Horrendous – Idol

von am 1. Oktober 2018 in Album

Horrendous – Idol

Wenn Anareta der halbe Schritt zurück zum traditionelleren Death Metal war, will Idol nun gänzlich aus der Reihe tanzen: Man hört, dass Horrendous mit ihrem neuen Bassisten derzeit einen Narren an Bands wie King Crimson gefressen haben.

Dass der Band aus Philadelphia gängige Genre-Rahmen nach ziemlich puristischen Anfangstagen grundlegend zu klein geworden waren, war ja spätesten seit dem überragenden Ecdysis (2014) überdeutlich. Weswegen das starke Anareta vor drei Jahren dann auch eine minimale Enttäuschung im gescheiterten Versuch war, die gewonnenen Freiheiten an die Härte und Brutalität der Frühphase zu koppeln.
An derart diplomatische Spagate scheint Idol nun praktisch keine Gedanken mehr zu verschwenden und kickt das Songwriting der Band gleich mit Anlauf über die Klippe der Konventionen.

Horrendous spielen auf ihrem vierten Studioalbum nur noch selten straighten Death, der nunmehr viel eher die Grundlage für unorthodox komponierte und komplex arrangierte Ausflüge in den Technical Death Metal und Prog geworden ist. Idol ist ein Wirbelsturm aus exzellent fiesen Riffs und nur wenig generischer Sicherheit, vielen Twists und einem Fleischwolf aus nonkonformistischen Ideen, ohne dadurch permanent verkopft zu werden. Die Performance eskaliert wohlüberlegt, variiert das Songwriting und die Gesangsperformance, transportiert aber dabei eine selbstbewusste Abgeklärtheit in der rohen Energie im tollen – weil gleichzeitig ungeschönt aufgeräumten, aber nicht klinischen – Sound.
Noch besser: So überbordernd das Geschehen und die immense Reichweite dabei auch phasenweise wirkt, kommen Horrendous über verdichtete 39 Minuten praktisch permanent ohne ein Gramm unnötiges Fett auf den Punkt, halten die Spannung und Dynamik ausfallfrei hoch und nehmen in diesem fordernden Martyrium durchaus bewusst in Kauf, dass die Anzahl an restlos erinnerungswürdigen Szenen und der emotionalen Katharsis im eigenen Schaffen bereits höher war, mehr hängen blieb.

Wenn das Intro Prescience seinen pummeligen Pseudo-Fretless Bass von Neuzugang Alex Kulick aus dem ambienten Klanggerüst motiviert ins Rampenlicht treten lässt, dann installiert dessen prägnantes Spiel bereits schnell einen der charakteristischen Eckpunkte von Idol – und referenziert in dieser Soundästhetik sogar bis hin zu den nachdenklichen Momenten von Metallica. Eine Assoziation, die auch The Idolater in seiner ruhenden Kontemplation weckt, imaginativ eine ungemütliches Thrash-Balladen in der Schnittmenge mit dem Postmetal von Neurosis anzubieten scheint – dann aber wie von Sinnen bollert, sich aggressiv ausgelegt permanent aus der eigenen Komfortzone drangsaliert, sich festbeißt und öffnet trotzdem immer wieder den Raum für hymnisch skizzierte Melodieahnungen andeutet, bevor das Luft holende Interlude Threnody noch einmal mit melancholischer Nostalgie Richtung Orion und Co. gedenkt: Es ist auch diese ständige Balance und Unberechenbarkeit, die Idol füttert und antreibt, das eklektische Amalgam zu einem eigenwilligen Ganzen formt

Soothsayer flirtet mit avantgardistischen Tendenzen, ist aber vor allem episch und ausladend, brüllt geifernd, heißer und garstig in den gezirkelten Wellengang aus vertrackten Rhythmen und randalierenden Gitarrenfiguren, die sich bis zu einem hyperventilierenden Solo im Tumult anstacheln, sich im Kreis drehen und kurbeln. In Golgothan Tongues duellieren sich Damian Herring und Matt Knox mit true heulender Hymnik an den Saiten, strahlen immer wieder aus dem gehetzten Korpus, dessen makellose Rhathmussektion hier zweckdienlich virtuos unterstützt – kompliziert zirkelt, aber vor allem auch Spaß macht.
Divine Anhedonia lauert, nimmt sich lange Zeit, bis Horrendous tackernd den Oldschool finden und das Biest in launig rezitierenden Hypnose-Trance versetzen: Die vielseitigen Vocals nehmen sich eben durchaus immer wieder den Mut heraus, auch dezidiert zu polarisieren. Das vergleichsweise straight agierende Devotion (Blood for Ink) taucht sein thrashiges Ringelspiel zur Mitte hin nicht nur tollwütig an, sondern zieht sich auch irgendwann atmosphärisch zurück und lässt die Nummern hinter kompakten Klargesang brillieren. Über allem steht jedoch womöglich das abschließende Obolus, das seinen theatralischen Goth-Background hinter sich bringt, zielstrebig rockend Riffkaskaden Deluxe auspackt und wild zuckend-gallopierend expandiert, bis Idol hinten raus sogar am verfluchen Black Metal heult.
Oft definiert dabei zwar der permanent getriebene Drang zur Evolution das ruhelose Wesen der ganzheitlichen Platte deutlicher, als explizit ikonisch in dieser Grenzerweiterung niedergelassene, erschöpfend fokussierte Szenen. Doch hält Idol dem Hype gerade durch dieses Nicht-Ankommen stand, will man die Band immer wieder an neue Limits getrieben sehen. Damit toppen Horrendous zwar nicht ihre eigene Diskografie – Ecdysis bleibt unerreicht -, könnten nach dem traditionsbewusste Death-Highlightjahr 2017 aber doch auch ein bisschen dazu beitragen, das Tor in die Zukunft des Genres aufzubrechen.

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