Protomartyr – Consolation E​.​P.

von am 19. Juni 2018 in EP

Protomartyr – Consolation E​.​P.

Protomartyr ruhen sich nicht auf den Lorbeeren ihres gefeierten 2017er-Viertwerks Relatives in Descent aus: Auf der Consolation EP wächst die Band dank Kelley Deal nicht zur neuen Formvollendung, aber doch wieder ein klein wenig über sich hinaus.

Das Momentum ist nur wenige Monate nach Relatives in Descent sowie All Nerve intakt, dass sich die Kombination aus Protomartyr und der Breeders-Gitarristin sich zudem ganz wunderbar ergänzt, weiß man ja bereits von der A Half of Seven-Nummer Blues Festival.
Bis es zum neuerlichen – soviel sei bereits verraten: grandiosen! – Zusammentreffen von Deal und der Band von Frontmann Joe Casey kommt, serviert die Consolation EP jedoch erst einmal gehobenen Standard im Signaturesound, der durch den Mix von Produzent Mike Montgomery vorerst auch ohne den prominenten Gast noch einmal eine Spur lebendiger und energisch am Studioalbum aus dem vergangenen Jahr ansetzt

Im eröffnenden Wait darf die Leadgitarre immer wieder kurz aus dem unheimlich dicht brütenden Postpunkt-Kessel ausbrechen, den die Rhythmussektion nahe am mittlerweile etablierten Trademark schürt. Protomartyr flirten zudem mit dem Noiserock, machen den Sack nach straighten zwei Minuten aber einfach zu: Wait ist eine starke B-Seite, wenn man so will, aber nicht unbedingt mehr.
Same Face in a Different Mirror ist danach schon wagemutiger, stichelt aus dem ambienten Klangraum heraus, bleibt vor einer gewissen inneren Zerrissenheit elegischer und versöhnlicher, als man das sonst von der Band gewöhnt ist. Mitsamt den starken Lyrics hätten andere Bands wohl versucht, um die melodischen Gitarren im Refrain eine Ballade zu schreiben – Protomartyr nennen es hingegen gar nicht zu Unrecht Mutant Pop.

Es ist auch ein stufenweises Hinaufschalten der Maschine, das Protomartyr auf der zweiten Plattenseite schnell im Highlight Wheel of Fortune gipfeln lassen. Stakkato-Attacken und Feedback heißen altbekannt willkommen, doch spätestens in der Synergie mit Deal ist sofort eine neue Facette im patentierten Soundbild zu erkennen. Alleine, wenn die energisch gepredigte Hook („I decide who lives and who dies“) so verdammt catchy und dennoch leicht neben der Spur ihren Haken auswirft, hat einen die Band unmittelbar gefesselt. Dass Wheel of Fortune später in einen ästhetischen Horrormovie-Suspence-Ambientpart kippt, aus dem sich die Spannungen mit erhebendem Chor zur episch schleppenden Majestät auf bauen, passt zum wuchtig schiebenden Charakter der Nummer.
Noch deutlicher wird das weiterhin nach oben offene Wachstumspotential der Band im abschließenden, betörend schönen You Always Win, in dem ein durchhängender Bass und lieblich-gespenstische Deal-Backingvocals an der Hand nehmen. Fast schon kontemplativ entspinnt sich eine traumwandelnde Nummer, die ihre Dynamik immer wieder umschichtet, und am Ende noch ein breites instrumentales Spektrum an Bord holt – Jocelyn Hatch (Viola), Evan Ziporyn (Bass Clarinet), and Lori Goldston (Cello) – und die skandierende Protomartyr-Kantigkeit damit irgendwo als Kammermusik mit den Mitteln des Postrock auffächert.
Insgesamt sind das 15 Minuten, die – ohne bereits restlos bei neuen Ufern angekommen zu sein – anhand einer guten A-Seite und einer herausragenden, Deal-geprägten B-Seite versprechen, dass der Zenit mit Relatives in Descent wider Erwarten noch nicht erreicht gewesen sein dürfte.

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