Justin Timberlake – Man of the Woods

von am 12. Februar 2018 in Album

Justin Timberlake – Man of the Woods

Man of the Woods ist eine Geschichte der Missverständnisse. Am drastischsten natürlich jenem bezüglich der Mär, Justin Timberlake habe vier Jahre nach der unausgegorenen 20/20 Experience den Hybrid aus technoiden Elektro-R&B und einer archaischen Ursprungssuche im Blues, Soul und Country von Tennessee geboren.

Die Diskrepanz zwischen publicitytechnisch gesteuerter Erwartungshaltung (der Man of the Woods als Symbiose aus Einsiedler Justin Vernon im Entertainer-Smoking und Bubba Sparxxx im Holzfäller-Look als smarter Ladykiller ohne Redneck-Flair?) und letztendlich Ergebnispräsentation ist schließlich insofern ein wenig ernüchternd, als dass diese grundlegende Ambition hinter Timberlakes vierten Studioalbum nur bedingt umgesetzt wird. Die Fusion des Signature-FutureSex/LoveSounds mit den prolongierten Wurzeloffenlegung des immer wieder nach Veränderung strebenden 37 Jährigen findet auf Man of the Woods schließlich nur selten tatsächlich erkennbar statt.
Im Titelsong etwa imitiert Timberlake den genügsamen Anachronismus: Der Beat pluckert zu sparsamen Gitarreneinsatz so reduziert akzentuiert, als würde der Rhythmus ein Barbershop-Quatett ersetzen, während mehrstimmiger Gesang sich ausbreitet. Das sparsame Morning Light sucht mit Alicia Keys gefühlvoll wärmenden Soul zwischen Lagerfeuer und Steckdose, wohingegen das Duett Say Something (mit Chris Stapleton) die Perspektive erkennen lässt, die Timberlake auf Country hat. Der schunkelnde Refrain von Livin‘ Off the Land entscheidet sich vage gegen Techno und für Americana. Das gallige The Hard Stuff gönnt sich als Elektropop-Übung dagegen eine countryeske Slide-Gitarre, während Flannel alleine vom Titel und lyrischen Inhalt her zur übersteigerten Satire taugt: Die wiegende Appalachian-Ballade legt sich friedfertig in ihre wohlige Gefälligkeit, als würden sich Mumford & Sons im expliziten Schlafwagen-Understatement verlieren.

Abseits davon verkommt der Gedanke hinter Man of the Woods allerdings zum Lippenbekenntnis, dessen Spurenelemente man notfalls mit den Vorschlaghammer unter das Elektronenmikroskop geschoben bekommt: Der Midnight Summer Jam pflegt nach typischem Pharrell-Muster funky lickende Gitarren samt federleicht pumpenden Rhythmus und Handclaps, dazu eine ruhenden Hook, die auch Frank Ocean gefallen könnte. Plötzlich taucht eine Mundharmonika als unmotivierter, aber stimmiger Arrangement-Begleiter auf, bleibt aber Mittel zum designtechnischen Zweck.
Anderswo versucht Timberlake dagegen – wie auch beim enttäuschenden Super Bowl Aufritt – immer wieder in die Fußstapfen von Prince zu treten und scheitert dabei: Das klinische Filthy fusioniert dramatische opulenten Gitarre und minimalistisch pumpende Beats, hat aber zuviel Leerlauf und niemals den Sexappeal des 2016 verstorbenen Musikgenies. Auch das verspielt zum Dance Rock pumpende, betont unangestrengt und leichtfüßig seine flapsig dängelnde E-Gitarre ausspielende Sauce unterstreicht, dass das Vermächtnis von Prince dann entgegen Timberlakes Motivationen (und trotz seiner durchaus vorhandenen Stärken diesbezüglich) besser bei Janelle und Miguel aufgehoben sein dürfte.
Überhaupt hat Timberlake generell nicht ganz die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit und gerade dem Vorgängerdoppel The 20/20 Experience gezogen: Sein keineswegs unsympathisch-professioneller Buben-Charme kann nämlich durchaus ermüden, wenn sich Man of the Woods über ein Sammelsurium aus 16 (über Gebühr gedehnten) Songs satte, viel zu lange 76 Minuten streckt und dabei nicht nur einige überflüssige Spoken Word Passagen von Jessica Biel, sondern auch den einen oder anderen kompositionelle Füller streift – etwa das gar nicht unbedingt bemühte, aber vollends uninspirierte Supplies, in dem Timberlake sich am Trap-Zeitgeist bedienen, oder der vollends eindruckslos hinterlassende Closer Young Man, der hinter einer gewissen Sentimentalität keinerlei Relevanz entwickelt.

Noch so ein Missverständnis ist dann aber auch, dass Timberlake ohne Hits nichts wert wäre.
Denn 24 Monate nach der unterhaltsamen Killersingle Can‘t Stop The Feeling wirft Man of the Woods zwar praktisch keinen einzigen Airplay-Smasher für die Massen ab – ein Umstand, den man dem seinerzeit durchaus potent in das Michael Jackson-Erbe gestarteten Sängers durchaus ankreidet, obwohl die Platte an sich nach anfänglichen Enttäuschungen durchaus wächst.
Wie schon beim Vorgängeralbum kristallisiert sich aber eben auch die Erkenntnis heraus, dass routinierte Standards dank der grundlegenden Klasse und Star-Tragfähigkeit Timberlakes vor dem Hintergrund eines solide eingespielten Produzententeam (rund um Timbaland und Co.) die Qualität doch über die Konkurrenz hebt.
Higher Higher stammt aus dem Neptunes-Baukasten, angenehm entspannt und gar romantisch. Wave ist einer der Tracks, der als flotter Sommer-Soundtrack mit zurückgelehnten Yacht-Flair mit Flamenco-Gitarren die Erinnerungen an Seniorita aufwärmt, sich aber dabei doppelt so lange anfühlt, wie er tatsächlich ist. Montana zeigt zuverlässigen Pop für Orbitalstationen und Breeze Off the Pond führt den Roadtrip von sonnigen Küstenstraßen zu neonfärbig erleuchteten Nighclubs.
Symptomatisch, dass derartige Karrierebagatellen wenig gravierendes falsch machen, ohne die wirklich zwingenden Melodien und Hooks aber eben auch kaum nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Das alles macht Man of the Woods zwar eher auf Metaebene zu einem interessanten, aber nicht unbedingt guten Album, das nichtsdestotrotz besser als sein Ruf ist. Wohin der Weg von Timberlake hiernach führt, scheint in der aktuellen Ambivalenz ob des durchwachsenen Versuchs nicht nur kommerzielle, sondern auch kreative Erfüllung zu finden, jedoch unklar. Und nur bedingt spannend.

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