Orville Peck – Mule

von am 22. September 2026 in Album

Orville Peck – Mule

Die Leiden des jungen Orville suchen das Licht am Ende des Tunnels: Nach dem enttäuschenden Stückwerk Stampede setzt der Maskenmann des Country-Pop für Mule wieder auf bewährte Tugenden.

Das bedeutet in erster Linie, dass Street Fighter Vega zu Bronco-Produzent Jay Joyce zurückgekehrt ist, und in zweiter, dass die Erfüllungsgehilfen – neben altbekannten Kumpels wie Noah Cyrus und Allison Russel sind da diesmal auch Jakob Portrait (Unknown Mortal Orchestra, Blouse), Evan Weiss (Into It. Over It) oder Dan Wilson in den Credits zu finden – wieder in den Hintergrund treten und überwiegend als Co-Songwriter fungieren.
Das Rampenlicht richtet sich jedoch auch auf inhaltlicher Ebene komplett auf den 38 jährigen Protagonisten, der auf einem „deeply, deeply personal album“ chronologisch jene Phase seines Lebens aufarbeitet, in der er eine Überdosis überlebt und es geschafft hat trocken zu werden.

In dieser Ausgangslage platziert sich Mule bewusst in einer Schere aus Form und Inhalt, wenn (bisweilen nichtsdestotrotz zwar auch sehr humorvolle, vor allem aber) unkaschiert die Katharsis suchende Lyrics in 13 Songs ihr Zuhause haben, die den kurzweiligen Entertainment-Faktor relativ barrierefrei anlegen: 37 Minuten stellen als homogen dem thematischen Narrativ folgende Songsammlung den Unterhaltungswert vor alles andere.
Oder: Dieser gar nicht stoische Esel macht sich einen kurzweiligen Spaß aus dem vermeintlichen Kontrast aus Tiefgang und Oberflächlichkeit, wo beinahe jeder Song in seiner Eingängigkeit notfalls eine Single – oder zumindest extrem gefällige Radio-Nettigkeit – sein könnte, selbst wenn nicht jedes Stück dafür konzipiert ist.

Das gilt vor allem für den Rahmen der Platte, die von Grande Dame Emmylou Harris durch den Prologue (Eulogy of a Man Turned Mule) als chorales Acapella-Duet eröffnet, und am anderen Ende von Peck selbst in der wehmütigen Schönheit des Titelstücks Mule gefühlvoll geschlossen wird.
Dazwischen folgt das vierte Studioalbum des gebürtigen Südafrikaners einem relativ bodenständigen Spannungsbogen, nachdem Big Ol‘ House weihevoll antauchende Stakkato-Epik artikuliert, die auch ins Stadion gehievt werden könnte, im Studio aber eine genügsame Opulenz ohne Bombast wählt.

Already Gone ist dann als swingender Country-Pop der erste unbedingte catchy“heheeee“ Ohrwurm mit latentem Urge Overkill-Vibe und Rehab Blues macht mit lockerer Leichtigkeit in der Inszenierung den klimpernden Bar-Schwofer mit brässig schunkelndem Bläser-Mittelteil (samt Miss Kitty-Flair) und Selbstkasteiung: „So catch me on the evening news/ „Dumb fag dies from the rehab blues“/ I guess I could use some rest, but man, who’s got the time?/…/ I hate it here, I don’t care and I wanna die.
Das muntere Ring the Bell ist gelöster, salopp und witzig („I love The Lakers, The Mets, and The Longhorns/ Made out with a guy on The Raiders, I’ve seen him on TV/ But the only sport I know how to play is stayin‘ up ‚til half past three/ It involves myself and an empty shelf and a glass trophy“), bevor es kantiger rockend abdreht, solierend gniedelt und gut gelaunt brät. Die staubige Desert-Psychedelik vom perkussiv köchelnden Blue Skies beschwört heulend den schamanistischen Mond, als mystischer Call-And-Response von Schattengestalten, die im  Finale exzessiver auflodern.

Im zurückgenommenen The Fall gibt sich Peck lange intim und nachdenklich an der Gitarre sinnierend. Dass er dabei den Willen zum beschwörend aufbrechenden Musical-Momentum zeigt, bei dem die Arme sich gen Himmel strebend erhebenden, ändert nichts daran, dass sich die Numme an ihrem Höhepunkt umso nachdrücklicher zurückzieht: „And don’t you ask me how I’ve been/ I wore that chain every day, as if it were a ring/ And it hurt so bad to see you, so please next time keep walking/ As for the rest of you, please don’t ask me to sing.“
Zwar plätschert ein Cowboy Heart über weite Strecken gar zu gefällig, hat für den zwischen Orbison und Che gecroonten Chorus aber wieder eine entwaffnende greifende Hook parat. Was so auch für das mit munterer fiedelndem Bluesgrass-Drive („ I’m a big bluegrass fan!“, so Peck) laufende The Breeze, The Grass, The Mourning Dove and Me gilt, in dem die Intonation des Titels alleine nicht und nicht mehr aus dem Kopf will.
Das Doppel aus Run Out Of Road und dem klatschenden-twistenden Too Little, Too Late schielt dagegen ein wenig in die 50er, bevor sich das schwelgende War of the Worlds in gewisse Hinsicht beinahe versöhnlich gibt – und nach einer zuletzt orientierungslosen Karrierephase (ohne zuviele Gedanken an die Halbwertszeit zu verschwenden) wieder zu sich selbst findet: „So hats off to those who have made it/ Hats on to those in the rain/ Just don’t bump my hat when you’re tryna/ get back to the place that I’m tryna remain.

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