Modest Mouse – An Eraser and a Maze

von am 4. Juli 2026 in Album

Modest Mouse – An Eraser and a Maze

Ja, An Eraser and a Maze hält das Versprechen von Look How Far… weitestgehend und zieht die mit Strangers to Ourselves (2015) und The Golden Casket (2021) doch enttäuschende Formkurve von Modest Mouse erfreulicherweise wieder nach oben.

Dass wir es deswegen aber nicht in letzter, unbedingter Konsequenz mit der vielerorts ausgerufenen Return to Form (und ganz sicher nicht mit dem in Ausnahmefällen sogar herbeifantasierten Meisterwerk) von Isaac Brooks (mit Gittarist Simon O’Connor, Schlagzeuger Damon Cox sowie Keyboarder Keith Karman) teilweise zwangsläufig personell neu besetzten Wieder-Independent-Band zu tun haben, hat ein paar wenige (ebenso einfache wie gravierende und sich stets gegenseitig bedingende) Gründe – denen wir uns folgend zuwenden wollen.

Zuallererst ist An Eraser and a Maze mit 49 Minuten Spielzeit schlicht ein klitzeklein wenig zu lang ausgefallen. Einerseits hätten einzelne Nummern etwas gestrafft werden können (explizit das demonstrativ sinnlose Party-Statement Song About Nothing als Mahnmal, das eine theoretisch spaßige Idee praktisch auf das doppelte der angebrachten Spielzeit ausdehnt nerven kann). Andererseits schwemmen gerade die kurzen Zwischenspiele (wie das klampfende Knocked Down by Waves oder die bekiffte Stoner Party als Jeremiah Green-Credit) den Spielfluß redundant auf.

Damit einhergehend kommt hinzu, dass das Sequencing, die Linie sowie der Spannungsbogen des Albums (gerade hinten raus) unausgegoren sind, und die Band sich phasenweise nicht zwischen Fleisch und Fisch entscheiden will.
Wo Modest Mouse bisher etwa gerne auf Nummer sicher gehende Variationen von typischen Baukasten-Hits a la Dashboard oder Lampshades of Fire an die zweite Position der Trackliste stellten, hängen sie nun, nach dem praktisch direkt an We Were Dead Before the Ship Even Sank anknüpfenden Opener Picking Dragons‘ Pockets (der sich ebenso schüchtern wie energisch stampfend zum massiv schunkelnden Ohrwurm vortastet, wo der motivierte Einstieg mit abgeklärter Routine feiert) kurzerhand die so entspannt und luftig schippende, klar gezupfte Gedenk-Korrektur Remember Yourself an. Ein amüsanter Kniff in Form eines fabelhaften Songs, der allerdings die justament aufgebaute Dynamik zu jäh und willkürlich drosselt, bevor das verführerisch-stacksend tänzelnde Life’s a Dream mit seinen psychedelisch schimmernden Oldschool-Gitarren und schwofender Gemeinschaftsbreite das Tempo wieder anzieht.
Auch aussagekräftig: Look How Far… wirkt im Kontext der Platte spontan passierend und kann das Umfeld nicht für ein gegenseitiges Wachstum nutzen.

In den nichtsdestotrotz relativ milden Amplituden will Modest Mouse am anderen Ende so dafür (wieder) kein Übersong gelingt. Selbst wenn das flächendeckend hochklassige Material in Summe wie im Einzelnen die beiden direkten Vorgängerplatten übertrifft, und die Band nach einer bestechenden Eingangsphase zudem im weitesten Sinne nichts schlecht macht, schaffen es die Amerikaner nicht, ihre Klasse über jene Kante zu kippen, hinter der geniale Geistesblitze und eine euphorisch machende Gänsehaut warten.
Wohl auch, weil erst eine weniger saubere Produktion (als die von Brock, Jacknife Lee, Justin, Raisen, Jeremy Sherrer und Suzy Shinn) jenseits der Komfortzone mehr Spannung und Reibung bedeutet hätte.
Was nun alles negativer klingen mag, als es tatsächlich ist. Nummern wie beispielsweise die gemütliche Selbst-Referenz-Sympathie Speak ’n Spell (Or Not), die im Refrain alle mitnimmt, fehlt zwar das gewisse Etwas, doch will man auch einen solchen Standard (im besten Sinne) eigentlich nicht missen. Immerhin ist An Eraser and a Maze gerade mit einem Schritt zurück gewissermaßen eine konstante, souveräne Erinnerung daran, warum man sich einst in Modest Mouse verlieben musste.

Das nicht von ungefähr so betitelte Third Side of the Moon baut mit strenger Hand und lockerer Routine Spannung als liebenswerter Singalong mit gelöster Schwere auf, und in Dogbed In Heaven/Give It a Skeleton sitzt Brock am Lagerfeuer, während die restliche Band jenseits des Lichtscheins einnehmend summt, als wäre Americana ein folkloristisches Ritual, bevor die neuerliche Beschäftigung mit der eigenen Vergänglichkeit ab der Mitte plötzlich zum abgedämpften Rocksong variiert. Eh gut – aber (symptomatischerweise) nicht auf Augenhöhe mit den Auslagen ebenso switchenden Vorgängern wie etwa Spitting Venom.
Das holprig übernehmende Interlude fungiert als verträumte Himmels-Fantasie als Intro für I Can’t Talk Right Now, das sich mit Synth-Schimmern an einen Puls herantastet, um dann mit Oldschool-Subtext strahlend aufzumachen und sich wie ein dicht pendelndes Halluzinogen mit weiblichen Backingvocals durch ein Meer im All treiben lässt.

In Rotten Fruit unterspült elektronisches Pluckern die pfeifende Stimmung, die von Gitarren drangsaliert und Raisins Alias Pkpkpkpk begleitet wird, derweil Absolutely Necessary Never das Gerüst von Sweet Dreams als Ausgangslage in ein Modest Mouse-Heimspiel verwandelt. Und Impossible Somedays stellt nach einem schäwchelnden vierten Viertel (das der Platte wohl ein punktetechnisches Aufrunden der Bewertung verwehrt) als versöhnlich unaufgeregter Rock mit Streicher-Schattierungen dann auch demonstrativ eine Aufbruchstimmung an das Ende.
Oh, it’s not enough just being here or just simply being alive/ Although nothing stays the same the whole time/ Well, everything’s impossible if you don’t even try to try/ Although no one stays the same the whole time“ singt Brock, wobei es so eine Sache ist: Modest Mouse sind hiermit gewissermaßen wirklich wieder die Alten, wenn auch nicht in kompletter Größe. Damit machen sie nicht alles richtig, aber doch so viel, wie lange nicht mehr. Und vor allem auch: erstmals seit langer Zeit wieder so richtig Lust auf das, was noch kommen wird.
(Was übrigens bereits 2027 in Form von Shadows in the Shade der Fall sein soll.)

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