Madonna – Confessions II
Damit war nun wirklich nicht zu rechnen, doch es stimmt tatsächlich: Mit dem Sequel Confessions II hat Madonna fernab eines eigentlich zustehenden Alterswerks ihr bestes Studioalbum seit Confessions on a Dancefloor aufgenommen!
Fortsetzungen sind ja nicht selten ein auf Nummer Sicher gehender Ausdruck mangelnder Inspiration. Dass die Queen of Pop unlängst nach über 15 Jahren Funkstille jedoch wieder mit Stuart Price zusammengefunden und zudem die enervierenden Wartezeit bei anderen Projekten zu überbrücken hatte, was beide wiederum als ideale Gelegenheit für einen Anknüpfungspunkt an das gemeinsame 2005er-Werk sahen, erweist sich hingegen als wahre Frischzellenkur für die seit vier Alben bestenfalls medioker darbende Karriere der Madonna.
Confessions II ist, um es vorwegzunehmen, keineswegs redundant oder gar eine Verzweiflungstat, sondern durchaus essentiell für die Diskografie von Frau Ciccone.
Macht das Nachfolge-Album doch nicht nur direkt dort weiter, wo das Duo vor unfassbar langen 21 Jahren aufgehört hat, indem es die Protagonistin in einen nahtlosen, wunderbar rund fließenden und stimmig sequenzierten DJ Mix stellt, der sich sehr geschmackvoll im EDM, House, Dance Pop und Disco-Ambiente bewegt. Nein, man addiert diesmal auch eine zusätzliche Ebene an routinierter Subversivität – und eventuell gar Tiefenwirkung.
Ganz ungezwungen und gelöst, frisch und natürlich, niemals bemüht, aufgesetzt oder gar angestaubt. Eine kaum nach 67 Jahren klingende Madonna schafft es nämlich, die Coolness der Ästhetik würdevoll mit einer persönlichen emotionaler Ebene zu verbinden und die effektive Kompetenz von Price ideal zu ergänzen.
Was man Confessions II vorwerfen kann, ist, dass dem Duo diesmal keine Über-Single wie Hung Up gelingt und die Highlights auf Teil 1 sowieso expliziter hervorragten. Dafür ist der Nachfolger – wenngleich mit 64 Minuten schon zu ausführlich geraten – das rundere und konsistentere Gesamtwerk geworden. Ein Befreiungsschlag auf dem Safe Space namens Tanzfläche, der kein Kraftakt sein muß.
In I Feel So Free pumpen die Beats engagiert und Madonna selbst etabliert eine sprechende Erzählstimme als in weiterer Folge immer wieder auftauchendes Stilmittel, bevor der erste catchy Refrain schnell den Deckel auf ein keineswegs halbgar aufgewärmtes Erfolgsrezept.
Dass sich in weiterer Folge eher anerkennendes Staunen über diese Trittsicherheit, als tatsächliche Begeisterung einstellt, passt schon – denn Confessions II hat sich mit ständig neuen Hitzewellen im Rücken auch den idealen Release-Zeitpunkt ausgesucht, um einen konsentauglichen Soundtrack ohne erkennbares Ablaufdatum zu liefern.
Da zündet nicht nur das Sabrina Carpenter-Gastspiel Bring Your Love im Kontext weitaus schlüssiger, sondern kreiert ein One Step Away auch Bilder von chilligen Lounge-Clubs am Strand vor dem inneren Auge, während die Lyrics zwischen Dancefloor-Poesie und tragischen Existentialismus pendeln: „Understand your violence and the trauma you’ve survivеd/ Nobody’s free until they’re broken“.
Der smoothe Groove von Good for the Soul wird im exzellenten Club-Aushängeschild Danceteria hinten raus mit funky Schüben abgetaucht, was im Latin-Stampfen von Read My Lips mit Feids Vocoder seine Auflösung findet. Everything kennt immer dramatischer und epischer werdende Steigerungen, derweil die pumpende Partystimmung Love Sensation in Zeitlupe tanzend Erinnerungen an Lady in eine subversive Euphorie packt. Durch Love Without Words schweifen futuristische Laser und Bizarre gönnt sich eine sehnsüchtig-melancholische Ausgangsbasis, bevor die Platte ihr Gewicht zu verlagern beginnt, ohne an Qualität einzubüßen.
Mit School und dem cinematographischer werdenden, organischen Facetten Raum neben erhebendem Pop-Facetten gebenden Fragile kommen die UK-Wurzeln stärker zum Tragen, bevor My Sins Are My Savior mit Stromae dort zum R&B schielt und Betrayal ein kontemplativer trompetendes Trip Hop-Ambiente pflegt: Im letzten Viertel kommt die Party langsam zur Ruhe, vielleicht ist es auch ein Nachhausekommen.
Davor bündelt ein Album, das inhaltlich auch immer wieder persönliche Verluste aus familiärer Sicht reflektiert, mit Lola Leon aka Tochter Lourdes Lourdes seine Agenda aber noch im homogenen Kontrast aus treibender Rhythmik und entschleunigt sinnierender Performance – direkt in den Appendix L.E.S. Girl übergehend, der irgendwo zwischen Acoustic Ballade und plätschernder Indietronic keineswegs aus dem Rahmen fällt, sondern diesen stimmungsvoll als nostalgische Erinnerung schließt. Was ganz wunderbar zu diesem anachronistischen Comeback passt.


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