Jesse Welles – Under The Powerlines III (January 2025 – June 2025)
Auf dem Cover ist diesmal keine Starkstromleitung auszumachen. Ein Hinweis darauf, dass Under The Powerlines III (January 2025 – June 2025) sich in mancherlei Hinsicht von Teil 1 und 2 unterscheidet.
Das Grundprizip ist zwar dasselbe geblieben: Jesse Allen Breckenridge Wells versammelt die YouTube-Aufnahmen, die er, mit Gitarre und Mundharmonika unter dem freien Himmel Arkansas‘ ungeschliffen eingefangen hat, und zeigt damit die Ursprünge vieler seiner späteren Albumsongs.
So gibt es diesmal neben (einem noch dezent müden) No Kings unter anderem die Rohversionen von Nummern zu hören, die später im Studio für Middle und Wheel, Pilgrim (etwa Life is Good, Domestic Error, Far From Home oder Will The Computer Love the Sunset), Devil’s Den (beispielsweise Golden Age) sowie With the Devil landeten. Wobei das zweimal vertretene Wild Onions gleich die Alarmglocken schrillen lässt, hat Welles die (erste und zu lange der beiden) auf Under The Powerlines III verwendete Darbietung im Vergleich zum YouTube-Original doch (textlich) auffallend verändert.
Zudem fällt auf, dass in weiterer Folge Stücke fehlen, die der 33 jährige im Zeitraum, den die Compilation eigentlich abdeckt, auf die Videoplattform hochgeladen hat: Horses bzw. Why Don’t You Love Me sowie Lab Leak, Fear is The Mind Killer, Anything But Me oder (das zugebgeben aus dem Rahmen fallende) Heart Shaped Box.
Auch abseits dieser überraschenden Entscheidungen gibt es diesmal Szenen, die vom üblichen Verhaltensmuster der Compilation-Serie abweichen.
Das obligatorisch vertretene War isn’t Murder kommt beispielsweise in der New York Subway daher, das locker und uhuuuhuuuuunbeschwerte Turtles – Chicago (March 4, 2025) blendet sein Publikum (!) abrupt ab, und die dritte von drei Varianten von Red vom aktuellen Masks Off heißt nicht umsonst Jesse Gets Kicked Off the Queen’s Walk (May 14th 2025).
Mit Bertolt Brecht „War Primer“ (May 8th, 2025), Welles in Amsterdam – Remco Campert “Poetry” and Hans Sleutelaar “the Last Soldier” (May 9th 2026) sowie Jean-Paul Sartre – Men Get the War They Deserve (May 12th 2025) gibt es diesmal außerdem eine Handvoll Spoken Word-Gedichte.
Auf populäre Cover-Songs verzichtend wirkt Under the Powerlines III wegen all dieser Faktoren über 61 Tracks (respektive 175 Minuten Spielzeit) auch zerfahrener als seine beiden Vorgänger, hat aber alleine schon für Chronisten dennoch so viele Highlight-Momente parat.
Life Is Good (January 1, 2025) und (das hier noch unter seinem ersten Namen firmierende) I Ain’t Got None of My Friends Left (March 5, 2025), die beiden Singles aus Vorjahr, sind sowieso potentielle Diskografie-Klassiker (wobei man letzteren nicht nicht mit dem ebenso tollen Friend Song (June 5, 2025) verwechseln darf). Saddest Factory in Decatur, Arkansas (March 19, 2025) hat eine starke Hook und die rau drangsalierende Satire Little Men (April 4, 2025) gäbe es auch in einer noch pointierteren Version – doch auch so trifft Welles hier präzise.
In Dead Diplomats (May 22, 2025) zirpen die Grillen zur bestürzten Story aus Palästina. College (May 27, 2025) und My Billionaire Daddies Are Fighting (June 6, 2025) sind dagegen auf saloppe Weise so zynisch wie tragikomisch, was auf gewisse Weise auch auf das prophetische Sometimes You Bomb Iran (June 22, 2025) zutrifft. Das Nomen Est Omen-Deja Vu (June 16, 2025) kennt man dagegen wohl weitestgehend unter anderem Namen und Don’t Go Giving Up (June 23, 2025) ist hier wohl sogar schöner, als in der Studio-Version.
Trotz einiger Schlingerkurse herrscht also keinerlei Übersättigungsgefühl – die Aufarbeitung der Zeit ab Juli 2025 kann beginnen!


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