Jeremy Renner – The Medicine

von am 29. März 2020 in EP

Jeremy Renner – The Medicine

Hollywood-Schauspieler Jeremy Renner verspricht zu Zeiten der Corona-Pandemie The Medicine verschreiben zu können – macht die aktuelle Lage der (popkulturellen) Welt mit seinem austauschbaren Stangenware-Rock aber nicht unbedingt besser.

Dass der 49 Jährige während dunkel bleibender Lichtspielhäuser daran arbeitet sein zweites – in gewisser Weise sogar ja drittes -Standbein auf den Boden zu bringen, kommt nicht ganz unerwartet. Neben Hawkeyes Rachefeldzug wurde zumindest in hiesigen Breitengraden aber leider ja übersehen, dass Jeremy Renner im vergangenen Jahr nicht nur eine Reihe wahlweiser absurder bis hochnotpeinlicher Reihe an Auto-Commercials hatte, sondern mit Heaven Don’t Have a Name, Nomad, Sign und Main Attraction auch vier Singles zum Fremdschämen präsentierte, die sich als Rohrkrepierer erwiesen, wenn es darum ging, die Schattenplätze in den Untiefen neben Imagine Dragons anbiedernd zu besetzen.

Auf die Debüt-EP The Medicine hat es von besagten Songs nur Main Attraction geschafft – übrigens immer noch ein unangenehm „moderner“ Chaingang-Synthpop-Stomper mit Stadionchören, der in seiner Feierlaune alles falsch verstanden hat, was man am Bluesrock selbst nach den Black Keys missinterpretieren konnte. Neben seiner nicht vorhandenen Qualitäten zeigt sich das Stück im neuen Kontext von The Medicine zudem komplett deplatziert, wenn man den Anspruch eines übergreifenden Spannungsbogens an das Kurzformat stellt.
Dass die restlichen drei bekannten Songs aus dem Gefüge der EP selektiert wurden, bedeutet nun allerdings nicht automatisch, dass das Niveau bedeutend steigen würde: Renner bleibt über die versammelten 27 Minuten auch mit dem neuen Material der charakterlos am Reißbrett kalkulierten Austauschbarkeit treu, bedient zahlreiche Klischees vor einer plakativ-identitätsfreien Produktion im formelhaften Baukasten. Wo das Songwriting also zumeist purer Schrott ist, verschärft Renner die Situation auch abermals, indem er weiterhin niemals authentisch auftritt, sondern stets wie ein Schauspieler anmutet, der eben die Rolle eines kantenlosen Musikers spielt, dessen Songs die Ästhetik des biederen Mainstreams bedienen sollen, aber dabei ohne emotionales Gewicht nicht einmal die Substanz aufbringen können, um sich als Füllmaterial im Formatradio durchzuschummeln.

Dabei ist der Einstieg sogar überraschend gelungen, da der Titelsong zurückgenommen agiert, abgedämpft stampfend, ein bisschen Acoustic Folk in den „Uhuhuu“-Arrangements bietet sowie eine nicht unangenehmen Unaufgeregtheit kultiviert. Dazu singt Renner plakative Zeilen wie „The silence is so loud“ und zieht den Song ohne Entwicklung gefällig dahin – seine mit Autotune und sonstigen Effekten im Studio bearbeitete Stimme darf hier sogar ein bisschen rau und kernig in der Hochglanz-Umgebung klingen.
Danach unterbieten sich die folgenden Stücke aber gegenseitig an geschmacklos designter Inhaltsleere, wenn Renner die Gangart nachjustiert, sich als rastlos getriebener Highway-Troubadour im Geiste eines Plastik-Springsteen inszeniert, der sehnsüchtig dem Sonnenuntergang entgegenreist und bei seinen Stopps gute Laune in unterschiedlichen Facetten verbreitet. Never Sorry ist so lange egaler 0815-Wave Rock mit Pseudo-80er-Survivor-Disco-Paraphrasen samt düsterer Note, bis die Nummer in eine altbacken dem Zeitgeist hinterherhinkende Dubstep-Light-Dance-Party kippt, dann denn eindimensional galoppierenden Pop von der Leine lässt, der mit seiner permanenten Repetition des Chorus noch mehr nervt, als die dilettantische Produktion.

Every Woman imitieret einen Unfall zwischen funky Flamenco-Geschrammel und flockig tanzbarem Country samt souliger Orgel. Die Broadway-Revue-Arrangements dazu sind nur heiße Luft in einem komplett ohne Leidenschaft auskommenden Stück, das auch nicht und nicht mehr aufhören will. Das endlich doch hinauskickende Solo ist allerdings nicht Extase, sondern bemitleidenswert.
Best Part of Me scheitert am Versuch eine sentimentale, intime Ballade zu sein mit viel Kitsch und desaströsen Text-Schablonen, bevor Ghost and Roses in einer verträumten, schwerelosen Stimmung langweilt. Spannend ist da nur, ob die Kindergarten-Reime oder die Streicher aus der Dose der Gnadenschuss für das atmosphärische Sedativum sind. December Days bleibt danach ebenfalls höchstens ästhetisch in Erinnerung – als in orchestraler Umgebung badende Ballade am Klavier, zu der Renner übertrieben phrasierend irritierend quietschend intoniert und damit eine schmalzige Bagatelle für seelenlose Romantik-Baustellen anbietet.
Mochten die musikalischen Ambitionen von Renner 2019 in kleinen Dosen angesichts ihrer humorlosen Hilflosigkeit auch noch abstruß zu belächelnde Schnapsideen gewesen sein, entbehren sie nunmehr in ihrer gebündelten Form mit ernster Konsequenz endgültig jeder Verdaulichkeit, machen nicht einmal mehr aus Gehässigkeit auf einer Metaebene Spaß. Bedenkt man daneben auch, dass eigentlich verdammt viele seiner Avengers-Kollegen sich in der Vergangenheit durchaus auf musikalischen Wegen trittsicher beweisen konnten (und Renner von diesem Totalausfall abraten hätten können), erscheint die mühelose Veröffentlichung des auf einem an sich schon so banal und billig gewählten Territorium scheiternden The Medicine nicht nur noch unnötiger, sondern gar ärgerlich.

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