Mastodon – Cold Dark Place

von am 18. September 2017 in EP

Mastodon – Cold Dark Place

Cold Dark Place wurde im Vorfeld von Emperor of Sand noch als Teil eines Doppelalbums gehandelt und Anfang des Jahres zumindest als Brent Hinds-Solowerk in Aussicht gestellt. Nun entpuppt sich die Songsammlung als ein die Mottenkiste durchpustendes Kurzformat – und starkes Puristengift.

Etwaige Spekulationen ob der Länge und Veröffentlichungsform von Cold Dark World konnten im Grunde ja als obsolet betrachtet werden, nachdem bereits Jaguar God im regulären Bandkontext erschienen war. Mastodon haben, was Hinds Alleingänge angeht, in den vergangenen Monaten also umdisponiert – was all jene beruhigen dürfte, die die Band 2008 auf der Unholy Alllliance III-Tour ohne Bill Kelliher gesehen hat. Die Wurzeln von Cold Dark World werden im abschließenden Titelsong dennoch absolut deutlich.
Nachdenklich sinister brütet Hinds hier zuerst auf sich gestellt eine von geisterhaften Chören begleitete Atmosphäre aus, finden dabei eine unheilschwangere Annäherung an akustisch zurückgenommene Versatzstücke aus Country, Blues und Americana, eine Slidegitarre schwebt über die glimmernden Reste eines Lagerfeuers. Spät aber doch steigt auch die restliche Band ein, ein Klavier klimpert, Mastodon schwelgen durch einen skelettiert melancholischen Minimalismus.
Nicht zuletzt wenn Hinds flehentliche Break-Up-Zeilen wie „And I wish I knew how to breathe again/I feel I’m gonna die inside my skin“ singt, kann man da irgendwo schwermütig an Soundgarden denken, doch wenn die Band den Song in aller Unaufgeregtheit in einem episch gniedelnden Finale auflöst, verweist Hinds damit geradezu überdeutlich an seine Ausflüge mit West End Motel.

Auch am anderen Ende der Platte lassen sich derartige Spurenelemente entdecken, die den klassischen Mastodon-Sound ein weiteres Mal herausfordernd aufbrechen. Das absolut überragende North Side Star beginnt sogar regelrecht folkig, zudem schwelgend, suchend, mysteriös, psychedelisch, aber auch fahriger. Leader Hinds dirigiert Mastodon bewusst weniger zielstrebig und kompakt, als man das zuletzt von seiner Band gewohnt ist. Doch wo die Harmonien und Melodien auf Cold Dark Place grundsätzlich weicher fließen, sind die Strukturen deswegen keineswegs gleich weniger progressiv geworden – Metal ist auf North Star Side wie bei seinen drei Nachfolgesongs sogar nur noch der vage Ausgangspunkt. In gewisser Weise klingt diese beinahe milde EP deswegen zwar eindeutig nach Mastodon, fühlt sich aber nur bedingt danach an. Wer bereits mit The Hunter seinen Draht zu dieser nicht stehen bleiben wollenden Band verloren hat, wird hier wohl vor unüberwindbare Schwierigkeiten gestellt.
Während die Band da also so sehnsüchtig wie melancholisch wandert, macht North Star Side über ein funky Intermezzo hinten raus sogar noch verhalten optimistisch auf und führt ein Hardrock-Riff in ein solierendes Southern-Flair und steht dafür exemplarisch für die Ästhetik der Platte.
Blue Walsh übernimmt dort aus ätherischen Hall-Landschaften herüberschwebend, entrückt und vorsichtig zärtlich. Dailor interpretiert die Leadvocals enorm geschmeidig, Sanders röhrt später massiver. Irgendwann stiert die Band mit hypnotischen Spacerock-Tendenzen in einen verschwimmenden Refrain (der so gespannt auch von Crack The Skye stammen könnte), im Kern ist das aber nachdenklich-bekümmerter Alternative Rock mit gleitenden Konturen.

Dass diese drei Songs es nicht auf Once More ‚Round The Sun (in dessen Sessions die Nummern entstanden) geschafft haben, macht durchaus Sinn, sie wären stilistisch allesamt aus dem Kontext gefallen. Auf Cold Dark Place gebündelt funktionieren sich jedoch nahtlos und fügen sich zudem stimmig an das nachgereichte Toe To Toes an.
Das jüngste Stück der Platte legt seinen Ursprung in den Emperor of Sand-Sessions überdeutlich dar und hätte beispielsweise als Überleitung neben dem polarisierenden Brechstangenhit Show Yourself absolut Sinn ergeben: Was beinahe liebenswert beginnt, schiebt unter seine tappenden Gitarren motivierende Handclaps und einen beschwingten Pop-Appeal, bevor der Song einem zutiefst versöhnlichen, überraschend anschmiegsamen Alternative Rock-Refrain einleitet, den auch Sanders gepresster Gesang nicht zu mehr Härte zwingen will. Dabei folgen Mastodon ziemlich konventionellen Schemen, wollen in dieser Konsequenz jedoch mit einem nicht eindeutig zu lokalisierenden unbefriedigenden Eindruck auch keineswegs restlos zünden. Der verhältnismäßig schwächste Song der EP ist so zwar ein verdammter Ohrwurm, klar, platziert sich ohne nötigen Druck zwischen den Stühlen, aber hinterlässt deutlich mehr noch als Cold Dark Place im Gesamten einen ambivalenten Eindruck.
Es ist deswegen letztendlich einerseits schließlich absolut faszinierend, wie die Band hier ihrem Sound einmal mehr neue Charakteristika und Facetten abgewinnt. Andererseits wirken die 22 Minuten phasenweise wie eine Brücken spannende Kompromisslösung zwischen potentiellen Solosongs im Mastodon-Gewand und nicht restlos ausformulierten Gemeinschaftswerken zwischen den regulären Studioalben der Stammband verankert. Einfach macht es die Band aus Atlanta damit vielleicht niemandem – es ist aber großartig zu hören, welches hochklassige Material das Quartett so in der Hinterhand hortet.

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