Linkin Park – One More Light

von am 1. Juni 2017 in Album

Linkin Park – One More Light

Man kann mit Kanonen auf Spatzen schießen und dem Wendehals One More Light sicherlich vieles vorwerfen – eine mangelnde Anpassungsfähigkeit der Massenmarkbediener Linkin Park gehört freilich kaum dazu. Den Paradigmenwechsel in den seichten Hochglanz-Pop vollzieht das kalifornische Sextett schließlich ohne jedes Schamgefühl oder Berührungsängste.

Ein gravierendes Problem hinsichtlich der Persönlichkeit von Linkin Park offenbarte ja bereits spätestens die Albumfolge von der zu unentschlossenen, relativ waghalsig experimentierenden Baustellen A Thousands Suns (nunmehr wie ein erster Gehversuch hierfür wirkend) über das vollkommen banale Living Things bis zum zu verkrampft nach hinten blickenden The Hunting Party.
Ausgerechnet mit One More Light treiben die einstigen Nu-Megaseller diese Identitätsfragen nun jedoch erst tatsächlich mit einer neuen Konsequenz auf die Spitze: Linkin Park biedern sich mit einem zutiefst austauschbaren Stangenware-Pop-Album dem Zeitgeist hinterherhinkend an, wie man sich das von Maroon 5, Twenty One Pilots, oder jeder sonst x-beliebigen Formatradioband kaum ansatzloser vorstellen könnte.
Einzig: Das steht der ambivalenten Kombo deutlich besser, als man sich insgeheim eigentlich eingestehen möchte.

Das mit großer Geste die große Geste suchende Ballade Battle Symphony hat mit seinen smarten Allerwelts-Beats, stromlinienförmigen Synthieflächen und bedeutungsschwer überhöht-cheesy näselnden Gesang die stilistische Gangart von One More Light ebenso adäquat vorgegeben wie der R&B-Schmalztegel Heavy (im Duett mit Kiiara), der die Vorzüge von The Xx irgendwo praktisch bissfertig für eine weitestgehend gesichtslose Masse aufbläst. Eine polarisierende WTF?-Vorwarnung, die nun auch auf Albumlänge kompromisslos die Fronten in der Außenwahrnehmung der Band neu vermisst.
In weiterer Folge bestimmen folgerichtig nämlich beinahe ausnahmslos elektronische Gebilde über schnipsenden Rhythmusgerüsten und enthusiastischen Handclaps die Szenarien mit sauberst funkelnder Keyboard-Schminke und Laptop-Makellosigkeit. Es gibt oszillierend und still pulsierenden Autotune-Schwelgereien, die schunkelnd angetaucht kritische Stimmen vorwegnimmt (Nobody Can Save Me) oder nervtötende Dancefloor-Szenen mit einklatschenden Händen, viel zu oft repetierten Refrains und stadiontauglichen Ohohoooo-Passagen (Good Goodbye – inklusive Features von Pusha T und Stormzy), sowie nette Arenanananana-Belanglosigkeiten (Halfway Right).

Näher als im mild nach vorne gehenden Talking to Myself kommen Linkin Park dem Rock diesmal dabei nie. Dafür gibt es den ersten Titeltrack der Bandgeschichte, der sich „als Herz des Albums“ betont auf die Gänsehaut hinarbeitende Zurückgenommenheit inszeniert – und natürlich nicht subtil ist, sondern seine Brechstange nur weicher einsetzt.
Das abschließende Sharp Edges bleibt als betont sommerliche Leichtfüßigkeit sogar die einzige Passage, die der Gitarre ausnahmsweise noch prominenten Raum lässt. Und insofern zumindest ansatzweise vorführt, dass wahrhaftig eine Band hinter One More Light steht – nicht nur ein Horde hipper Produzenten und Studio-Architekten mit Businessplan, die zugunsten marktwirtschaftlich analysierter Hitparaden-Fließbandware der vergangenen Jahre alte Trademarks anstandslos über Bord werfen. Es existieren auf One More Light dennoch praktisch keine Riffs, kein Geschrei, keine Rapparts – Mike Shinoda stellt im klickernden Invisible und dem pathetischen Sorry for Now sogar zwei der gefühlvollsten, saubersten Gesangsperformances der Platte.

Freilich ist das ein Schritt, der mutig wirken soll, viel mehr allerdings noch kalkuliert und berechnend aufgeht. Er spielt Linkin Park jedoch vor allem merklich in die Karten, indem er als harte Zäsur für eine neue Leichtigkeit im Auftreten der suchenden Band sorgt. Der Spagat zum künstlerischen Neuland gelingt so (paradoxerweise?) erstaunlich natürlich, da One More Light seine Agenda gelöst plakativ vor sich herträgt und jedwede Angriffsfläche als Selbstverständlichkeit zelebriert.
Das Sextett arbeitet schließlich gewohnt professionell und akribisch auf Erfolg getrimmt im neuen Metier, entwickelt am Reißbrett 10 weitestgehend profillos aufgehende Ohrwürmer mit Hand und Fuß, voller eingängiger Hooks. Soll heißen: One More Light funktioniert in dem was es will (und sein es nur die Ambition, wieder annähernd 15 Millionen Platten – bei einer weitestgehend neuen Käuferschicht – abzusetzen) sowie anhand des gewohnt gefällig zündenden Melodiegespürs von Linkin Park vielleicht substanzarm, allerdings enorm effektiv als Guilty Pleasure-Hitschleuder, die den Sommer ebenso vor Augen trägt, wie das High End-Artwork ihn im Rücken hat.
Von den kompakt-kurzweiligen 36 Minuten bleibt so letztendlich tatsächlich mehr hängen, als womöglich von allen Alben seit 2007 zusammen.

Die eigentliche Achillesferse der Platte ist deswegen auch weniger ihre klar deklarierte Ausrichtung (in den weichgespülten Pop, in den Mainstream, weg von jeder Härte), als ihre hofierte Charakterlosigkeit. Womit keine Blutleere oder Unehrlichkeit gemeint ist – wie ernst One More Light den Beteiligten ist, ist schließlich zu jeder Sekunde hörbar – sondern die Bereitwilligkeit zum völligen Verzicht auf jedwede Individualität.
Hätte das produktionstechnisch bis zur Identitätsverlust (außerhalb des bisherigen Band-Kontextes) genormte One More Light zumindest seine unzähligen Plattitüden gespart – von den allgegenwärtigen, altbacken Mickey Mouse-artig in nervtötende Bereiche hochgepitchten Begleitstimmen, über das ohne Eigenständigkeit entwickelte Soundbild bis hin zur Kantenlosigkeit der Stimmen in der generell so glatten Inszenierung der strukturell immer gleich konzipierten Kompositionen – ja, dann würde die Platte wohl deutlich weniger trivial wirkend übersättigen und seine theoretischen Stärken nicht derart bedingungslos unter den Scheffel der Austauschbarkeit kehren.
Weswegen One More Light letztendlich auch nicht tatsächlich guter Pop ist – sondern (gerade ohne Erwartungshaltung) nur die so geschickte, harmlose, infektiös-catchy und generische Ohrwurm-Imitation davon. Ein strategisches, zweckdienliches Baukastenprodukt also, das trotz allem nur selten wirklich weh tut und als modische Gebrauchs-Hintergrundbeschallung in den richtigen Augenblicken dennoch absolut beiläufig unterhalten kann – in Summe dann aber vor allem eigentlich schlichtweg zu egal für nachhaltige Emotionen ist.

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