Scott Matthew – Unlearned

von am 13. Juli 2013 in Album

Scott Matthew – Unlearned

Da bekommt sogar der kälteste Zyniker Tränen in den Augenwinkeln: Scott Matthew gibt seiner live so gerne gefrönten Leidenschaft für Fremdkompositionen auf Albumlänge nach und leidet sich in betörender Schönheit durch ein Meer aus berührenden Lieblings-Lovesongs.

Keine schlechte Entscheidung. Herzzerreißende Songs wie das über sakrale Orgelahnungen schwebende ‚To Love Somebody‚ (Bee Gees) oder die zurückgenommene Bombastbefreiung von Whitney Houstons Schmachtfetzen ‚I Wanna Dance With Somebody‚ sind förmlich maßgeschneidert für das vor Sehnsucht verglühende, gallige Bowie-Gedächtnis-Organ des Scott Matthew. Wo seine Stärken liegen weiß der Australier natürlich und beweist ein ebenso stilsicheres wie effizientes Händchen bei der Auswahl der Kompositionen. Roberta Flack (‚Jesse‚) tummelt sich als Urheber der Songs deswegen nahtlos neben Neil Young (‚Harvest Moon‚), Radiohead (‚No Surprises‚), Morrissey (‚There’s a Place in Hell for Me and My Friends‚) oder Rod Stewart (‚I Don’t Want to Talk About It‚).

Dabei verlässt sich Matthew zumeist auf eine äußert spartanisch in Szene gesetzte Umgebung. Neben leise geschlagenen Gitarren finden sich auf ‚Unlearned‚ instrumentale Ausrufezeichen nur sorgsam gestreut – wie etwa die vor der Ukulele taktangebende Tuba im von Nat King Cole populär gemachten ‚L.O.V.E‚; das sanfte Cello in  John Denver’s ‚Annie’s Song‚; oder die traurig schlurfenden Pianoparts: das unvermeidliche ‚Love Will Tear Us Apart‚ hat nichts mehr von Joy Divisions tanzbaren Post-Punk intus, dafür alles theatralische Gewicht der Welt auf den schmalen Schultern; ‚Darklands‚ von The Jesus and Mary Chain schwindelt in der getragenen Herangehensweise gegen Ende gar unbemerkt gar subtile Beats ins Geschehen.

Derartigen Minimalismus kann (und sollte) man sich natürlich erlauben, wenn die Kompositionen an sich über jeden Zweifel erhaben sind und die eigene Stimme darüber hinaus den direktesten Weg zur Gänsehaut kennt. Die Entscheidung The Divine Comedy-Sänger Neil Hannon für die nachdenkliche Charlie Chaplin-Nummer ‚Smile‚ einzuladen, und für den wunderbaren Kris Kristofferson-Hadern ‚Help Me Make it Through the Night‚ Vater Ian als Duet-Partner ins Studio zu holen, tut der Platte dennoch gut. Denn trotz der Bemühung um Vielseitigkeit ist gerade die intime Atmosphäre von ‚Unlearned‚ gleichermaßen der großer Trumpf wie mit zunehmender Fortdauer auch der (anhaltende) Pferdefuß von Matthew’s Arbeit.

Für sich genommen ist keiner der 14 Songs schwach geraten – gerade die Interpretationen der populärsten Nummern gelingen Matthews ohne spürbaren Erwartungsdruck grandios, wenn sehnsüchtige Romantik nur einen rührenden Rotweinschluck von sehnsüchtiger, geradezu suizidaler Verzweiflung entfernt liegt. Am Stück und über 55 Minuten gehört muss sich trotzdem zwangsläufig eine geradezu ermüdende Gleichförmigkeit einstellen, die gegen all die aufgefahrene, herzerwärmende Melancholie beinahe abstumpfend wirkt.
Trotzdem ist ‚Unlearned‚ ein durchwegs formidables Kleinod: Wo andere Musiker beim Schmücken mit fremden Federn oft ein Fragezeichen hinterlassen, setzt Matthew hiermit eine stimmige und eigenwillige Fußnote neben sein bisheriges Schaffen. Vor allem aber stellt er mit den Interpretationen von ‚Unlearned‚ genug Material bereit, um über die nächsten Jahre hinweg unzählige Lovesong-Mixtapes mit reichlich schmeichelndem Wehmut zu beliefern.

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