Panopticon – Det Hjemsøkte Hjertet
Det Hjemsøkte Hjertet setzt nicht auf die Sicherheit der bewährten Komfortzone, sondern polarisiert opulent wachsend: Austin Lunn richtet Panopticon mit extremer Konsequenz im Symphonic Black Metal neu aus.
Dass Det Hjemsøkte Hjertet (den Himmel im wahrsten Sinne voller Geigen haben) derart nach den Sternen greift, ist nicht nur angesichts der bisherigen Ausrichtung von Panopticon im Allgemeinen, wie auch jener von …and Again into the Light und vor allem dem 2023er-Geniestreich The Rime of Memory im Speziellen eine Überraschung.
Sondern, weil das nun eingegangene breitere Spektrum eigentlich ein Ausdruck dessen ist, dass Lunn unter das Mikroskop blickt und die Thematik des Songs A Snowless Winter von 2021 nun auf Albumlänge erkundet:
„So much of this album is about things that passed. In truth, the entire trilogy broaches the subject and returns to it over and over. The trilogy touches on similar subjects throughout, but from different perspectives.
…and Again into the Light is a personal reflection and lamentation over real life events. The Rime of Memory is ideological, drawing a metaphorical comparison of the climate crisis to a midlife crisis. Rime reflects on the consequences of aging and a life lived.
Det Hjemsøkte Hjertet reflects on how we as people are the sum of our parts and experiences. The way we see the world is through the foggy lenses of our memory. And then one day, it all stops. I have this thought that life is this runaway train that only stops when it crashes. We are unwitting passengers riding to our doom. As the train gathers speed, the sights seen from the passenger car windows become less enticing as we become more and more aware of our own eventuality.“
Angesichts dieses fatalistischen Existenzialismus ist die unstillbare Sehnsucht der Platte nach Schönheit dann irgendwo verständlich. Diese auch mit einer markanten Dosis Kitsch zu erzeugen und zudem das Gewicht im Panopticon-Cosmos so zu verlagern, dass es die eigentlichen Stärken der Ein-Mann-Band überhöht, kann auf den Erstkontakt schon auf dem ganz falschen Fuß erwischen.
Um es gleich – entwarnend – vorwegzunehmen: Det Hjemsøkte Hjertet wird letztlich zünden, aufgehen, und sogar begeistern – spätestens, wenn man sich von den eigenen Vorstellungen darüber verabschiedet, wo die mit den beiden direkten Vorgängern die Ideallinie des Projekts ja praktisch bereits bedient habenden Stärken von Panopticon zu liegen haben.
Allerdings soll der unerwartet sentimentale Abschluss der Laurentian Trilogie ungeachtet seiner Grower-Mentalität der ambivalenteste Teil der Serie bleiben; der auch nach einer kurzen Kennenlern- und Orientierungsphase einfach Probleme bereitet, die der unbedingten Euphorie im Weg stehen.
Die Wurzel allen Übels liegt dabei in der Art und Weise, wie Lunn die Art der Größe verschiebt.
Wo die sinfonischen Elemente bisher immer nur begleitende Ausschmückungen auf Panopticon-Alben waren, ist Det Hjemsøkte Hjertet nun praktisch flächendeckend von Streicher-Arrangements zugestrickt, um nicht zu sagen, mit Hollywood-tauglichem Bombast vollgekleistert.
Was rein stilistisch gewöhnungsbedürftig sein mag, inszenatorisch jedoch einfach suboptimal umgesetzt wird – zumal die beinahe pausenlose Grandezza auf pointiert gesetzte Gänsehautmomente verzichtet und weitaus konventioneller gestrickt kein so symbiotischer Organismus wie The Womb of the World (2025) ist.
Das Schlagzeug vor allem die Kickdrum klingen seltsam dünn und physisch unspektakulär in den Hintergrund gepfercht, während die Gitarren keinen Biss und Druck im Mix bekommen und die Streicher stets dominant die Aufmerksamkeit fordern, den Rest bisweilen fast aufdringlich verdrängend. Die Produktion der Platte wirkt deswegen einfach stets überladen und die Basis vernachlässigend, das Hörerlebnis kommt unausgewogen und um den nötigen Fokus ringend daher.
Durch diesen Umstand kann Det Hjemsøkte Hjertet einen frustrierenden Beigeschmack niemals ganz ablegen.
Allerdings ist die Substanz der Platte trotzdem einfach zu bestechend, um den (immer schon mit den stilistischen Ausbruchs-Ambitionen Lunns einhergehenden, relativen Schwankungsbreite daherkommenden) Qualitätslevel von Panopticon in der eigenen Liga hochzuhalten. Die Dynamik ist ebenso packend, wie die Variabilität aufzeigt. Auch, indem das aus Lunn und Weft-Kumpel Charlie Anderson bestehende Kernduo praktisch jedem Song durch Gäste zusätzliche Facetten gönnt.
Gleich der behäbig startende und (mit den Schreien von Alex CF) triumphal aufgelöste Einstieg Woodland Caribou positioniert Panopticon (mit dumpfen Blastbeats im Hintergrund und transzendentem Gebrüll in der Mitte einer Postrock-Tremolo-Landschaft) cinematographisch als die Mono des Post-Black Metal.
The Great Silence, Extinct stürzt sich dort mit Aaron Charles gleich in eine tosende (Melo)Dramatik, steigert sich allerdings dennoch immer epischer und eilt von Klimax zu Triumph-Geste, lässt seine Wurzeln voll und ganz vom hymnischen Orchester umspülen und emporheben, und soliert irgendwann prachtvoll in den Sternenhimmel. Der Sturm und Drang von Blood and Fur Upon The Melting Snow gönnt sich einen Mittelteil a la Scene und lässt einen klaren, harmonischen Blick auf Andy Klockow zu – was gar nicht so gefällig schwelgend passiert, wie es offenkundig erscheint, bevor ein choraler Chant sich mit magischer Opulenz über den Horizont steckt und in den Wintersturm wandert.
The White Cedars wetzt durch dieses Schneegestöber unter einen astralen Patina und Fidel-Folklore zum Waldgeflüster von Jan Even Åsli, bevor A Culture Of Wilderness als Highlight so energisch losbolzt, die Streicher vor Hysterie jubilieren lässt und Panopticon mit Jan Van Berlekom ihr majestätisches Songwriting nicht nur nach vorne reißen, sondern auch auf den Punkt bringen: Welches Meisterwerk Det Hjemsøkte Hjertet mit weniger Lagen und einem prägnanteren Sound hätte werden können, ist vor allem hier überdeutlich.
Das danach verschnaufende Lyset setzt sich ruhig und friedvoll an das knisternde Lagerfeuer, flötiert als Zwischenspiel zu Blackbraid und spinnt das Narrativ auf imaginativer Ebene ansatzlos weiter. Ghost Eyes In The Fire Light übernimmt behutsam mit Jordan Day, treibt den schwelgender Ausklang aber zum pathetisch Breitband und Post Rock, der nicht nur Det Hjemsøkte Hjertet einen geschlossenen Rahmen besorgt, sondern auch den zurückblickenden Kreis um die gesamte Trilogie sehr erfüllend schließt.
In Momenten wie diesen kann dann nicht einmal der so frustrierend über der Platte liegende hemmende Schleier verhindern, dass Lunn die immense Erwartungshaltung beinahe stemmt.


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