Savages – Adore Life

von am 31. Januar 2016 in Album

Savages – Adore Life

Im Jänner des vergangenen Jahres spielten Savages erstmals Songs ihres Zweitwerks live um sich selbst in die richtige Stimmung zu versetzen, verkrochen sich danach allerdings auch wieder im Studio,  um die Kompositionen den Reaktionen des Publikums folgend maßgeschneidert anzupassen.

Angesichts eines derart getriebenen, selbstbewusst aufstampfenden Debüts wie ‚Silence Yourself‚ es auch heute ist, wäre das in London beheimatete Frauenquartett wohl die letzte Band letzten gewesen, von der man eine vermeintlich derart zielgruppenorientierte Marktoptimierung-Aktion erwartet hätte. Auch wenn die Beweggründe hinter diesen Gigs manigfaltig waren muss man freilich bedenken: Mit der Euphorie rund um das Erstlingswerk stiegen nun mal eben Erwartungshaltungen, der Druck einer größer gewordenen Zuhörerschaft und damit offenbar auch die Verletzlichkeit innerhalb der Band. Fakt ist (und da können gleich die berauschend aggressiven Drums im atemlos eröffnenden ‚The Answer‚ noch so faszinierend hungrig und fiebrig nach vorne treiben, um das Stimmungbarometer ordentlich anzuheizen): Man hört all dies dem zweiten Album von Savages durchaus an – was ‚Adore Life‚ allerdings nur bedingt zu einem schwächeren Album macht als ‚Silence Yourself‚. Viel eher wirkt das Zweitwerk der Band in seinen stärkeren Momenten an diesen gestiegenen Anforderungen sogar durchaus gewachsen.

Alleine der Sound. Der ist nun generell aufgeräumt und dicker; artiger, wenn man so will, vielleicht sogar angepasster und sicherlich weniger biestig, aber im Grunde vor allem erfahrener, gefestigter und auf eine breitere Basis gebaut. Die nicht zu bändigende Energie, die das fies glimmernde ‚Silence Yourself‚ in unberechenbarer Gefährlichkeit vibrieren ließ, ist damit weitestgehend verschwunden; und gerade die noch in dieser Spannweite verankerten Postpunk-Songs in Tradition von Siouxsie and the Banshees, Joy Division und den üblichen als Referenz herhalten müssenden Genregrößen reicht so von standadisierten Langeweilern (‚Evil‚ oder ‚When in Love‚) bis zu energetischen Genrevertretern (‚Sad Person‚). Man scheitert an sich selbst wie an dem Gefühl, dass die Anliegen nicht mehr derart bedingungslos unter den Nägeln brennen.  Am besten ist ‚Adore Life‚ also immer dann, wenn es sich am weitesten aus dem Einflussbereich von ‚Silence Yourself‚ entfernt und damit den Eindruck umgeht, es mit gar zu generischem Zähmungen zu tun zu haben.
Dann sind da nun auch Songs wie der  ungemütlich pochende Beinahe-Titelsong ‚Adore‚ möglich, das gar an einen Nick Cave denken lässt und die Gitarren über den meditativen Abgrund laufen lässt – zu unbehaglich, um von einer Ballade zu sprechen. Selbiges gilt für das feedbackschwer dräuende Atmosphärekleinod ‚Mechanics‚. Dass Elektronik-Zampano Anders Trentemøller für den finalen Mix des von Johnny Hostile produzierten Albums verantwortlich zeichnet, meint man darüber hinaus vor allem Songs wie dem mit staubtrockenen Beat auf die Tanzfläche stierenden ‚Slowing Down the World‚ oder ‚I Need Something New‚ anzuhören, in dem sich der wuchtige Bass bis unter die Haut schraubt. ‚Surrender‚ dröhnt gar an der Grenze zum finsetern Noir-Elektronik vorbei. Gut so: Es haben sich eben durchaus neue Perspektiven und Möglichkeiten für die Band geöffnet. Und wenn Savages diese tatsächlich nutzen, vermisst man als Hörer die aufgegebene furiose Nervosität, das explosive Noise-Momentum im Songwriting kaum mehr.

Zusätzlich aufgewogen wird diese musikalische Neugewichtung auch spätestens dann weitestgehend, wenn sich zeigt, dass der phasenweise kalt scheinende Nihilismus des Vorgängers auch ohne zuviel Sonnenschein gelichtet wurde und Savages-Frontfrau Jenny beth ihre Gefühle aus der Düsternis hervorkriechend durchaus optimistisch auftauen hat lassen.
Mehr noch: ‚Adore Life‚ ist über weite Strecken eine geradezu existentialistische Sammlung emotional attackierender Lovesongs geworden, das Credo „Love is the answer“ strahlt zu jeder Sekunde dunkel. „I hate your taste in music„, aber „I’m not gonna hurt you, cause I’m flirting with you“ und „This is what you get when you mess with love„. Das darauffolgende Ringelspiel im Burnout-Modus zirkuliert fokussiert außer Kontrolle. Selbst ein Lächeln verkneifen sich Savages diesmal nicht: „If you don’t love me/You don’t love anybody/ Ain’t you glad it’s you?„. All dies zirkelt Jenny Beth in eine der schönsten Erkenntnisse des jungen Jahres: „Maybe I will die maybe tomorrow/ So I need to say I adore life„.
Dass SavagesAdore Life‚ vorab aus verschiedenen Perspektiven abgestimmt und Reaktionen ausgewertet haben, ist in diesen Kontext dann also durchaus schlüssig und stimmig, auch wenn der Eindruck bleibt, dass die 10 Songs sich instinktiv nicht zwischen Neuausrichtung und Festhalten an alten Tugenden entscheiden können und auf einer zu oft schaumgebremst in Szene gesetzten, unerfüllend weitreichenden Platte deswegen auch nur halbgar funktionieren. Also ironischerweise wohl erst live ihre Trümpfe richtig ausspielen werden.

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