Panzerfaust – The Suns of Perdition – Chapter II: Render Unto Eden

von am 22. September 2020 in Album, Heavy Rotation

Panzerfaust – The Suns of Perdition – Chapter II: Render Unto Eden

Ohne die vorherigen 15 Jahre Bandgeschichte von Panzerfaust unter Wert verkaufen zu wollen, war The Suns of Perdition – Chapter I: War, Horrid War vor knapp 13 Monaten als Auftakt einer Tetralogie dann doch einmal der Eintritt in eine andere Liga. Chapter II: Render Unto Eden setzt diesbezüglich noch einen drauf.

Spielzeittechnisch, aber auch inhaltlich: Wo der Vorgänger über gerade einmal 31 Minuten mit einer martialischen Direktheit über die Schlachtplätze des Krieges fegte, verlagert sich The Suns of Perdition – Chapter II: Render Unto Eden nun weiter in philosophische Gefilde und lässt das Songwriting und die Ästhetik über beinahe eine Viertelstunde mehr Distanz wachsen.
Promethean Fire ist die direkte Über- und Fortsetzung vom Ende des ersten Teils, rührt die Spannungen mit dynamisch wirbelnden Drums und atmosphärischen Texturen im sphärischen Post Metal an, beschwört eine tribal-artige Seance mit Versatzstücken des Doom und Sludge. Platzt der Knoten, tut er es es mit Wucht und grölender Eingängigkeit sowie keifender Garstigkeit, bis die melodische Ader langsam zu Blastbeats führt, die Ästhetik und der Sound viel Raum finden, die Gitarren vor allem stimmungsvoll zeichnen, die wie immer großartig-virtuosen Drums energisch nach vorne gehen, an den Becken zappeln, zirkulieren. Mit einer sofort eingängigen Hooks schwellen Panzerfaust immer epischer an, bis zur Einkehr in einen ätherisch pochenden Part mit Gesang von Arkona-Frontfrau Maria “Masha” Arkhipova, der dem Song eine zusätzliche Ebene und Färbung öffnet. Die Referenzen liegen irgendwo zwischen Schammasch und Isis, brüten mit dringlichem, beschleunigtem Verve. Die Gitarren haben etwas erhebendes, hymnisches, werden aber immer komplexer, alles atmet und scheint geradezu sinfonisch auf ein Ziel zuzueilen, ohne zu hetzten.
Mit zehn Minuten Spielzeit agiert damit also schon der Einstieg in Chapter II: Render Unto Eden auf einer breiteren Basis als noch Kapitel 1, entwickelt aber eben zudem eine (für das gesamte Album geltende) zugänglichere Sogwirkung, die mit imaginativer Vehemenz keine Längen kennt – alleine der längste Brocken der Platte ist symptomatischerweise kein Gatekeeper, sondern eine massig rollende Einladung.

Auch wenn Panzerfaust ihre Kampfzone stilistisch also unmittelbar ausfransen haben lassen, bleibt der Black Metal das Grundgerüst im finsteren Sound. The Faustian Pact rasselt schließlich okkult und mystisch, setzt hinter seinem Groove die allgegenwärtige polnische Prägung der DNA in Szene. Die Vocals haben eine grobschlächtige Brutalität und gemeine Aggressivität, überlappen sich vor den Druck machenden Schlagzeug und orientalisch anmutenden Harmonien, wo der Sound mit akribischer Manie die Schönheit der Finsternis zelebriert, zu rasenden psychedelischen Sprengsel eskaliert, die Euphorie der Psychose mit ballernder Intensität strahlen lässt. Die Band badet stets so ergiebig in ihren Motiven, ohne dabei zu mäandern, bleibt kurzweilig und stringent – gleichzeitig kompromisslos in der Agenda, ambitionierter im Verhalten und trotzdem auch konsenstauglicher als bisher.
Aeropagitica führt dann zudem vor, wie großartig der Mix in Kombination mit der rohen, aber keineswegs ungeschliffenen, durchaus auch fetten Produktion wirkt, wenn im Mittelteil der Nummer ein starkes Riffs superkompakt zu den tackernden Drumpatterns brät, der kaum zu unterschätzende Bass in den Nuancen jedoch so enorm prägnant seine schabenden Kanten verteilt, während die Gitarren durch immer neue Motive zu halluzinogenen Podesten für Tremolo-Motiven eilen, die Stimmen wie im Staffellauf durch Landschaften führen, die transzendental klar und monumental körperlich sind.

The Snare of the Fowler skizziert den Einfluss von Kriegsmaschine oder Mgła auf Panzerfaust unter der Eindrücken französischer Dissonanz als globales Konglomerat. Irgendwann drücken die Kanadier jedoch vor allem mit viel Momentum auf das Gaspedal, radikalisieren das Tempo mit Blastbeats, gönnen jedoch eine Bridge in progressiv-metallischer Nachdenklichkeit, aus der sich der Horizont mit einem hypnotischen Spektrum öffnet. Pascal’s Wager findet darin eine ambiente Einkehr. Dunkel, kalt und kontemplativ führt der Weg mit postrockig schimmernden Gitarren, Sprachsamples und die Strukturen zusammenhaltender Percussion zurück zu Assoziationen, die so lange bei Cult of Luna liegen, bis die Double Bass und ein Hummelschwarm aus Gitarren vergleichsweise konventionell den Black Metal entlang der Post-Grenze aufkocht und dann ein bisschen zu unmittelbar in einen akustischen Dark Folk-Ausklang am Lagerfeuer kippen.
Dass an dieser Ausgangslage wohl der dritte Teil der Reihe ansetzen wird, ist eine wohl nicht zu wagemutige Prognose. Dass die Luft nach oben mittlerweile immer dünner für (die eher wie großartiger Eklektiker, denn wie tatsächlich revolutionäre Innovatoren wirkenden) Panzerfaust wird, hingegen eine dem Gesetz der Serie folgende widerlegbare These – wenn man bedenkt, wie kreativ, auf drangsalierende und ausladende Weise majestätisch, auch cinematographisch Chapter II: Render Unto Eden seinen Vorgänger doch zumindest um das spürbare Quäntchen überholt hat. Noch schöner ist da insofern nur die Ahnung, dass The Suns of Perdition als Ganzes letztendlich noch besser sein dürfte, als die Summe seiner (bisher) bestechenden Einzelteile.

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