Ryan Adams – Prisoner (B-Sides)

von am 11. Juni 2017 in Album

Ryan Adams – Prisoner (B-Sides)

Man muss kein Zyniker sein, um anerkennen zu müssen, dass die Trennung von Mandy Moore Ryan Adams zu einem neuerlichen kreativen Höhenflug verholfen hat. Weswegen es natürlich umso erfreulicher ist, dass der B-Seiten-Appendix des wenige Monate alten Prisoner nun in digitaler Form auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird.

Der melodramatisch betitelten End of The World-Edition des seit seinem Erscheinen kaum abgenutzten Prisoner hat Ryan Adams nicht nur Pappfiguren von sich und seiner Band beigepackt, sondern (mittlerweile) auch 19 Songs, die es nicht auf das 16. Studioalbum des am frisch gebrochenen Herzen laborierenden 42 Jährigen geschafft haben.
An der Qualität kann es nicht gelegen haben, denn die nun verteilten Songs sind schlichtweg allesamt zu gut, um in der Versenkung zu verschwinden. Die vermeintliche Ausschussware muss sich in Summe höchstens den relativen Vorwurf gefallen lassen, dass das geschickt selektierte reguläre Studioalbum (auch dank der Mithilfe von Don Was) die offensichtlicheren und leichter zugänglichen Songs parat hatte, in der schöneren Verpackung schneller zündete und auf den Punkt kommender agierte. Was im Detail bedeutet, dass die B-Seiten-Collection aufgrund ihrer ausführlichen Spielzeit am Stück gehört – und gerade hinten raus – die eine oder andere Länge im weniger zwingenden Spannungsbogen aufweist.

Ein minimale Schönheitsfehler, über den ohne gravierenden Aufwand hinweggesesehen werden kann. Weniger, weil zwei Tracks (das entspannt polternde, ätherisch mit Springsteen-Mundharmonika aufgehende Lookout, sowie  die erst akustisch gehaltene, dann energisch stampfenden, aber ideenlos aufgelösten Feuerzeug-Nachdenklichkeit The Cold) als nachgereichte Downloads ohnedies End of the World-exklusiv bleiben.
Sondern, weil sich die restlichen, regulären 17 Songs als dem Prisoner-Material weitestgehend ebenbürtige Rohdiamanten erweisen, die ihre Stärken mit jedem Durchgang weiter offenbaren und sich damit als ein ganz wunderbares – mehr noch sogar: essentielles! – Präsent von Adams an seine weniger finanzstarken Fanschichten erweisen. Zumal die nominellen B-Seiten letztendlich vor allem durch den prägenden Sound zu einem homogenen, kohärenten Ganzen zusammenfinden.

Sowohl das energisch eröffnende Where Will You Run? (das immer wieder mit einem hemdsärmeligen Refrain in Richtung Rock-Club aufmacht) läuft mit seiner bezeichnend schneidenden Gitarre kantig dahin, als auch das elegisch hinterherträumende Juli führen gleich eingangs deutlich vor, dass Adams sich für seine jüngsten Kompositionen soundtechnisch vor allem vom Postpunk der Insel, von The Cure und The Smiths hat beeinflussen lassen: die Saiten perlen elegisch und gleichzeitig messerscharf.
Die Produktion ist zudem im Gegensatz zum weicher arrangierten und sauber ausgeleuchteten Hauptwerk roh und auf die Hinterbeine gestellt, hat alles wattierte gegen eine angriffslustig in die Depression rockende Kratzbürstigkeit getauscht. Womit die B-Seiten immer wieder wie ein herrlich ungeschönt rockender Counterpart zur regulär veröffentlichten Studioplatte auftreten.

Es gibt da deswegen also Glanztaten wie das relaxt treibende Are You Home?, Elegien wie Halo, das getragene Let it Burn oder das wunderschön leidende You Said. Zudem umwerfende Beinahe-Hits ala No Words (der die allgegenwärtige Melancholie und Wehmut in eine nach vorne gehenden Kraftakt ohne unnötiges Muskelspiel übersetzt), den am epischen entlangschrammenden Ohrwurm Stop You oder das grandiose, assoziativ in seine Referenzen gelehnte Hanging on to Hope – allesamt Nummern, die Adams besten Karrieremomenten nahe kommen.
Dennoch sind es auch die den Sound etwas durchlüftenden Phasen, die Prisoners (B-Sides) nachhaltig in die Karten spielen. Crazy Now agiert etwa munter und flott mit federnder Percussion und lockerer Akustikgitarre, was den Song im allgemeinen Klima angenehm durchatmend luftiger und legerer in Szene setzt. It Will Never be the Same wiederum drosselt den Vorwärtsgang betont unaufgeregt, und das countryeske What if I Were Wrong zeigt mit einem erhabenen Chorus auf.
Spätestens wenn Broken Things minimalistisch und subtil unter die Haut geht, als klaviergestützte Ballade so unendlich gefühlvoll zu funkeln beginnt, erscheint der Einsatz dieser Songs als Editions-exklusives Bonuszuckerl wie eine der größten Verschwendungen in Adams‘ reichhaltiger Discografie. Alleine die nebensächliche Tatsache, sie für die Allgemeinheit jetzt unter einem B-Seiten-Banner zu vertreiben, verkauft diese wunderbaren Kleinode irgendwo immer noch unter Wert – hat man es doch eigentlich nicht so sehr mit dem ungemütlicheren Teufelchen auf der Schulter von Prisoner zu tun, sondern viel eher mit einem vollwertigen, nahezu ebenbürdigen Gegenstück zu Prisoner oder dem dunkleren Part des potentiell stärksten Doppelalbums seit langer Zeit.
Da darf man sich durchaus fragen, wie es mit dem restlichen unveröffentlichten, knapp 50 Kompositionen aussieht, die Adams in den Sessions für das Album geschrieben hat.

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