillige Anziehungskraft findet, die Helmet besser steht als jede Dienstleister-Komposition von der Stange.
Und Green Shirt stampft sich ala The Silver Hawaian hinaufschraubend gen Primus –  ist aber tatsächlich ein Elvis Costello Cover.
Ein so nettes wie symptomatisches Detail einer Platte, die es sicherlich beiden Seiten leicht macht: All jenen einerseits, die Helmet weiterhin die Stange halten und neuen Veröffentlichungen nicht nur mit reinem Zweckoptimismus begegnen, sondern insgeheim durchaus wissen, was man trotz aller Qualitätseinbußen immer noch an dieser Band hat; Und all jenen andererseits, die Helmet längst als kohlebringenden Katastrophen-Nostalgietrip ohne Substanz angestempelt haben. Dead to the World platziert sich letztendlich zwischen diesen Extremen, während man sich nach 38 Minuten insgeheim dabei ertappt, dass man mehr als alles andere ein neues Lebenszeichen von Unsane doch eine sehr feine Sache wäre.

05

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