Mike Vennart – The Demon Joke

von am 22. Juni 2015 in Album, Heavy Rotation

Mike Vennart – The Demon Joke

Wer den Verlust von Oceansize 4 Jahre nach deren (unrühmlichen) Ende immer noch nicht überwunden hat, wird sich auf dem Debütalbum vom ehemaligen Frontmann der britischen Nischenlieblingen sofort wie zu Hause fühlen. Darüber hinaus führt ‚The Demon Joke‚ aber auch vor, das Mike Vennart’s Songwriting an den Freiheiten von British Theatre und mehr noch den Erfahrungen als Tourgitarrist von Biffy Clyro gewachsen ist.

The Demon Joke‚ strotzt da einerseits nur so vor Momenten, die sich gefühltermaßen nahtlos in den weitläufigen Arealen zwischen ‚Everyone into Position‚ und ‚Self Preserved While the Bodies Float Up‚ wiederfinden: das vorausgeschickte ‚Infatuate‚ verpflanzt etwa alte Tugenden kongenial in einen enorm catchy daherkommenden Kontext, ‚Rebirthmark‚ steigert sich mit eleganten Streichern und tapsenden Piano aus seiner Elegie. Vennart lässt die Gitarren und Synthies auf ‚The Demon Joke‚ auf die so sehr vermisste Oceansize-Art reichhaltig geschichtet oszillieren, den Geist schweifen, die Takte knifflig um die Ecke denken und beschwört jenen ganz eigenen wärmenden Prog, der in seiner zart fließenden Melancholie jene Wunde wieder aufreißt, die der Bandsplit der Manchester-Institution 2011 unheilbar hinterlassen hat – wie auch gleichermaßen das bestmögliche Trostpflaster dafür besorgt.
Blistered and out of control/ Now the performance, the drinks and the jokes have gone further that you know“ schabt er an der Narbe, doch Vennart ist im Reinen mit sich und seiner Vergangenheit: ‚The Demon Joke‚ kommt (in Summe doch auch: leider!) weitestgehend ohne bestialische, massive Ausbrüche von der erschlagenden Vehemenz der frühen Tage aus, gibt sich bis auf wenige Ausnahmen viel eher anschmiegsam und zurückgenommen konzentriert.
Das traumwandelnd-atmosphärische ‚A Weight in the Hollow‚ wird in dieser vertrauten Gangart auch Dank der grandiosen Backingband im Rücken (mit Gambler Richard Ingram und Steve Durose sind zwei alte Oceansize Bekannte mit an Bord, Ginger Wildheart-Drummer Denzel hält das nahtlos harmonierende Uhrwerk zusammen und Jo Spratley von den für Vennart immens wichtigen Impulsgebern der Cardiacs schmückt die Gästeliste) zur geduldigen, flirrenden Schönheit, die sich ohne viel Aufmerksamkeit zu provozieren zu einer Sternstunde in Vennarts bisherigem Schaffen aufschwingt.

Mehr noch als in Nostalgie zu schwelgen strahlt ‚The Demon Joke‚ aber eine inspirierte Frische und repertoireerweiternde Neugierde in der Schnittmenge aus Melancholie und Aufbruchsstimmung aus, die Oceansize so über die letzten Jahre ohnedies ein wenig abhanden gekommen sind: über 43 Minuten lotet Vennart zahlreiche perspektivische Möglichkeiten auf etablierten Trademarks aus, die sein Solodebüt am Ende klar verwurzelt doch deutlich vom Gefühl emanzipieren, als einen reinen Nachfolger seines alten Flagschiffs aufzuziehen.
Das beginnt beim brillanten Sound (der noch detaillierter, kraftvoller aufgeräumt und fokussierter schlichtweg atemberaubend dynamisch produziert ausgefallen ist, mit malmenden Bass nicht umsonst am aufgepappten Sticker fordert: „Play it loud!„), setzt sich bei einem immanenten Willen zur bedingungslosen Kompaktheit fort (kein Song dauert über fünfeinhalb Minuten, auch, wenn etwas mehr Ausführlichkeit der Platte in die Karten gespielt hätte – wie schnell ‚The Demon Joke‚ zum Zug kommt lässt sich alleine am Closer ‚Amends‚ nachvollziehen, der ein übermannendes Breitwandszenario anstrebt, seine wuchtige Ausgangslage aber letztendlich geradezu bescheiden und unaufdringlich auflöst und damit den einzig gravierenden Kritikpunkt ausdrückt: oft wirkt ‚The Demon Joke‚, als würde es sein Potential nicht bis über die Grenzen gehend ausformulieren), die prolongierte Weiterentwicklung in gesanglicher Hinsicht gerät vor dem phasenweise schlichtweg triumphal (im brillant schwülstig mit Streichern aufgeladenen ‚Duke Fame‚ klingt ein vibrierender Vennart so ungewohnt theatralisch, als hätte er einen Bruce Dickinson Song im Hinterkopf gehabt, schreckt auch nicht vor kontrastierendem weiblichen Backinggesängenzurück, bevor er den Song in andere Sphären beamt) und kulminiert letztendlich immer wieder Songs, die den Oceansize-Fan an den Arena-Toren der Biffy Clyro-Festspiele abholen.

Retaliate‚ groovt hart an der Grenze zu jenen Gefilden, die die tourenden Arbeitgeber von Vennart seit den Major-Jahren nur noch bedingt betreten wollen und krönt seine Eingängigkeit hinter der stacksenden Wucht mit einen zerfrickelten Solo der Extraklasse. Das verschleppte ‚Operate‚ packt dann gleich einen hymnischen Pop-Refrain in Reinform aus, der selbst auf der Hitschleuder ‚Opposites‚ gestrahlt hätte (!). Dass Vennart seinen trickreichen Space Rock dergestalt als Psychedelic Pop deklariert ist dabei gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.
Überhaupt: Die generell gestiegene Zugänglichkeit, sie steht Vennart erstaunlich gut, zumal ‚The Demon Joke‚ sich als sofort zündender, nichtsdestotrotz hartnäckig nachwirkender Grower entpuppt, dem in letzter Konsequenz zwar jene wirklich erschlagenden Genieblitze fehlen, die die 10 Songs in  überdurchschnittlich starkem Niveau heraufzubeschwören versuchen (die etwa die magischsten Momente von Oceansize ebenso besitzen wie die Gänsehautaugenblicke von Biffy Clyro) – was den makellos selektierten, abwechslungsreichen, immens homogen angeordneten Reigen (‚Self Preserved While the Bodies Float Up‚ war diesbezüglich mutmaßlich nicht Mike’s Ausrutscher) jedoch keineswegs daran hindert über den hohen Erwartungen aufzutrumpfen und über die Hintertür ausnahmslos hartnäckigste Ohrwürmer auszuspucken.
Denn dann sind da eben noch Glanztaten wie das zu knappe Intro ‚Two Five Five‚, das als wunderbares Wechselspiel aus wuchtig schwelgender Schönheit und leise verglimmernden Dronegitarren nahtlos in den erst abdämpft stampfenden Retrorocker ‚Doubt‚ übergeht, der mit seinem Sabbath-Riff, scheppernden Drums und futuristischen Sequencer-Ausstattung sein Heil zuerst in einer eruptiven Explosion sucht, dann aber doch den Weg der epischen Solo-Exkursion geht. Und das überragende Experiment ‚Don’t Forget the Joker‚ steht als Herzstück der Platte mit viel Soul aufgeladen ohnedies über den Dingen, schielt unverhohlen zur  majestätischen Halbballade, in der Vennart stimmlich große Gesten vollführt und mit rauchigem Timbre an seine Grenzen geht: so hat man den Mann aus Manchester noch nicht gehört. Dass ‚The Demon Joke‚ dabei stets erst in Aussicht der Anfang dieses hybriden Evolutionsprozesses zu sein – eigentlich unglaublich.

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1 Trackback

  • Caspian - Dust and Disquiet - […] weihevolle Lapsteel schmachten und das Solo hinten raus könnte dazu all jene ins Boot holen, denen Vennart’s Soloalbum zu…

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