John Maus – A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material

von am 30. Juli 2012 in Compilation

John Maus – A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material

John Maus versammelt fünfzehn Raritäten, aufgenommen zwischen 2003 und 2010, die älteste kramt er sogar aus der Schublade von 1999. Wüsste man dies nicht, könnte man die daraus entstandene, zutiefst anachronistische Dreiviertelstunde nur zu bereitwillig wieder in die tiefsten 1980er stellen.

Freilich nicht in das Jahrzehnt, dass tatsächlich stattgefunden hat, sondern eine depressiv pumpenden Parallelwelt, in der Ian Curtis durch die Unendliche Geschichte geflogen wurde und dort seine niederschmetternden Erkenntnisse der Marke ‚My Hatred is Magnificent‚ oder ‚I Don’t Eat Human Beings‚ kundgetan hat: „Motherfuck, the Fear is Back!„. Im hier und jetzt erscheint es dafür umso erstaunlicher, wie sehr John Maus-Musik immer schon aus einem Guss entstanden ist, einer stringenten Idee gefolgt ist – ausschließ jener, unverwechselbare John Maus-Musik abzubilden. Da kriecht die Verzweiflung jenseits der Schwermut anhand einer tiefdrönenden Baritonstimme durch unendliche Schichten aus Hall und Rauch, findet ihr Zuhause in billig klingenden Synthiekompositionen, die eben so sehr nach 80er Revival klingen, wie sonst aktuell höchstens Spezi Ariel Pink noch tut und Panda Bear Noah Lennox niemals so direkt formulieren kann. Die Drums hüpfen dumpf zwischen den Keyboardschwaden, die in ‚Castles in the Grave‚ schon einmal nervenstrapazierend Dudelsäcke ins Blickfeld bringen können, kombiniert Goth-affines Flair mit den Erkenntnisen von Bauhaus, Lo-Fi und Cabaret Voltaire.

Hinter dem absurd-kitschigen Klangerlebnis schlummert aber immer weniger Avantgarde-Experiment, als man zunächst meinen möchte, sondern viel eher: astreiner Pop, niemals glasklar, aber gerade auch deswegen so gut, weil hier nichts aufgesetzt persifliert wird, sondern der Mann das alles tatsächlich Ernst meint. Seit 1991 (also seit seinem zwölften Lebensjahr)  im semi-professionellen Untergrund, seit der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts am Beginn des 21. Jahrhunderts auch im entsprechenden Rahmen der öffentlichen Aufmerksamkeit, als Kritiker- und Fanliebling. ‚A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material‚ zeigt nun in sechzehn wild zusammengewürfelten Schritten den Weg, der  über seine beiden ersten Alben ‚Songs‚ (2006) und ‚Love is Real‚ (2007) zum letztjährigen Geniestreich ‚We Must Become the Pitiless Censors of Ourselves geführt hat in durchgängig begeisterndem Maße – auch wenn das wenigste hier tatsächlich rar gesätes Material sammelt: ein Gros der Songs hat der Keyboarder und Philosophie-Professor online bereits verschenkt, den Rest findet man nahezu ausnahmslos auf sonstigen Compilations.

Wer hingegen nicht lange suchen will, dem erspart ‚A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material‚ Zeit, Geld und Nerven. Denn dass man die sechzehn Stücke nicht nur als Sammler im Plattenschrank stehen haben sollte, müsste jedem klar sein, der jemals Zugung zum Soundkosmos des John Maus gefunden hat. Sicher geht der Songsammlung der prägnante Spannungsbogen eines richtigen Albums ab, als grellbunte Dunkelgrabbelkiste funktioniert ‚A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material‚ jedoch nahtlos und stimmig. Zumal einige Songs hier neben gehobener Standartware ohne Ausfallquote doch auch zum besten gehören, was Maus je geschrieben hat: ‚No Title (Molly)‚ fährt unbefangen auf der Autobahn im zweiten Gang und hantiert dabei mit Sounds aus der Referenztüte der Nostalgie, ‚Lost‚ fühlt den gespenstischen Puls vor dissonanten Melodielinien und findet doch nur eine einsame Metalgitarre, ‚The Law‚ ist Trailerausblick auf einen astreinen Hit. Wie vieles hier anderswo die Charts stürmen würde, man frage nur ‚Castles in the Grave‚, das irritierend frohlockende ‚This is the Beat‚ oder vor allem das überragende ‚Bennington‚. ‚A Collection of Rarities and Previously Unreleased Material‚ funktioniert natürlich in erster Linie als Zusammenfassung der bisher wichtigsten Fußnoten in der Discographie von John Maus, aber eben auch als zwingender Anheizer für das bereits für nächstes Jahr angekündigte vierte Studioalbum.

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