How to Destroy Angels – Welcome Oblivion

von am 5. März 2013 in Album

How to Destroy Angels – Welcome Oblivion

Wenn die beiden EP-Vorboten ‚How to Destroy Angels‚ (2010) und ‚An Omen‚ (2012) etwas verdeutlichten, dann dass es mittlerweile nahezu vollkommen egal ist, unter welchem Namen und welcher Konstellation Trent Reznor Musik veröffentlicht – am Ende bleibt es formvollendete Trent Reznor-Musik.

Für How to Destroy Angels war dies vom ersten Ton an gleichermaßen ausgelegter Segen wie weitaus deutlicher noch prägender Fluch. Das Quartett stand schnell und ausnahmslos für die typischen High-End-Sounds, die sich Reznor mit Sidekick Atticus Ross für eine postapokalytische Digitalwelt seit spätestens 2008 patentieren lassen kann: schiebende Synthies, tiefschürfende Sub-Bässe und verstörende Sequencer-Loops, dröhnende Soundfäden über entrückt arbeitenden Beats und verknoteten Stop-and-Go-Rhythmen; dazu organische Instrumente, die nur noch aus 1en und 0ern bestehen zu scheinen und sich unendlich detailreich arrangiert in die zahlreichen Effektschichten betten, die beinahe zwangsläufig nur mit Kopfhörern adäquat erforscht werden können. Als Alleinstellungsmerkmal der Band im Reznor-Universum sollte dabei einzig die elegant-distanziert in der Musik schwimmende Stimme von Gattin Mariqueen Maandig herhalten – allein: wirklich emanzipieren konnte und wollte sich dieses Update mit Gimmick nie wirklich aus dem langen Schatten des Nine Inch Nails-Mutterschiffs.

An all dem ändert sich auch mit dem ersten Studioalbum nichts gravierendes. Die Aggressivität von Reznors Aushängeband, sie tritt bei How to Destroy Angels dezenter auf, in Form einer ständig unterschwellig pulsierenden Verstörung. Eine schaurige Schönheit darf in der unentwegt über den Dingen rotierenden Bedrohung existieren, anmutige Ambient-Exkursionen müssen beinahe zwangsläufig ins hämmernde Inferno der gedrehten Knöpfe und Tasten führen. Gefühle wollen hier auf rein logischer Basis provoziert werden, im fehlerfreien Schaffen der Versiertheit mit den Trademarkkniffen: ‚Welcome Oblivion‚ ist eine Platte geworden, die man vor allem staunend und befriedigend konsumieren kann, selten aber eine, die tatsächlich Emotionen wecken will. Als annehmbare Ersatzdroge sollte ‚Welcome Oblivion‚ von Haus aus trotzdem – oder gerade deswegen? – zumindest all jenen dienen, die im Kalender die Tage seit ‚The Slip‚ mitzählen.

Paradox wird ‚Welcome Oblivion‚ letztendlich ausgerechnet bei den Versuchen, sich aus den grundsätzlich bedienten, allzu mutlos abgeschrittenen Sound-Territorien zu entfernen: ‚Too Late, All Gone‚ versucht sich aus altbekannten Rastern mit einem geradezu poppigen Dualgesang-Refrain zu lehnen und setzt damit willkommene Akzente in der allzu gleichförmig dümpelnden Kompositionsmonotonie. Warum das nervende ‚How Long?‚ mit ähnlichen Mitteln gleich danach trotz Konsenstauglichkeit aber nur missfallend an der Formatradioanbiederung vorbeischrammt, bleibt ebenso ungeklärt, wie die Frage, was sich How to Destroy Angels einer Laufzeit von über 65 Minuten (die Vinylvariante gönnt sich dazu außerdem noch zwei weitere Songs) gedacht haben. Ein nahtlos fesselnder Spannungsbogen will dem zumindest über halbe Distanz doch bestechend unterhaltendem ‚Welcome Oblivion‚ über seine volle Distanz jedenfalls nicht gelingen, auch, weil ein atmosphärisches Stimmungsmeer der Band offenbar interessanter erscheint.

Ob es in dieser Hinsicht eine kluge Entscheidung war, zwei Drittel der ‚An Omen‚ EP in den Albumfluss zu integrieren – was allerdings absolut homogen und stimmig gelingt – ist ein irritierendes Mysterium, dass sich mit jedem Hördurchgang aufs neue entscheidet. Herausragend bleibt vor allem ‚Ice Age‚ neben anderen Highlights wie ‚Strings and Attractors‚ oder ‚And the Sky Began to Scream‚ in jedem Fall – und sei es nur, weil der Song einige der wenigen Momente in der bisherigen Geschichte von How to Destroy Angels belegt, in denen Mariqueen Maandig mehr ist, als nur schmückendes Beiwerk auf der dunklen Reznor/Ross-Spielwiese.

Auf eben dieser bewegt sich das Quartett in Summe geradezu traumwandlerisch – und ergebnisorientiert. Exemplarisch für die Crux am Grower ‚Welcome Oblivion‚ darf das abschließende ‚Hallowed Ground‚ herhalten: hier verdichten sich über sieben Minuten alle Zutaten von How to Destroy Angels in einer hypnotischen Soundstrecke, die abgesehen vom  47 jährige Amerikaner Reznor derartig wohl niemand erschaffen könnte. Seltsam ziellos und unbefriedigend bleibt die einnehmende Klang-Odyssee in all ihrer gewolltermaßen zu Tode konstruierten Leidenschaftslosigkeit dabei trotzdem.
Würde ‚Welcome Oblivion‚ die fesselnde Stringenz der ersten Albumhälfte zu jedem weiteren Zeitpunkt abrufen können, wäre das Debütalbum der Band dennoch das beste Non-Soundtrack-Werk aus dem Hause des Multitalents. So aber bleiben How to Destroy Angels auch nach ihrem ersten Album eine durchwegs feine Fußnote in der Discographie Reznor’s – gleichzeitig aber auch eine enttäuschende Ablenkung von den Ansprüchen, denen sich der Oscarpreisträger mittlerweile stellen muß.

07

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