Pfarmers – Our Puram

von am 28. August 2016 in Album

Pfarmers – Our Puram

Inspiriert durch Danny Seims Wegzug aus Portland haben Pfarmers mit Our Puram ein auf die Rajneeshpuram-Community der 80er verweisendes Konzeptalbum aufgenommen, dass das Potential der Band definierter abruft, als das letztjährige Gunnera.

Der Aufstieg und Fall der Rajneeshpuram-Kommune ist fraglos eine spannende Randnotiz der 1980er: Vom rasanten Wachstum der Gemeinschaft auf über 7000 Anhänger bis hin zum Bioterrorismus und anderen kriminellen Tätigkeiten sowie dem Konkurs 1987 übt die Geschichte der von Bhagwan Shri Rajneesh alias Osho gegründeten Sekte auch auf Danny Seim offenbar eine derartige Faszination aus, dass sie sich als perfekte narrative Spiegelbild für den Multiinstrumentalisten anbietet, um persönliche Erfahrungen rund um Entfremdung, Orientierungslosigkeit und potentielle Neuanfangs-Hoffnungen zu reflektieren. Was seine Band in gewisser Hinsicht auch ein kleines bischen in der Wirklichkeit ankommen lässt.
Denn nachdem das Debüt Gunnera noch einen Traum des indirekten Pfarmers-Leithammels behandelte, in dem dieser nach dem Tod durch Ertrinken als Pflanze am Jordan wiedergeboren wurde, darf man trotz aller weiterhin verankerter Spiritualität feststellen: Die arrivierte Gruppe um Seim (Menomena), Bryan Devendorf (The National, LNZNDRF) und Session-Tausendsassa Dave Nelson hat ihre Kaleidoskop-Séancen im zweiten Anlauf von vornherein in etwas geerdetere Bahnen gelenkt.

Spätestens wenn Osho Rising seine unterschwellig hypnotisierende Sinnsuche zwischen psychedelischen Drone-Auswüchsen, schiebenden Subbässen, mäandernden Loops und ambienten Stetson’esken Klanglandschaftsarchitekturen als Raum gewinnendes Instrumental-Zwischenspiel hochzieht, oder den Ausläufern des auf grandiose Drumpattern gebauten Tour Guide (das seine gefinkelnden Arrangements frohlockend mit den wellenförmigen Gesangslinien um die Wette schaukeln lässt, bevor der Song kompromisslos in ein fiebriges Bläsermeer als jazzig schwellender Alptraum kippt) bleibt das Trio seinem zum Experiment neigenden Dekonstruktivismus des Pop dennoch treu, indem es sich auch auf Our Puram wieder allerhand freigeistig umherstreifenden Müßiggang gönnt.
Pfarmers bleiben weiterhin eine Band, die es sich schlichtweg leistet bisweilen zuviel Gefallen daran zu finden die Stringenz aus den Augen zu verlieren; die gedankenverloren in die eigenen Songlandschaften hineinzudösen beginnt, schlendert und forscht; die sich wenig um Konventionen kümmert, und startet, ohne notwendigerweise das Ziel zu kennen. Und dennoch ist der rote Faden in Our Puram eben ersichtlicher als im träumend verschwimmenden Gunnera. Am Ende eines 42 minütigen Trips wird so diesmal eine mit weniger Leerlauf auskommende Spielwiese gedeihen, die trotz der Reputation durch die Stammbands aller Beteiligten ohne Fesseln auskommt – da ist es wohl nur konsequent, dass die Band ihr Zweitwerk physisch nur in stark begrenzter Stückzahl und ohne großes Aufsehen auf den Markt bringt, obwohl sie sich eigentlich nicht nur mutiger, sondern doch auch deutlich zugänglicher, griffiger und massentauglicher präsentiert als noch auf Gunnera.

Alleine der Beginn ist dafür symptomatisch, der keine elendslange Odyssee mehr abverlangt: Der Postleitzahl-Verweis-Opener 97741 baut rund um seine wuchtig-verspielt-aufgeweckte Rhythmusarbeit einen ansteckenden Pump, der plötzlich pulsiert, hämmert, und Beine und Kopf gleichermaßen infiziert wie die hittauglichsten Battles-Nummern. Our Puram schickt sich damit bereits vom ersten Moment an seine Melodien griffiger, dichter, fokussierter und über weite Strecken auch zwingender aufzubereiten als Gunnera, das nun im relativierenden Rückblick im ersten Augenblick wie eine erste Aufwärmrunde erscheint, da viele installierte Merkmale der Band nun verfeinert, intensiviert und weniger subtil aus dem wildeuchernde Gesamtgeflächt emporgehoben werden.
Der dadurch entstehende Sound wirkt druckvoller inszeniert, die Präsenz weniger flüchtig. Jedes Detail sitzt wieder an seinem Platz, alle Beteiligten bekommen die Freiheiten um zu strahlen, funktionieren aber gerade als gemeinschaftlicher Organismus nahtlos. Wo Gunnera bis heute seine mystische Atmosphäre, seine schleierhafte Flüchtigkeit und Körperlosigkeit als großen Trumpf behalten hat, agieren Pfarmers auf Our Puram eben anders, handfester – vielleicht sogar das kleine Quäntchen besser. Der gesamte Spannungsbogen der Platte wirkt kohäsiver, nahezu alle Elemente von Our Puram unbedingter und bestimmter, auch selbstsicherer, als das die Allstar-Truppe das bisher zelebriert hat. Dass Pfarmers sich dabei auch deutlicher als bisher in den Windschatten von (den momentan offenbar ohnedies inaktiven ) Menomena begeben, und damit minimal an ihrer Eigenwilligkeit – nicht aber originären Charakterstärke – eingebüßt haben, tut dem Trio sogar durchaus gut. Zünden Pfarmers doch nunmehr selbst dann konkreter, wenn sie der Lust am drögen Jam-Plätschern nachgeben und abschweifen: Die Konturen von Our Puram bleiben selbst dann geschärft, wenn die Strukturen verschwimmen.

Fragen bleiben am Ende dennoch einige offen. Warum etwa das flirrende Majestätsgefühl Red Vermin (das entlang seines enspannt-meditativen Krautrock-Wachstumsprozess über einen durchatmenden Zwischenpart zur orchestral drückenden Größe findet) als Singlevorbote auserwählt wurde, wo doch gleich danach mit You’re with Us ein wild aufgedrehter, feierlich und übermütig-treibender Ohrwurm wartet, den Seim mit noch so lethargischen Gesang konterkarieren kann, ohne den ehesten kleinen Hit der Platte zu zerstören. Da darf  der von vorne bis hinten triumphal auftrumpfende Devendorf  sogar mühelos World Music- und Electronic-Loung-Versatzstücke in sein Spiel einbauen, im lässigen The Commune den groovenden Hip Hop-Beat mit funky Bassspuren vermischen oder für Sheela so viele Facetten im Mix verstecken, dass es auch in weniger packenden Augenblicken beim zehnten Durchgang neue Klangnuancen zu entdecken gibt.
Pfarmers schöpfen ihr Potential mit enger gezogenen Zügeln variabler (eben: „Die in each moment/So that you can be new each moment„) und effektiver aus, was dann auch im großartigen Titelsong kulminiert: „Slowly, surely/ we’ll forget about our puram“ singt Seim vor dem unerschöpflich optimistisch dahinlaufenden Drums, die sich durch einen meditativen Leviathan von einem Songkonstrukt schlängeln und letztendlich tatsächlich ein wenig in Transzendenz auflösen. Dass Pfarmers EL VY und LNZNDRF spätestens hier auch endgültig überholen, nimmt man erst nach und nach wahr.

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