Julia Holter – Have You in My Wilderness

von am 15. Oktober 2015 in Album

Julia Holter – Have You in My Wilderness

Have You in My Wilderness‚ sei nicht nur das erste ihrer Alben geworden, bei dem sie sich für die Texte ausschließlich an ihrem persönlichen Erfahrungsschatz bedient habe, sondern auch ihr bisher zugänglichstes, ließ Julia Holter im Vorfeld zu ihrem vierten Studiowerk ausrichten. Eine Ankündigung, der man angesichts der faszinierenden Andersartigkeit ihrer bisher erschienen Veröffentlichungen durchaus skeptisch gegenüberstehen durfte.

War doch gerade die formlose, strukturoffene und stets in sphärische Welten verschobene Gangart von Holter elementarer Teil der anziehenden, fesselnden Ausstrahlung ihrer eigenwilligen Soundlandschaften. Dass sich diese durchaus in eine entrückte Körperlichkeit übertragen lassen würden, deutete ja bereits ihr Domino-Einstand von 2013 vage an, heute zeigt sich: Tatsächlich steht die Ausrichtung hin zu intimeren, selbstreflexiveren Lyrics und einer deutlicher forcierten Eingängigkeit, ein offenerer Umgang mit der Emotionalität und struktureller Griffigkeit der 30 Jährigen Kalifornierin absolut ausgezeichnet.
Die bereits über die Vorgängeralben und eben vor allem ‚Loud City Songs‚ angedeutete Entwicklung hin zum barocken Artpop, er findet auf ‚Have You in My Wilderness‚ seine vorläufige Formvollendung, holt das Songwriting aber zusätzlich aus dem mitternächtlichen Zwielicht in den Morgen: Holter zelebriert ihre Songs mit der federleichten Sperrigkeit anachronistischer Prog-Inszenierungen (nicht verkopft, aber um die Ecke denkend genug, um sich erst nach und nach zu entwirren), vor allem aber mit einer relativen Eingängigkeit, die unmittelbar bei der Stange hält und bei jedem Durchgang weitere Facetten ihrer Klasse Preis gibt. ‚Have You in My Wilderness‚ entfaltet sich damit nach und nach tiefschürfender als verdammt schlau inszenierter, gedankenvoll geschlichteter und eben auch auf Gefühlsebene vordringender – man muß es angesichts eines gefühltermaßen so weit weg stattfindenden Debütalbums wie ‚Tragedy‚ einfach noch einmal erwähnen – wunderbarer Pop, der gar nicht mehr aus den Gehörgängen möchte.

Stilvoll und kunstbeflissen stolpert so bereits der umwerfend catchy aufgelöste Opener ‚Feel You‚ in einen selbstsicheren Refrain, der das Herz aufgehen lässt, ein Cembalo umgarnt die Melodie launisch, eine Violine streichelt sie später lieblich mit fernöstlicher Weisheit und schärft den Sinn für die Schönheit. Sich von ‚Have You in My Wilderness‚ verzaubern zu lassen, ist übrigens gleichbedeutend damit, über die würdevoll in allen Facetten schimmernden Streicherarrangements der Platte schwärmen zu müssen.
In ‚Silhouette‚ etwa schwänzelt Holter erst abwartend um den stacksenden Song, vertrackte Rhythmen haben es ihr angetan, dahinter wärmt sich ein Cello romantisch, zartschmelzend und baut irgendwwann mit einem orchestralen Kammermusik-Hang gar Cinemascope-Spannungen auf, während dahinter die Konturen verschwimmen. ‚How Long?‚ erhebt das ausschmückende Element dann vollends zum tragenden Bauteil, Holter strickt einen wehmütig flimmernden Klangraum, übersetzt praktisch ihre Frühphase in die aktuellen gegebenheiten. Der ‚Night Song‚ versucht mit seinen Streichern ebenfalls sphärisch die meditativen Formen zu becircen, auf die energische Klavierballade ‚Betsy On The Roof‚  wartet ein in die Totale aufschwänkendes Finale.

Spätestens wenn sich ‚Have You in My Wilderness‚ ab hier mit dem unwirklich entrückten Jazz von ‚Vasquez‚ oder dem sich selbst in Hypnose streichelnden Titelsong immer weiter in verwunschene Zwischenwelten verabschiedet, läuft Julia Holter zu vielleicht betörendsten Form der Platte auf, zerfließt ideal zwischen Ohrwurm und Unwirklichkeit, zwischen Umarmung und unhandlichem Auftreten ohne Silbertablett.
Das Ambient-Wesen von Holters ersten Alben ist in den vielseitig ausgerichteten Songs so zwar immer noch stets zu erkennen – die Frau bleibt als Meisterin der Atmosphärearbeit aber vor allem dann überragend, wenn sie ihre aus dem Halbschlaf herübergetragenen Melodien mitsamt dem reichhaltigen Instrumentarium auf verträumte, ätherische Felder baut, die sich an der Grenze zum beinahe konventionell auftretenden, flott dahinlaufenden ‚Everytime Boots‚ oder dem von Pfiffen und Trompeten begleiteten, lässig flanierenden ‚Sea Calls me Home‚ positionieren. In diesen Momenten strahlt ‚Have You in My Wilderness‚ förmlich, als Earcandy, der sich seine Eigenwilligkeit mit viel Charakter bewahrt hat und dem Pop als aus dem Kokon schlüpfender Schmetterling das vielleicht originärste, sich zu erarbeiten lohnende Geschenk 2015 bereitet hat.

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